Beratungsangebot nutzen : Viele Jugendliche starten mit falschen Vorstellungen in die Ausbildung

Nestler
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Matthias Nestler, Chef des Berufspsychologischen Services der Regionaldirektion Nord, spricht über Gründe für die anhaltend hohe Zahl von Ausbildungsabbrüchen und die Qual der Berufswahl.

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18. September 2012, 11:21 Uhr

Herr Nestler, die Zahl der Ausbildungsabbrüche ist sehr hoch. In einigen für Schleswig-Holstein relevanten Branchen sogar dramatisch hoch. Woran liegt das?

Es gibt natürlich unterschiedliche Gründe dafür. Das, was wir beobachten, ist, dass viele Heranwachsende sich für einen bestimmten Ausbildungsberuf entscheiden, weil sie mit ihm ein bestimmtes Image verbinden. Das sind aber leider häufig Wunschvorstellungen, die nichts mit der Praxis zu tun haben. Das führt zu Ausbildungsabbrüchen, deren Höhe - in Schleswig-Holstein immerhin 26,2 Prozent und damit 3 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt - wir uns nicht leisten können.

Wie erklären Sie sich die Entwicklung?

Um zu den Gründen zu kommen, muss man sich fragen: Wer oder was beeinflusst den Heranwachsenden bei der Berufswahl? Die Eltern spielen eine zentrale Rolle, sie sind wichtige Leitfiguren, vermitteln Werte und haben oft auch Erwartungen an die Berufswahl der Kinder - damit sind sie keine neutralen Berater. Da ist möglicherweise die Mutter, die ihrer Tochter rät, zum Amt zu gehen, weil sie dort einen sicheren Job hat. Da ist der Vater, der sich wünscht, dass sein Sohn Ingenieur wird. Und neben den Eltern gibt es Freunde. Häufig werden Berufe empfohlen, die man selbst oder aus dem Umfeld kennt. Ich empfehle all diese Informationsquellen zu nutzen, sich aber auch an kompetente und unabhängige Berater zu wenden.

Ihr Appell ist also, dass alle zur Berufsberatung der Arbeitsagentur gehen sollen. Die hat ja - entschuldigen Sie, wenn ich das so offen sage - ein eher "verstaubtes" Image...

Ja, ich weiß aber, dass das Image nicht mit der Realität übereinstimmt. In der Berufsberatung sind die Experten, die basierend auf Eignung und Neigung der Jugendlichen und mit ihrem Wissen über den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt beraten. Darüber hinaus können die Berufsberaterinnen und Berufsberater auf die besonderen Dienstleistungen der Berufspsychologischen Services zurückgreifen, wie zum Beispiel den Berufswahltest. Wir haben vielfältige, psychologisch fundierte Verfahren, um die Jugendlichen bei der Einschätzung ihrer Interessen und Kompetenzen zu unterstützen.

Wie viele Jugendliche nutzen Ihr Testangebot denn?

2011 haben 2300 einen Berufswahltest gemacht, bei insgesamt etwa 22 000 Haupt- und Realschulabgängern. 900 Jugendliche haben einen Beratungstest gemacht, bei dem es um Studieninteressen und Fähigkeiten geht - und das bei 10 600 Abiturienten im letzten Jahr.

Was glauben Sie, warum Ihr Angebot bisher so wenig genutzt wird?

Zunächst - es soll ja nicht jeder einen solchen Test machen. Unsere Tests können bei der eigenen Entscheidung unterstützen. Vielleicht sind die Angebote nicht so bekannt oder es gibt Hemmschwellen, die teils schwierigen Testaufgaben zu bearbeiten. Schließlich lässt man sich darauf ein, dass Interessen, Fähigkeiten und Kenntnisse abgefragt werden. Ich weiß aber, dass es leichter ist, etwas Passendes zu finden, wenn man die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Kompetenzen gut kennt.

Kann es nicht auch sein, dass einige fürchten, dass sie dann von einer Behörde - also der Agentur für Arbeit - in irgendwelche Jobs hineingedrängt werden?

Diese Befürchtung ist unbegründet. Die Agentur für Arbeit informiert über Einstiegschancen und Perspektiven in den unterschiedlichen Branchen. Doch das ändert nichts an der Tatsache: Die Entscheidung über sein Berufsleben muss allein der Jugendliche treffen.

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