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Wissenschaftskongress in Kiel : Wie die Energie der Zukunft aussehen könnte

vom
Aus der Onlineredaktion

In Kiel stellen Wissenschaftler ihre Forschungen zum Thema Energie vor – und vernetzen ihre Ideen.

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2017 | 14:29 Uhr

Kiel | Windanlagen, Solarstrom, Energiespeicher, Stromsparen, Klimaschutz – mit der ganzen Palette des Komplexes Energie hat sich am Mittwoch ein Wissenschaftskongress in Kiel befasst. 100 Wissenschaftler aus Schleswig-Holstein hatten ihre neuesten Forschungen mitgebracht und hielten jeweils dreiminütige Vorträge. Das Format hatte die Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ entwickelt. Sie richtete den ganztägigen Kongress „Future Energies“ mit rund 900 Gästen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam mit dem Land Schleswig-Holstein aus.

„Energiewende ist mehr als Strom aus Wind und Sonne“, betonte Energiestaatssekretär Tobias Goldschmidt. Sie müsse auch Verkehr, Wärmeversorgung und Industrie durchdringen und die Chancen der Digitalisierung nutzen. „Wir in Schleswig-Holstein sind im Mittelpunkt der Energiewende“, sagte der Staatssekretär. „Wir sind dem Rest Deutschlands etwa ein Jahrzehnt voraus.“ Doch auch hier gibt es offene Baustellen. Eine ist der abgeregelte Strom. Denn der kostet Geld, ohne dass ein Nutzen entsteht. Jährlich immerhin etwa 300 Millionen Euro. Die werden als Entschädigung dafür fällig, dass ein Windrad nur deshalb stillsteht, weil es Engpässe im Netz gibt. Im Jahr 2015 mussten etwa 14,4 Prozent der schleswig-holsteinischen Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien abgeregelt werden. Energie, die man auch sinnvoll hätte nutzen können.

„Zum Beispiel in Schwimmbädern“, schlug Dr. Christian Buchmüller von der FH Westküste in seinem Vortrag vor. Die verbrauchen besonders im Winter viel Energie. Er fordert, die als sogenannte „zuschaltbare Lasten“ mit der Energie zu füttern, die sonst „weggeschmissen“ würde. Jan Rispens von der Erneuerbare Energien Hamburg Clusteragentur möchte flexible Großverbraucher mit dem Strom speisen. Zum Beispiel die Stahlschmelzen von ArcelorMittal in Hamburg. Je nach Strommenge könnten die dann bei 90 oder bei 110 Prozent laufen.

Dr. Klaus Taube reiste mit dem ultraleisen Wasserstoffauto an.

Dr. Klaus Taube reiste mit dem ultraleisen Wasserstoffauto an.

Foto: Mira Nagar
 

Dr. Klaus Taube schlug vor, Überschussstrom in Wasserstoff zu speichern. Wofür das Gas gut ist, zeigt er auch gleich in der Tiefgarage: Er ist mit dem Wasserstoffauto aus Geesthacht gekommen. Kein Problem, auch wenn es keine Wasserstofftankstelle in Schleswig-Holstein gibt. „Ich habe in der Hafencity getankt“, erklärte er. 300 Kilometer weit kommt er damit, die nächste Tankstelle wäre dann in Kolding. „Wasserstoffautos finde ich alleine deshalb schon gut, weil ich an einer lauten Straße wohne“, sagte Taube und startete den ultraleisen Mercedes. Der Haken bei Wasserstoff – neben den fehlenden Tankstellen – ist bislang die Energie schluckende Herstellung aus Erdöl. Taube möchte stattdessen eine photoelektrische Wasserstofferzeugung etablieren – kurz: H2 aus Wasser mit Sonnenlicht gewinnen.

Möchte Treibsel als Ressource nutzen: Dr. Kai Ahrendt von der Uni Kiel.

Möchte Treibsel als Ressource nutzen: Dr. Kai Ahrendt von der Uni Kiel.

