Aktionstag in Kiel geplant : Werften in SH stehen vor dem Umbruch: So verändert sich der Schiffbau im Norden

Vor ungewisser Zukunft: Werften im Land.
Vor ungewisser Zukunft: Werften im Land.

Derzeit sind 7500 Beschäftigte in Kurzarbeit, viele Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Das liegt nicht nur an Corona.

Margret Kiosz von
25. Oktober 2020, 20:10 Uhr

Kiel | Die Schleswig-Holsteinische Werftenlandschaft sortiert sich neu: Am Sonntag wurde in Flensburg die Fähre „Honfleur“ auf den Haken genommen und zum Fertigbau nach Norwegen geschleppt. Und in Kiel verlegte man den Neubau einer 70 Meter Luxusyacht von German Naval Yards (GNY) in die Lindenauwerft auf dem gegenüberliegenden Fördeufer.

Weniger Schiffe ausgeliefert

Die Branche ist im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung. Grund ist nicht nur Corona. Zwar waren die Auftragsbücher deutscher Werften vor Ausbruch des Virus gut gefüllt, doch das Debakel um die 5,5 Milliarden Euro schwere Vergabe des Mehrkampfschiffes MKS 180 an ein niederländisch geführtes Konsortium hat schon vorher strukturelle Defizite aufgedeckt.

Jetzt, wo die Nachfrage nach Kreuzfahrtschiffen und Luxusyachten – ein Segment, in dem die Werften an Nord- und Ostsee weltweit dominierten – einbricht, wachsen die Sorgen an der Küste. Nach Angaben des Branchendienstes Clarkson wurden im ersten Halbjahr weltweit 22 Prozent weniger Schiffe ausgeliefert, in Deutschland sogar 28 Prozent.

Aktionstag in Kiel

Für Mittwoch hat die IG Metall Küste deshalb zu einem Aktionstag nach Kiel geladen. Die Gewerkschaft rechnet mit einem massiven Arbeitsplatzabbau auf den Werften. Sie sieht mehr als ein Drittel der 18.000 Arbeitsplätze auf den 39 deutschen Werften als akut gefährdet an.

Aktionstag am 28. Oktober: Beginn um 8 Uhr am Platz der Matrosen/Bahnhofsvorplatz und einer Kundgebung am Landeshaus ab 9 Uhr. Neben Betriebsräten und Gewerkschaftschef Friedrich sprechen auch der Ministerpräsident der Wirtschaftsminister und die SPD-Landesvorsitzende.


„Die Substanz der maritimen Wirtschaft ist im ganzen Norden, aber gerade in Schleswig-Holstein, gefährdet“, fürchtet Bezirksleiter Daniel Friedrich. Rund 2000 Arbeitsplätze bei Werften und Zulieferern seien bereits verloren oder aktuell bedroht.

Wir erwarten von der Landesregierung, dass sie jetzt Tatsachen schafft und gemeinsam mit der Bundesregierung endlich für eine Perspektive des in Schleswig-Holstein besonders wichtigen Marineschiffbaus sorgt.“ Daniel Friedrich
 

Es gehe darum, Strukturen zu sichern. „Briefe und Papiere – etwa zur Schlüsseltechnologie Marineschiffbau – sind genug geschrieben“, warnt Friedrich.

Kurzarbeit bestimmt die Branche

Rund 7500 Beschäftigte sind derzeit in Kurzarbeit. So viel wie nie zuvor. Nur in den Reparaturwerften seien alle an Bord. „Alle Reeder, die ihre Schiffe nicht auslasten und fahren lassen können, machen jetzt waschen, legen, föhnen“, sagt Thorsten Ludwig von der Agentur für Struktur- und Personalentwicklung. Allerdings werde dabei aber nur das Nötigste getan. „Es gibt keine größeren Umbauten“, so sein Fazit. Entsprechend prognostizierten bei einer Umfrage ein Drittel der Betriebsräte eine sich weiter verschlechternde Auftragslage.

Bei den Werften dominieren Ludwig zufolge immer stärker Zusammenschlüsse. So arbeiteten in den fünf größten Gruppen inzwischen 80 Prozent aller Beschäftigten. Neben der Meyer Werft Gruppe mit insgesamt 3923 Mitarbeitern, gehört dazu Thyssen Krupp Marine Systems (TKMS) mit 3607 Beschäftigten in Kiel, Emden und Hamburg sowie die Genting Group mit 3075 Mitarbeitern bei der Lloyd Werft Bremerhaven und den Werften in Stralsund, Warnemünde und Wismar (Mecklenburg-vorpommern). Dazu die Lürssen-Gruppe (Bremen, Hamburg Rendsburg) mit gut 2700 Mitarbeitern und die Privinvest Group mit Nobiskrug/Rendsburg, GNY und Lindenau.

Schlüsseltechnologien im Land halten

Eine Konsolidierung im Marineschiffbau wird seit Monaten diskutiert, auch um Schlüsseltechnologien in Deutschland zu sichern. TKMS hat sich für die Gründung eines nationalen Champions ausgesprochen – allerdings bislang ohne Erfolg. Die Werften Lürssen und German Naval Yards Kiel hatten im Frühjahr angekündigt, sich im Marinebereich zusammenzuschließen. TKMS hatte sowohl Gespräche mit Lürssen als auch mit dem italienischen Konzern Fincantieri geführt.

Dass sich die Verhandlungen zwischen TKMS und Lürssen schwierig gestalten, ist für Branchenkenner keine Überraschung. Lürssen ist ein Familienunternehmen während Thyssen-Krupp ein Großkonzern mit starker Mitbestimmung ist.

Es geht um „internationale Wettbewerbsfähigkeit”

Doch womöglich ist man hinter den Kulissen schon weiter. Die Verlegung der 70 Meter-Yacht von German Naval zur wieder aufgefrischen Lindenauwerft und die Ankündigung den Personalbestand bei GNY um 200 Mitarbeiter zu reduzieren, wird an der Küste als Versuch interpretiert, die Braut zum Verkauf schön zu machen. Das anvisierte neue deutsche Unternehmen soll sich dabei ausschließlich auf den Marineschiffbau konzentrieren.

Die Beteiligten hüllen sich derweil in Schweigen. „Wir halten eine Konsolidierung der Systemhäuser im deutschen Marineschiffbau für sinnvoll und erforderlich, um dadurch nachhaltig die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken , hieß es kürzlich bei Lürssen. In Italien, Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Schweden sei die Konsolidierung auf nationaler Ebene viel weiter fortgeschritten.

Wie es übrigens mit der durch Insolvenz entschuldeten Flensburger Schiffbauwerft nach „Abreise“ der „Honfleur “ weitergeht, darüber gibt es nicht mal Spekulationen an der Küste.

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