Qualitätseinbußen : Wenn dem Handwerk Meister fehlen

Für Fliesenleger gibt es seit 2004 keinen Meisterzwang mehr.
Für Fliesenleger gibt es seit 2004 keinen Meisterzwang mehr.

Eigentlich sollten durch den Wegfall des Meisterzwangs neue Stellen geschaffen werden. Doch einen Aufschwung hat das Handwerk in SH nicht erlebt, sagen Kammern und Gewerkschaften. Im Gegenteil: Die Qualität habe in einigen Branchen gelitten.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
13. November 2013, 00:34 Uhr

Flensburg | Hürden sollten gesenkt, Stellen geschaffen werden. Dies war die Idee, als die rot-grüne Regierung 2004 den Meisterzwang in zahlreichen Handwerken abgeschafft hat. Fast zehn Jahre später ziehen Handwerkskammern und Gewerkschaften eine vernichtende Bilanz. „Wir stellen fest, dass die geprüfte Qualifikation zurückgeht“, berichtet Ulf Grünke, Sprecher der Handwerkskammer Lübeck. Zugleich seien die Ziele der Liberalisierung nicht erreicht worden. „Die Idee der Bundesregierung war es, dass es zum großen Gründungsboom kommt“, so Grünke. Tatsächlich ist die Zahl der Ein-Mann-Gesellschaften zwar gestiegen. Doch diese stellen ihrerseits weder Mitarbeiter ein, noch bilden sie aus.

Während bei Gebäudereinigern die Zahl der Betriebe in Schleswig-Holstein beispielsweise seit 2004 um mehr als 700 Prozent zugelegt hat, sank die Ausbildungsbereitschaft um 25 Prozent. Heute stehen 1116 Gebäudereiniger-Betriebe, die nicht ausbilden, gerade einmal 37 Betrieben gegenüber, die dies tun.

Und auch auf Bundesebene sieht man diese Entwicklung kritisch. „Die Vielzahl der Ein-Mann-Betriebe bereitet uns große Sorgen“, so Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes. Ihm zufolge bildeten sie ein Einfallstor für Illegalität am Bau. „Sie erhalten die Zulassung im Fliesenlegerhandwerk, treten aber als Kolonnen auf Baustellen auf und verrichten eine Vielzahl von Tätigkeiten anderer Gewerke, was zu Schäden weit über das eigentliche Fliesenlegerhandwerk hinaus führt.“ Ruprecht Hammerschmidt, Sprecher der IG Bau, kritisiert besonders die Intransparenz zulasten der Verbraucher. „Der Leidtragende ist der Endverbraucher“, so Hammerschmidt. „Der kann ja vorher gar nicht sehen, wer Qualität bietet.“ Und das kann den Einzelnen am Ende womöglich teuer zu stehen kommen. Auf 9000 Euro bezifferten Sachverständige in einer Befragung in 2011 den durchschnittlichen Schaden durch Fliesenleger ohne Qualifikation. In Einzelfällen lagen die Schäden sogar bei bis zu 93.000 Euro. Allerdings hält die Umfrage nicht fest, ob auch die Zahl der Schadensfälle an sich seit der Liberalisierung gestiegen ist. Vergleichswerte zu früheren Jahren gibt es nicht. Verbraucherzentralen sehen keinen Anstieg bei den Klagen über unqualifizierte Handwerker, die sich auf die Liberalisierung zurückführen ließen.

„Ich glaube, dass die Meisterprüfung immer noch der Königsweg ist“, betont Grünke. Dass die Meisterprüfung eine finanzielle Hürde sein kann, will er als Argument nicht gelten lassen. „Ausbildung kostet immer Geld.“ Die Kammer würde jedoch auch mit Stipendien helfen, daneben gebe es das Meister-Bafög.

Vor dem Hintergrund, dass die EU bereits prüft, inwieweit der Meisterzwang auch in anderen Bereichen des deutschen Handwerks wegfallen kann, betont er: In Schleswig-Holstein werden derzeit spanische Jugendliche im Handwerk ausgebildet. Sie alle hätten Ausbildungsplätze bei Betrieben mit Meisterprüfungen gefunden.

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