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Werbetricks : Von wegen Handarbeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2013 | 16:01 Uhr

So viel Liebe steckte noch nie im Teigkneten oder im Milchrühren. In vielen Werbespots der Lebensmittelindustrie wird die Herstellung von Produkten als liebevolle Handarbeit dargestellt, doch zwischen Werbewelt und Wirklichkeit klafft eine große Lücke, empört sich inzwischen auch die Handwerkskammer Hamburg. „Es ist in höchstem Maße unfair, eine Industrieproduktion mit Leistungen des Handwerks zu bewerben“, sagt Kammerpräsident Josef Katzer, spricht öffentlich von „Etikettenschwindel“ und betont: „Individuelle Meisterleistungen können nur Handwerkerinnen und Handwerker bieten, keine Maschinen“. Handarbeit komme dem Bedürfnis vieler Verbraucher nach Einmaligkeit, Frische und Reinheit entgegen, erklärt Silke Schwartau, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. „Genau diese Empfindungen will die Lebensmittelindustrie ansprechen, macht ihren Kunden damit aber etwas vor, denn handwerkliche Tätigkeiten haben mit der industriellen Herstellung des 21. Jahrhunderts nichts mehr gemein.“ Auch wenn die meisten Verbraucher Werbung ohnehin nicht glaubten, wirke diese doch im Unterbewusstsein.

Die Verbraucherschützer haben sich einmal den Spaß gemacht, auszurechnen, wie hoch die Produktion von Schokotafeln, Frischkäse oder Pizzen wäre, würden die Konzerne tatsächlich noch auf alte Handwerkskunst setzen. So käme beispielsweise bei Ferrero eine Person mit Arbeitsschritten wie Zutaten verrühren und Waffeln backen auf 130 Hanuta-Schnitten pro Tag. Damit könnte nach den Berechnungen der Verbraucherschützer pro Mitarbeiter ein Umsatz von 18,20 Euro pro Tag (0,14 Euro/Stk.) bzw. von 5004 Euro pro Jahr erzielt werden. Tatsächlich erzielt Ferrero einen jährlichen Gesamtumsatz von 7 Milliarden Euro. Angenommen, alle 3600 Mitarbeiter in Deutschland würden nur Hanutas per Hand herstellen, wären das 468 600 Stück. Dann könnte jedes der 38 900 Lebensmittelgeschäfte in Deutschland nur zwölf Schoko-Waffeln am Tag verkaufen. Ähnlich sieht es bei Dr. Oetker aus, wo eine Person nach Berechnungen der Verbraucherzentrale mit Teig kneten, Schinken schneiden und Pilze putzen auf eine Produktion von 17 Pizzen täglich käme. Tatsächlich stellt das Unternehmen im Pizza-Werk in Wittenburg rund 80 Kilometer von Hamburg aber 750 000 Pizzen täglich her, die tiefgefroren in die ganze Welt exportiert werden. Möglich macht dies eine weitgehend automatisierte Produktion mit riesigen Mixern und einer Fertigung am Fließband.

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