Schulungen : Wenn im Jobcenter Gefahr droht

Hilfe in der Not: Dirk Baasch mit dem Funkmelder, der in Jobcentern Alarm auslösen kann. Foto: Müller
Hilfe in der Not: Dirk Baasch mit dem Funkmelder, der in Jobcentern Alarm auslösen kann. Foto: Müller

Ein Konflikttrainer aus Neumünster zeigt Mitarbeitern in Jobcentern, wie sie sich gegen Attacken von Klienten wehren können.

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11. Juni 2013, 11:49 Uhr

Neumünster | Der Ruf ist laut. "Hallo, was machen Sie da?", sagt Dirk Baasch und klatscht laut in die Hände. Er will den Angreifer, der gerade eine Kollegin in ihrem Büro im Jobcenter bedrängt, ablenken, so der Frau aus der Gefahr helfen.
Das, was Konflikttrainer Baasch in den Räumen der Firma Video System Networks (VSN) in Neumünster nachstellt, kann für Mitarbeiter in Jobcentern und Behörden zur realen Gefahr werden. "Wir beobachten, dass die Angriffe intensiver werden. Und wir wissen aus Umfragen, dass die Mitarbeiter dem oft hilflos gegenüberstehen", sagt VSN-Projektleiter Jörg Trepel. Dass solche Übergriffe tödlich enden können, zeigt die Messerattacke eines 52-Jährigen auf eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Neuss. Er erstach die 32-Jährige. Anfang März betrat ein 70-Jähriger das Büro des Landrats des Herzogtum Lauenburgs, Gerd Krämer, zog eine Waffe und erschoss sich selbst. Und nur einige Wochen später erschoss ein 74-jähriger Waffennarr den Hamelner Landrat Rüdiger Butte in dessen Amtszimmer und beging danach Selbstmord. Erst kürzlich attackierte ein 34-jähriger Mann eine Angestellte im Jobcenter Leipzig mit einem Hammer. Die Frau wurde am Kopf verletzt.

Keine Garantie für komplette Sicherheit

"Wir wollen nicht warten bis es weitere solche Fälle gibt", sagt Dirk Baasch. Die Anfragen bei VSN hätten enorm zugenommen seit dem Angriff in Neuss. Baasch glaubt, dass solche Vorfälle verhindert werden können: "Hätte es in den Büros neue Sicherungssysteme gegeben und wären die Angestellten und Landräte besser geschult gewesen, hätten die eine Chance gehabt." Bisherige Deeskalationsstrategien für Mitarbeiter reichten nicht mehr aus.
Gemeinsam mit VNS bietet er Rendsburger Jobcentern Hilfe an. Er schult nicht nur die Mitarbeiter, wie sie mit renitenten Klienten besser umgehen können, sondern VNS-Mann Olde Vollstedt hat auch einen Funkmelder entwickelt, der die Büros technisch sicherer machen soll. Die Bundesagentur für Arbeit habe dem Unternehmen die Erlaubnis erteilt, mit Einverständnis der Jobcenter die Funkmelder an den Computern der Mitarbeiter zu installieren. Die bekommen eine Fernbedienung, mit der sie von jedem Punkt im Büro aus Alarm auslösen können - auch wenn sie schon bedrängt werden. "Dann erscheint auf den Bildschirmen der Kollegen die Zimmernummer desjenigen, der in Not ist", sagt Vollstedt. Dank der Schulung von Dirk Baasch wüssten die auch, wie sie ihren Kollegen aus der Notlage helfen können. Es gebe nie die Garantie für komplette Sicherheit, aber man könne sie erhöhen. Ein Gerät koste 250 Euro, kann für sechs Euro pro Mitarbeiter im Monat geleast werden.

Beschimpfungen sind an der Tagesordnung

Einige Jobcenter in Schleswig-Holstein nutzen das System bereits. "Die Erfahrungen sind gut", sagt Karsten Böhmke, Geschäftsführer des Jobcenters in Heide, das 2007 das System eingeführt hat und somit Vorreiter in Schleswig-Holstein war. Dazu würden die Mitarbeiter seit Jahren im Rahmen der Gewaltprävention geschult. Dennoch könnten Übergriffe nicht verhindert werden, so Böhmke. "Verbale Entgleisungen, die zu einem Hausverbot oder zu einer Androhung eines Hausverbotes führten, hatten wir 2012 in rund 15 Fällen." Und im vergangenen Jahr wurde ein Mitarbeiter auch tätlich angegriffen.
In Steinburg gebe es nur wenige Fälle von verbaler Gewalt, sagt Jobcenter-Leiter Klaus-Dieter Lange. Bei Sicherheitsmodulen in den Büros setzt das Jobcenter auf ein eigenes System, das nach Langes Worten "einwandfrei" funktioniert. Im Herzogtum Lauenburg überlegen die Verantwortlichen im Jobcenter, das System von VNS einzuführen. "Körperliche Gewalt hat nicht zugenommen, aber die verbale", sagt der stellvertretende Leiter Olaf Berling.
Beschimpfungen seien an der Tagesordnung. Ob ein neues Sicherheitssystem die Angestellten beruhigen könne, sei aber unklar. "Wenn jemand einen Mitarbeiter unvermittelt tätlich angreifen will, gibt es kaum Sicherungssysteme: Einen Rundumschutz gibt es nicht."

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