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„Xaver“ und „Christian“ : Versicherungsvereine in stürmischen Zeiten

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Der Norden wurde im vergangenen Winter von einigen schweren Stürmen heimgesucht – gerade Brandgilden profitieren davon. Die Herausforderungen sind meist personeller Art.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2014 | 12:54 Uhr

Kiel/Kappeln | Im vergangenen Herbst schlug im Norden die Stunde der Versicherer. Erst tobte Christian. Nur wenige Tage später folgte Xaver. Bäume wurden entwurzelt, komplette Häuser und Lagerhallen abgedeckt. Die Schäden gingen in die Millionen. Allein das Sturmtief Christian sorgte bei der Provinzial Nord Brandkasse für Schäden von gut 90 Millionen Euro. Freilich, eine Zahl, die angesichts der Größe der Versicherungsgruppe aus Kiel und Münster mit ihren Gesamtumsätzen von mehr als drei Milliarden Euro und fast 3000 Mitarbeitern eher gering erscheint. Anders sieht dies bei den zahlreichen kleinen Versicherungsgilden im Land aus. Zusammen mussten sie vergangenes Jahr für Sturmschäden von rund 37 Millionen Euro aufkommen – und können dennoch profitieren.

„Man muss sich das bildlich vorstellen“, erinnert sich Jens-Uwe Rohwer an die Tage zwischen den Sturmtiefs Christian und Xaver. Der Eimer mit Schadensvorgängen sei bereits „prächtig gefüllt“ gewesen, so der Vorstandsvorsitzende der Ostangler Brandgilde. „Durch den Sturm Xaver wurde der Eimer erneut aufgefüllt und zum Überlaufen gebracht.“ Ähnliches berichten auch die anderen Gilden im Land. „Die Gilden sind zum Teil massiv betroffen gewesen“, heißt es daher dann entsprechend auch beim Verband der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit in Kiel. Er vertritt mehr als 160 Versicherungsvereine aus ganz Deutschland, deren Ursprünge zurückgehen auf die Anfänge des Versicherungswesens. Hunderte von Jahren zum Teil.

Die Ostangler Brandgilde wurde 1788 gegründet, die Dolleruper Freie Brandgilde 1744. Organisiert sind sie – wie auch zum Beispiel die Itzehoer Versicherungen – als  „Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit“ und stellen damit auch das Grundprinzip einer jeden Versicherung in den Mittelpunkt: die solidarische Gemeinschaft haftet für die Schäden des Einzelnen. Ein Prinzip, das heute noch immer funktioniert. Denn Probleme bringt den Gilden in Zeiten des Sturms nicht die finanzielle Seite. Die Brandgilden und Versicherungsvereine müssen für 200-jährige Ereignisse gerüstet sein. Ein Sturm wie Christian wird vom Verband der Versicherungsvereine je nach Region in Schleswig-Holstein als 70- bis 100-jähriges Ereignis eingestuft – mit anderen Worten: Die Gilden sind darauf vorbereitet. Zudem: „Wir sind höchst rückversichert“, erklärt Rohwer – unter anderem über die Kieler Rück, die nach eigenen Angaben als einziger Rückversicherer in Deutschland ebenfalls als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit agiert und derzeit bundesweit 90 Gesellschaften den Rücken freihält; die meisten davon aus Schleswig-Holstein.

Die Herausforderungen sind meist eher personeller Art. 4000 Schäden würden die Ostangler normalerweise im Jahr abarbeiten. Als Christian übers Land tobte, kamen innerhalb von nur zwei Stunden mehr als 4000 weitere Schäden hinzu, wie Rohwer erzählt. „Das führte natürlich dazu, dass Kunden Probleme hatten, uns zu erreichen und dass wir auch nicht zeitgleich bei allen Kunden den Schaden besichtigen konnten.“

Dennoch gehen die Versicherungsvereine und Gilden aus den stürmischen Zeiten als Profiteure hervor. „Dieser Großschaden war Werbung für unsere Versicherungsvereine“, sagt Klaus Angresius vom Verband der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Tatsächlich geben ihm die Zahlen recht. Bundesweit sind die Beiträge der Vereine in den vergangenen zehn Jahren fast durchgängig stärker gewachsen als im Gesamtmarkt. Allein bei der Ostangler Brandgilde wird für die Zahl der Mitglieder ein jährlicher Zuwachs von fünf Prozent angegeben. Denn die Vorteile sind schnell erzählt: „Die Hilfe im Schadensfall ist eine viel schnellere und persönlichere“, so Angresius. Statt eines anonymen Call-Centers haben  Mitglieder der Versicherungsvereine ihre Ansprechpartner oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Statt über die Versicherungsprämien auch die Dividenden für die Aktionäre zu bezahlen, kann gespart werden – für den nächsten Sturm.

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