Analyse : Wer bezahlt die Energiewende?

Welcher Kreis erzeugt den meisten Öko-Strom?
Welcher Kreis erzeugt den meisten Öko-Strom?

Netze, Kraftwerke und Menschen- sie alle müssen sich auf die neue Stromversorgung einstellen. Wie funktioniert das Zusammenspiel von Netzbetreibern und Staat rund um den Netzausbau und wie wirkt es sich auf den Strompreis aus?

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12. September 2012, 11:08 Uhr

Auch wenn alle Bürger und Unternehmen genauso darauf angewiesen sind, wie auf Straßen und Wege: In Deutschland gehört das Stromnetz nicht dem Staat, sondern über 900 Netzbetreibern. Dazu gehören die vier großen Übertragungsnetzbetreiber, die das Hochspannungsnetz verwalten (siehe kleine Grafik rechts) und eine Vielzahl lokaler Verteilnetzbetreiber, die auf den niedrigen Spannungsebenen dafür sorgen, dass der Strom bei den Verbrauchern ankommt.
Auf die Netze der Betreiberunternehmen müssen Stromerzeuger wie Verbraucher gleichermaßen zurückgreifen. Schließlich können die Stromproduzenten schlecht jeder ihr eigenes Kabel zu den Kunden legen. Die Netzbetreiber haben dadurch eine Monopolstellung. Damit sie diese nicht ausnutzen und beliebig hohe Preise für den Transport und die Verteilung der Energie von den Stromanbietern und Verbrauchern verlangen können, gibt es gesetzliche Regelungen - und die Bundesnetzagentur. "Es muss eine neutrale Stelle geben, die die Entgelte der Netzbetreiber festlegt", erklärt Rudolf Boll von der Bundesnetzagentur. Diese unabhängige Institution in Bonn regelt daher die Preise für die Dienstleistung "Durchleiten von Strom vom Stromproduzenten zum Verbraucher". Für Privathaushalte machen die Netznutzungsentgelte etwa ein Viertel des Strompreises aus.
Des Weiteren sind die Netzbetreiber gesetzlich dazu verpflichtet, die Ausbauten am Netz vorzunehmen und die Produzenten von erneuerbaren Energien ans Netz anzuschließen. Damit die Netzbetreiber nicht einfach auf Wartung und Investitionen verzichten, um möglichst viel Gewinn zu machen, überwacht die Bundesnetzagentur zudem die Netzqualität. Gibt es häufig Netzausfälle, verfügt die Agentur Abschläge auf die Netzerlöse. Umgekehrt werden besonders stabile Netze durch einen Zuschlag belohnt.
Alle fünf Jahre bestimmt die Bundesnetzagentur erneut, wie viel Geld die Unternehmen für die Bereitstellung ihrer Infrastruktur nehmen dürfen. Dabei werden unzählige Bedingungen berücksichtigt, von Inflationsraten über Investitionskosten und auch Standortunterschiede. So darf ein Netzbetreiber, der weit entfernte Gemeinden mit wenigen Einwohnern, wie etwa Halligen, bedient, mehr für die Stromdurchleitung abrechnen als ein Unternehmen, das ausschließlich in der Stadt Strom transportiert. Für die Durchleitung von 4.000 Kilowattstunden Strom können sich so Preisunterschiede von über 200 Euro pro Jahr ergeben.
Die Kosten für die Netzbenutzung sind für Schleswig-Holsteiner in ländlichen Bereichen auch deswegen höher, weil sie sich auf weniger Schultern verteilen als es in Ballungsgebieten der Fall ist.
Bleibt der ländliche Raum auf der Strecke?
Dieses Stadt-Land-Gefälle wird in jüngster Zeit zusätzlich dadurch verstärkt, dass gerade in abgelegenen Gebieten viele Wind-, Solar- und Biogasanlagen entstanden sind, die alle von den Netzbetreibern angeschlossen werden müssen. Das verursacht Mehrkosten, die die Netzbetreiber in Form von höheren Nutzungsentgelten zurück haben wollen und die letztlich der Verbraucher in seinem Strompreis mitbezahlt. Im Bundeswirtschaftsministerium wird daher im Moment überlegt, ob die energiewendebedingten Ausbaukosten für die Verteilnetze nicht mehr nur regional, sondern bundesweit umgelegt werden können, damit der ländliche Raum nicht über Gebühr durch höhere Strompreise belastet wird.
