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Interview : Vereinbarkeit fängt im Kopf an

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Stormarn haben Unternehmen eine Stiftung gegründet, die das Thema Familienfreundlichkeit mit Leben füllen soll. Ein Interview mit der Geschäftsführerin

shz.de von
erstellt am 18.Jun.2015 | 17:27 Uhr

Familienfreundlichkeit ist für Unternehmen nicht immer ein leichtes Unterfangen. Zwar möchte man in Zeiten des Fachkräftemangels seinen Mitarbeitern ein möglichst gutes Arbeitsumfeld schaffen, jedoch kostet dies finanzielle und personelle Ressourcen. In Stormarn haben aus diesem Grund vor drei Jahren verschiedene Unternehmen und Institutionen die Stiftung Beruf und Familie ins Leben gerufen. Im Interview spricht Geschäftsführerin Birte Kruse-Gobrecht (Foto) über die Ziele der Einrichtung und den aktuellen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft.

Frau Kruse-Gobrecht, das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt in Zeiten von veränderten Familienbildern und Arbeitsverdichtung eine immer größere Rolle. Gleichwohl ist es jedoch auch sehr vielschichtig. Was bedeutet es für Sie?
Für mich ist es das Zukunfts-Thema und der Weg zu mehr partnerschaftlichen Modellen: In der Familie, in den Unternehmen und in den Betreuungseinrichtungen. Allerdings braucht es eine gute Lobby-Arbeit und den tatsächlichen Kulturwandel auf allen Ebenen. Neues Denken von alten Führungskräften, offenes und qualifiziertes Betreuungspersonal in den Einrichtungen und gute Rahmenbedingungen im Job und zu Hause.

Um in Zeiten des Fachkräftemangels weiter qualifiziertes Personal finden zu können, werben Unternehmen gerne damit, besonderes familienfreundlich zu sein. Verbirgt sich dahinter viel Schein oder tatsächlich auch Sein?
Sowohl als auch: Es gibt viele gute Beispiele, aber auch einige, die nur so tun als ob. Es gibt auch viele Unternehmen, die gerne würden, aber nicht wissen wie. Vereinbarkeit fängt im Kopf an. Hilfreich ist, wenn die Familienfreundlichkeit von der Unternehmensleitung gewollt und vorgelebt wird.

Und wie erkenne ich als einfacher Arbeitnehmer, dass mein Arbeitgeber besonders familienfreundlich ist?

Das zeigt sich daran, ob man auch wirklich Unterstützung bekommt und im Falle des Falles gemeinsam Ideen entwickelt, wie man den Arbeitsablauf verändern kann. Ein gutes Beispiel ist hier der Kita-Streik. Da gibt es Unternehmen, die ihren Mitarbeitern erlauben, die Kinder zur Arbeit mitzubringen, eine Betreuungsperson organisieren oder einen Tag Sonderurlaub gewähren. Sie lassen es also nicht alleinige Aufgabe der Eltern, Problemlösungen zu finden und widmen sich dem Thema Familienfreundlichkeit mit Zeit und Geld. Dahinter muss dann natürlich auch eine Kultur stehen, die dies mit Leben füllt.

Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen, die beispielsweise nicht über die finanziellen und personellen Ressourcen für die Einrichtung eines Betriebskindergartens verfügen, ist das Thema Familienfreundlichkeit nicht immer leicht. Welche Möglichkeiten bieten sich für sie, um ihren Mitarbeitern ein attraktives Umfeld zu bieten?
Es ist vieles möglich: Zunächst intern eine familienbewusste Führungskultur gepaart mit flexiblen Arbeitszeitmodellen – auch in Führungspositionen. Ergänzend mobiles arbeiten, Elternzeitmanagement, intelligente Springerlösungen und ein gutes Stressmanagement. Extern helfen familienunterstützende Dienstleistungen oder auch die betriebliche Kinderbetreuung im Verbund. Was hilft ist aber vor allem das Bewusstsein, dass Vereinbarkeitsangebote den gleichen Stellenwert erhalten wie ein neues Produkt und die Bereitschaft, personelle und finanzielle Ressourcen bereit zu stellen.

