Beratungsstellen in SH : Wenn die Schulden über den Kopf wachsen

Schleswig-Holstein hat im bundesweiten Vergleich eine verhältnismäßig hohe Pro-Kopf-Verschuldung. Immer häufiger suchen Betroffene die Schuldnerberatungsstellen auf, weil sie Energieschulden haben. Heute beginnt die Woche der Schuldnerberatung mit Vorträgen und Sprechstunden.

Margret Kiosz von
23. Juni 2014, 08:35 Uhr

Der neue Flachfernseher, die Leasingrate für das Auto und der Kredit für das Ledersofa – vielen Bundesbürgern wachsen die Kosten über den Kopf. Viele sind verschuldet. Nicht zuletzt weil sie sich durch die niedrigen Zinsen verleiten lassen, auf Pump zu kaufen. Inzwischen laufen 17,4 Millionen Ratenkredite – um die Hälfte mehr als vor zehn Jahren. Doch das dicke Ende kommt, wenn Schicksalsschläge den Schuldner an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen. Scheidung und Jobverlust sind auch nach Ansicht der Schuldnerberatungen im Land die Hauptgründe für Hilfegesuche. Schleswig-Holstein habe ohnehin – verglichen mit den süddeutschen Bundesländern – eine verhältnismäßig hohe Pro-Kopf-Verschuldung, gibt sie zu bedenken.

Im vergangenen Jahr wurden in den 35 schleswig-holsteinischen Schuldnerberatungsstellen über 15.000 Personen längerfristig beraten. 3801 Bürger mussten 2013 Privatinsolvenz anmelden. Zum Vergleich: 2005 waren es nur 2733 Bürger. Im Schnitt stehen sie mit 53.000 Euro in der Kreide.

Immer häufiger suchen Betroffene die Schuldnerberatungsstellen im Norden auf, weil sie Energieschulden haben, berichtet Michael Bürk von der federführenden Diakonie. Laut Statistikamt Nord hatte jeder zehnte Hilfesuchende 2013 Verbindlichkeiten bei Energieversorgern von mindestens 3235 Euro. Damit liegt Schleswig-Holstein deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Wesentliche Ursache sind die stark gestiegenen Energiepreise. So wurde Heizöl zwischen 2002 und 2012 um 153 Prozent teurer. Gerade für einkommensschwache Haushalte wird es immer schwieriger, die steigenden Kosten für Strom und Gas zu bezahlen. Nicht selten kommt es in der Folge zu Sperrungen durch die Energieversorger. „Wir beobachten eine Zunahme der tatsächlich durchgeführten Sperren“, berichtet Florian Schmölz von der Verbraucherzentrale in Kiel. „Während 2012 bundesweit gut 312.000 Stromsperren durchgeführt wurden, gehen die Schätzungen für 2014 von 800.000 Strom- und Gassperrungen aus, wobei weniger Gasanschlüsse als Stromanschlüsse gesperrt werden“, so Schmölz.

„Die Versorgung von Haushalten mit Energie ist Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben und für eine gesellschaftliche Teilhabe“, so Alis Rohlf von der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung im Norden. Strom, Gas und Heizenergie gehörten zum Existenzminimum. „Lebenshaltungskosten dürfen die Menschen nicht in die Überschuldung treiben. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, um diese Entwicklung aufzuhalten“, so Rohlf. Dazu gehöre eine soziale Ausgestaltung der Energieversorgung sowie eine wirksame Aufsicht über den Strompreis. Die Voraussetzungen für das Abstellen von Strom und Gas durch die Energieversorger sollten einer strengeren gesetzlichen Kontrolle unterliegen. Zudem müssten Sozialleistungen nach den tatsächlichen Energiebedarfen und den Preisentwicklungen bemessen werden. „Es kann niemanden unberührt lassen, wenn Menschen wegen einer schuldenbedingten Einstellung der Energielieferung frieren, auf warmes Wasser verzichten oder sich keine Mahlzeiten mehr zubereiten können“, erklärte Rohlf.

> Ab heute bis zum 27. Juni werden zahlreiche Aktionen in den 35 anerkannten Schuldnerberatungsstellen des Landes durchgeführt. Es werden unter anderem offene Sprechstunden Vorträge und Telefonhotlines angeboten.

Einen Überblick über alle Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen in Schleswig-Holstein bietet die Internetseite der Koordinierungsstelle.

Ab Juli: Nach drei Jahren schuldenfrei
Wer seine Schulden dauerhaft nicht zurückzahlen kann, versucht zunächst, sich  mit seinen Gläubigern außergerichtlich zu einigen. Gelingt das nicht, kann das Insolvenzverfahren vor einem Amtsgericht eröffnet werden.  Hier tritt ab 1. Juli  eine geänderte Regelung in Kraft.

Bislang gilt: In sechs Jahren müssen möglichst viele Schulden abgetragen werden. In dieser „Wohlverhaltensphase“ darf ein alleinstehender Schuldner ohne Unterhaltspflicht von seinem monatlichen Einkommen knapp 1050 Euro behalten. Verdient er mehr, wird der Rest an die Gläubiger verteilt. Für Schulden, die in dieser Zeit nicht zurückgezahlt werden, kann bei Gericht ein Antrag auf Restschuldbefreiung gestellt werden. Ab 1. Juli können sich Betroffene nun  unter bestimmten Umständen schon nach drei Jahren von der Restschuld befreien lassen.

Doch Verbraucherschützer und Insolvenzrechtsexperten haben Zweifel am Erfolg der Reform. Der Grund:  Nur wer innerhalb von drei Jahren mindestens 35 Prozent der Gläubigerforderungen sowie die Kosten des Verfahrens für das Gericht und den Insolvenzverwalter stemmt, kann von der Restschuld befreit werden. „Unsere Erfahrung ist, dass kaum ein Schuldner die 35 Prozent schafft“, sagt Michael Bretz, Sprecher der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Hinzu kommen die Verfahrenskosten. 

Nach fünf Jahren werden Verbraucher künftig von der Restschuld befreit  wenn sie  den Insolvenzverwalter und die Gerichtskosten in diesem Zeitraum bezahlen können. Nach Angaben von Verbraucherschützern sind dies mindestens 1500 bis 2000 Euro. Höltgen hält es für vorstellbar, dass diese Verkürzung häufiger in Anspruch genommen wird, für die Mehrheit der Schuldner werde das Verfahren wie bisher aber sechs Jahre dauern. Niering schätzt, dass weniger als 30 Prozent der betroffenen Verbraucher überhaupt die Verfahrenskosten bezahlen.

„Gläubiger müssen sich keine Sorgen machen, dass mit der Reform dem Schuldenmachen Tür und Tür geöffnet wird“, sagt Bretz. Möglicherweise bekommen sie sogar etwas mehr zurück als in der Vergangenheit. Der Grund: Banken hatten bisher in den ersten zwei Jahren des Insolvenzverfahrens Zugriff auf Teile des Lohnes, wenn der Verbraucher einen Kredit abgeschlossen hatte. „Die Lohnabtretung entfällt, dadurch gibt es etwas mehr Masse“, sagt Niering. „Zunächst werden aber die Landesjustizkassen entlastet, als erstes müssen die Verfahrenskosten beglichen werden“.

Inkassofirmen sehen die Neuregelung kritisch. „Viele Verbraucher verstehen das als ein Signal, dass sie sich leichter ihrer Zahlungsverpflichtungen entledigen können“, befürchtet die Vizepräsidentin des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU), Marion Kremer. 

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