Unlängst verklagten eine Reihe von Netzbetreibern die Bundesnetzagentur, weil sie der Meinung sind, dass diese ihnen in den vergangenen Jahren zu geringe Nutzungsentgelte zugebilligt hat, insbesondere weil hohe Investitionskosten auf die Unternehmen zugekommen seien. Das Oberlandesgericht in Düsseldorf gab den Netzbetreibern recht - die Bundesnetzagentur wartet nun auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs. Gleichzeitig werden im Bundeswirtschaftsministerium bereits Pläne geschmiedet, wie man den Netzbetreibern ihre Arbeit beim Anschluss der Erneuerbaren Energien und dem Bau neuer Leitungen erleichtern kann. So schlägt das Ministerium von Philipp Rösler beispielsweise vor, dass die Netzbetreiber ihre Investitionskosten künftig sofort zurückbekommen sollen und nicht erst Jahre später.
Tatsache ist: Der Netzausbau kostet Geld
Wie viel mehr die Verbraucher für die Energiewende bezahlen müssen, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Fest steht, dass Strom lange Zeit durch bereits finanzierte (abgeschriebene) Atom- und Kohlekraftwerke sehr günstig produziert werden konnte und dass das deutsche Leitungsnetz auf den Abtransport genau dieses Stroms perfekt ausgelegt war. Der Strompreis war in Deutschland dadurch jahrzehntelang sozusagen unnatürlich niedrig; gleichzeitig verdienten die Energieproduzenten mit den niedrigen Großhandelspreisen nicht genug, um in neue Kraftwerke zu investieren.
Inzwischen erhöht unter anderem die Einspeisevergütung an Ökostrom-Produzenten, die aus dem Strompreis finanziert wird, den Preis pro Kilowattstunde Strom in einem normalen Haushalt. Gleichzeitig werden die Kosten für den Netzausbau, der für den Transport der erneuerbaren Energien aus den abgelegenen Gebieten notwendig ist, dazu führen, dass die Netzentgelte für die Stromverbraucher steigen werden.
Matthias Kurth, von 2001 bis Februar 2012 Präsident der Bundesnetzagentur, geht hingegen davon aus, dass die Netzentgelte beherrschbar bleiben werden. Ihm machen die Zahlungen aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) mehr Sorgen. Zwar werden diese in Zukunft gekürzt, die bereits auf 20 Jahre garantierten Auszahlungen beliefen sich aber auf über 100 Milliarden Euro - allein für die Photovoltaik, die zudem als die am wenigsten effiziente erneuerbare Energie gilt.
Andererseits haben die erneuerbaren Energien - gerade die Photovoltaik zur Mittagszeit, wenn besonders viel Strom benötigt wird - den Effekt, dass die Strompreise an den Börsen stark sinken. Der Ökostrom ist dann billiger als der aus konventionellen Kraftwerken und drückt insgesamt die Preise am Strommarkt. Demnach ist der Börsenpreis durch das EEG in den vergangenen Jahren um zehn bis 20 Prozent gesunken - in diesem Jahr um rund 0,5 Cent. Diese Kostensenkung, so die Agentur für erneuerbare Energien, werde jedoch nicht an die Kunden weitergegeben. Die Hälfte des Strompreisanstiegs rührt zudem nicht von der EEG-Umlage her, sondern wird aus betriebswirschaftlichen Gründen von den Stromversorgern erhoben.

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