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Shareconomy : Wenn Konsum nur noch geteilt wird

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vom verliehenen Werkzeug bis zur privat vermieteten Wohnung: Die Industrie bewirbt zunehmend die Shareconomy.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2014 | 21:05 Uhr

Hamburg/Berlin | Benutzen statt besitzen – so lautet das Motto Shareconomy. Autos, Wohnungen, Haushaltsgeräte; selbst die Jeans an den Beinen müssen Verbraucher nicht mehr kaufen, glaubt man Unternehmen und Anhängern dieser Konsumbewegung. Eine App, die in Hamburg entwickelt wurde, fragt daher auch: „Why own it?“ – zu Deutsch etwa „Warum etwas besitzen?“. Die Idee hinter der App: Freunde, Nachbarn und Bekannte sollten sich Produkte und Waren lieber öfter untereinander ausleihen. Nicht jeder müsse den aktuellen Bestseller, die passende Bohrmaschine oder sonstiges besitzen, so die Argumentation vom Unternehmensgründer und App-Entwickler Philipp Gloeckler.

Eine Ansicht mit der Gloeckler nicht alleine ist. Tatsächlich liegt das Teilen, die Shareconomy, im Trend. Das zeigen auch die Zahlen von „Why Own it“. 2012 gestartet zählt die Anwendung inzwischen mehr als 30000 Nutzer. Der Leuphana-Universität Lüneburg zufolge hat jeder zweite Deutsche schon Erfahrungen mit alternativen Konsumformen. Das Magazin „Time“ kürte den gemeinschaftlichen Konsum bereits zu einer der zehn großen Ideen, die die Welt verändern werden. Vergangenes Jahr wählte die Cebit die Shareconomy zum Leitthema. Und auch Gloeckler sagt der Shareconomy in seiner ganz eigenen Art eine große Zukunft voraus. Es laufe „super. Die nächsten 5 Jahre gehen ab.“

Dabei geht es schon längst nicht mehr nur um die Bohrmaschine des Nachbarn oder die Musik-Datei aus den illegalen Filesharing-Netzwerken. Über Zimmervermittlungsportale wie Airbnb und 9flats werden stattdessen die eigenen vier Wände „geteilt“, mit Takemyca.de wird das eigene Auto, wann immer man es selbst nicht benötigt, anderen als Mietwagen zur Verfügung gestellt. Und über Foodsharing werden übrig geblieben Lebensmittel ge- und verteilt.

Gemeinsam ist all diesen Angeboten, dass das Teilen und Verleihen bei ihnen vor allem durch die Technik eine neue Dimension erhält. „Internet ist tot. Mobiles Internet wird alles verändern“, erklärt der Internet-Unternehmer Gloeckler. Tatsächlich war es noch nie so leicht für die Menschen gewesen, miteinander zu kommunizieren und Informationen einander zugänglich zu machen.

Dass der gemeinschaftliche oder geteilte Konsum jedoch deswegen auch ein nachhaltiger Konsum ist, wie von Befürwortern oft behauptet, sieht der Kieler Professor für Praktische Philosophie, Ludger Heidbrink, und Wirtschaftsethiker noch kritisch. „Da macht man sich häufig etwas vor“, sagt er. Es werde sich erst noch zeigen müssen, ob der gemeinschaftliche Konsum tatsächlich umweltverträglicher sei.

Vor allem drei Gründe sieht Heidbrink, die das Modell der geteilten Autos, Werkzeuge und Wohnungen derzeit befeuern: Es ist billiger, enthält einen sozialen Aspekt und kann die eigene Lebenswelt bereichern. Wurzeln und Vorläufer liegen dem Philosophie-Professor zufolge dabei unter anderem in den Denkschulen des US-amerikanisch geprägten Kommunitarismus, der die selbstorganisierende Gemeinschaft einem marktorientierten Individualismus gegenüberstellt.

Dass die Shareconomy sich in der breiten Masse letztlich durchsetzen kann, glaubt Heidbrink indes nicht. „Ich bin eher skeptisch, ob das langfristig ein großer Trend wird“, sagt er. So gebe es doch noch zahlreiche technische oder auch rechtliche Probleme – zum Beispiel bei Fragen der Haftung. Zudem gibt Heidbrink zu bedenken, dass die Shareconomy ihre Grenze finde, wo die Privatsphäre der Menschen betroffen sei.

Und vielleicht ist es auch genau dieser Punkt, der die Firma Muds derzeit noch am ehesten herausfordert. Immerhin 1500 Jeans haben die Holländer – deren Geschäftsmodell sich irgendwo am Rand der unscharfen Shareconomy-Szene bewegt – zuletzt an den Mann und die Frau gebracht. Die Hosen wurden nicht verkauft, sie wurden geleast. Begonnen hat das Unternehmen vergangenes Jahr mit „Lease a Jeans“, gefolgt von „Lease a Bag“. Bald soll der geleaste Pullover folgen. Der Träger zahlt eine Art Benutzungsgebühr.

Nach einem Jahr geht die Kleidung zurück zum Hersteller und wird in einem Second-Hand-Store verkauft oder ihr Stoff recycelt.

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