Rente mit 74 in Dänemark : Wer länger lebt, soll länger arbeiten

Eine dänische Gewerkschaft stellt die Pläne der Regierung in Frage, das Renteneintrittsalter auf bis zu 74 Jahre anzuheben.

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30. Januar 2011, 09:56 Uhr

Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen hatte bereits in seiner Neujahrsrede angekündigt, dass in Anbetracht der Wirtschaftskrise und der Tatsache, dass weniger als die Hälfte aller Dänen arbeite, eine Reform des Rentensystems und besonders der Frühverrentung notwendig sei. In dieser Woche stellte seine Regierung nun den Reformplan vor. Er sieht zunächst die Abschaffung des Vorruhestands vor. Wer in diesen staatlichen Rentenplan 30 Jahre lang eingezahlt hatte, dem stand es ab dem 60. Lebensjahr frei, sich frühverrenten zu lassen. Völlig gesunde Menschen würden dafür bezahlt, dass sie aufhören zu arbeiten, moniert Rasmussen. Das sei auf Dauer nicht machbar; die Frührente koste den Staat jährlich 16 Milliarden Kronen (zirka 2,1 Milliarden Euro.) Gleichzeitig herrsche Fachkräftemangel und die Rentenkassen können von den nachkommenden Arbeitskräften nicht mehr gefüllt werden, heißt es in der Regierungsbegründung.
Gleichzeitig soll das gesetzliche Renteneintrittsalter ab 2019 jährlich um ein halbes Jahr angehoben werden. 2023 läge es dann bei 68 Jahren. Später sieht der Plan vor, das Rentenalter an die durchschnittliche Lebenserwartung zu knüpfen. Ein heute 30-jähriger Däne könnte bis zu seinem 71. Lebensjahr arbeiten müssen; ein heute geborenes Kind bis zum Alter von 74. "Rasmussen hat Recht, dass er auf die Dramatik des demographischen Wandels hinweist", sagt Wolfgang Börnsen, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Bönstrup bei Flensburg. Eine derartige Erhöhung des Rentenalters in Deutschland sei jedoch absolut unrealistisch. "Wir haben ja schon Mühe genug, die Rente mit 67 zu realisieren."
"Absurd und überhaupt nicht nachvollziehbar"
Um den Menschen die Angst vor der längeren Arbeitszeit zu nehmen, müssten neue, flexible Modelle für ältere Arbeitnehmer geschaffen werden. Genau an diesen Modellen fehle es jedoch, bemängelt Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds Nord. "In Ländern wie Dänemark wird älteren Arbeitnehmern eine ganz andere Wertschätzung entgegengebracht. Sie erhalten auch mit über 60 Jahren noch Weiterbildung und die Arbeitsbedingungen sind generell besser."
Herrschten solche Verhältnisse auch in Deutschland, sei eine Rente mit 67 vorstellbar. "Aber eine mit 71 ist absurd und überhaupt nicht nachvollziehbar", so der Gewerkschafter. In Dänemark wie in Deutschland wird damit gerechnet, dass von drei Mädchen, die im Jahr 2011 geboren werden, zwei 100 Jahre alt werden - überall in Europa wird in den kommenden Jahren entschieden, wie lange sie zu arbeiten haben. Dänemark könnte eine Vorreiterrolle einnehmen, auch wenn Lars Løkke Rasmussen noch keine Mehrheit für seinen Vorschlag hat.

EU-Umfrage: "Mit 60 noch fit genug für den Job?"
Denken Sie, dass Sie Ihren derzeitigen Beruf auch noch mit 60 Jahren ausüben können?" - Diese Frage bei der Europäischen Erhebung über Arbeitsbedingungen (EWCS) 2010 beantworteten 72 Prozent der deutschen Befragten mit "Ja". Bei den Büroangestellten waren es sogar 79 Prozent, bei manuell Arbeitenden waren es 61 Prozent. Im Vergleich dazu glaubten in Dänemark 67,6 Prozent der unter 60-Jährigen, mit 60 noch in der Lage zu sein, ihrer derzeitigen Arbeit nachgehen zu können. In Frankreich bejahten 45,7 Prozent die Frage, in England 67 und in den Niederlanden 75,7 Prozent.


(shz)
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