Foto: Mira Nagar
 

Einen anderen Zugang zu Energie hat Dr. Kai Ahrendt. Er möchte Algen und Seegras am Strand nutzen – normalerweise ein Ärgernis für Gemeinden. An Land gespült muffeln sie unangenehm vor sich hin, schrecken Touristen ab und müssen teuer entsorgt werden. Für den Wissenschaftler von der Uni Kiel ist das sogenannte Treibsel allerdings kein Müll, sondern eine Ressource. „Das Seegras kann man gut in der Dämmung verwenden“, erklärte der Wissenschaftler. Die Algen eignen sich als Dünger. Allerdings gab er zu bedenken: Da sie nicht die Angewohnheit haben, ein Etikett zu tragen, kann es an dieser Stelle wieder Probleme mit der Düngemittelverordnung geben. Denn wer die Vorgaben zu Stickstoff und Phosphor reißt, riskiere Subventionsmittel.

Wie man das stinkende Strandgut nun in eine landwirtschaftliche Ressource umwandeln kann, möchte Ahrendt ab dem kommenden Jahr an mehreren Modellhöfen mit ökologischem Landbau in Schleswig-Holstein drei Jahre lang erforschen. Noch muss der Wissenschaftler aber warten, ob das Projekt genehmigt wird. Dann wird sich auch klären, ob es auch wirtschaftlich ist, das Treibsel zu nutzen. „Weil Sand drin ist, muss es noch gereinigt werden“, gab Ahrendt zu bedenken. „Außerdem funktioniert es nur auf regionaler Ebene.“ Denn Treibsel quer durchs Land zu schicken, verschlingt wiederum Energie.

„Wir brauchen negative Emissionen“, fordert Dr. Wilfried Rickels vom IfW.

„Wir brauchen negative Emissionen“, fordert Dr. Wilfried Rickels vom IfW.

Foto: Mira Nagar
 

Während woanders über Einsparungen und Ressourcen gesprochen wird, will Dr. Wilfried Rickels einen Schritt weiter gehen: Er dringt auf negative Emissionen. Eine Lösung ist seit jeher bekannt: Bäume. „Bei der Aufforstung stößt man aber bald auf Landknappheit“, sagte Rickels. Und tritt damit in Konkurrenz zur Landwirtschaft. Negative Emissionen müssten aber im großen Stil angegangen werden. Rickels möchte daher den dem PH-Wert der Ozeane mehr Beachtung schenken und nennt das dann Alkalinitätsmanagement. Einfach ausgedrückt würde mithilfe von Kalk der PH-Wert der Meere angehoben. „Chemisch wären wir dann wieder im vorindustriellen Zeitalter“, sagte er. Denn das Meerwasser ist leicht basisch (PH-Wert 8) – und bindet so auch mehr CO2. „Die Nebenwirkungen sind überschaubar“, sagte Rickels. „Wir schaffen lediglich einen Ausgleich der Übersäuerung.“ Welche Modelle für negative Emissionen noch infrage kommen, erforscht Rickels derzeit.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) nannte die Veranstaltung eine ideale Plattform für Unternehmen, um in den direkten Dialog mit den forschenden Wissenschaftlern zu treten, sich auszutauschen und Kooperationen zu starten. „Der Wissens- und Technologietransfer aus erster Hand ist entscheidend für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Schleswig-Holsteins als Energiewendeland Nummer 1.“ Er mache Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen besonders attraktiv für den wissenschaftlichen Nachwuchs und trage damit zur Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft bei. „Nur durch den wechselseitigen Austausch von Wissen entstehen neue Ideen und daraus wiederum Innovationen“, sagte auch Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Innovationen sicherten die Zukunftsfähigkeit des Landes. „Der Wissenstransfer beginnt bereits im Schulbereich“, sagte Prien.

Ministerpräsident Daniel Günther bekannte sich für die Landesregierung klar zur Energiewende. „Schleswig-Holstein ist seit Jahrzehnten Vorreiter der Energiewende“, sagte Günther. „Stillstand oder ein Scheitern wäre gegen die Interessen des Landes.“ Dies gelte wirtschaftlich wie auch im Hinblick auf den Klimawandel, der Schleswig-Holstein als Küstenland unmittelbar bedrohe. Der Ministerpräsident rief Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu enger Zusammenarbeit auf. „Damit kommen innovative Ideen und Technologien der Gesellschaft und auch den Unternehmen zugute.“

Doch auch wenn die 100 Forscher 100 Ideen auf den Tisch legen – am Ende braucht es auch die Akzeptanz der Verbraucher, sagte Staatssekretär Goldschmidt. „Wir können uns nicht erlauben, mit Erneuerbaren Energien rumzuaasen. Jedes Windrad, das wir mehr bauen, rückt näher an das Wohnzimmer von jemandem heran.“

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