Profitieren von diesen Ressourcen am Ende nur die Arbeitnehmer oder auch die Arbeitgeber?

Es ist ein klassischer betriebswirtschaftlicher Vorteil. Es gibt eine Studie über das sogenannte Return of Investment. Die besagt, dass man die Investition, die man finanziell und personell leistet, zu 25 Prozent zurück bekommt. Alle Studien belegen, dass es durch mehr Motivation der Mitarbeiter am Ende bessere Ergebnisse gibt und vor allem die Fehlzeiten reduziert werden, weil man miteinander nach guten und traghaften Lösungen schaut. Gutes Personal wird hierdurch an Bord gehalten.

Dass für Mütter entsprechende Teilzeit- und Urlaubsmodelle in den Unternehmen geschaffen werden, ist völlig normal. Wie jedoch sieht es bei Vätern aus, die gerne mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen möchten?
Das Thema nimmt gerade richtig Fahrt auf. Etwa auf dem Unternehmenstag im Mai in Berlin durch die Perspektiven von Eltern, die Familie und Beruf partnerschaftlich vereinbaren wollen.

Und wie ist es in der Praxis?
Der Anteil der Elternzeit von Vätern steigt. Zwar liegt der Schwerpunkt derzeit noch auf den gesetzlich vorgeschriebenen zwei Monaten, doch durch das neue Elterngeld Plus werden gerade die partnerschaftlichen Modelle unterstützt, in denen die Väter mehr Elternzeit als nur zwei Monate nehmen. Es werden also vom Gesetzgeber neue Anreize geschaffen, die jedoch auch auf den Bedarf zurückgehen. 60 Prozent der Paare und damit auch der Väter möchten die gleiche Teilhabe beider Elternteile im Job und in der Familie. Leider schaffen dies jedoch nur sechs Prozent.

Sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen also ausreichend?
Wenn man Umfragen unter Führungskräften ernst nimmt, braucht es noch zehn Jahre bis das partnerschaftliche Modell wirklich zur Umsetzung kommt. Es ist aber auch allen klar, dass wir diese zehn Jahre nicht warten können, weil wir die Väter nicht haben, die nur noch zum Gute-Nacht-Kuss nach Hause kommen wollen. Die neuen Generationen und die Veränderungen in den Familien erfordern mehr Tempo und entsprechend wird der Druck auf Politik und Wirtschaft größer. Wir sind daher optimistisch, dass die Dynamik steigen wird.

Und wenn es der Gesetzgeber nicht regelt, müssen es dann die Unternehmen richten?
Es geht Hand in Hand. Seit einigen Jahren wird der Dialog zwischen Bundesfamilienministerium und dem deutschen Industrie- und Handelskammertag geführt. Beide Seiten wollen das Thema zusammen mit Leben füllen.

Ihre Stiftung Beruf und Familie Stormarn wurde vor drei Jahren von örtlichen Unternehmen und Institutionen gegründet, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser zu gewährleisten. Was waren die Gründe?
Das gesellschaftliche Engagement kommt der Region zugute, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist geholfen, wenn sie ihr Kinder beziehungsweise Eltern gut betreut und versorgt wissen, und Unternehmen profitieren mittelfristig vom großen betriebswirtschaftlichen Nutzen.

Welche Leistungen bieten Sie dabei an und wie werden sie organisiert und vor allem finanziert?

Die Beruf und Familie Stormarn bietet als gemeinnützige GmbH und angegliederte Stiftung Dienstleistungsangebote für Unternehmen und ihre Beschäftigten im Unternehmensverbund an, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Gesellschafter sind sieben Stormarner Unternehmen und zwei Stiftungen. Unsere Angebote sind unter anderem Notfallbetreuung für Kinder, Sonderzeitenbetreuung und Ferienbetreuungsangebote. Organisiert werden die Leistungen in Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern. Die Finanzierung erfolgt über die Firmen, mit denen wir zusammen arbeiten. Überwiegend sind die Angebote jedoch durch die Gründer vorfinanziert. Deshalb sind wir für die Zukunft auf die Zusammenarbeit mit zehn weiteren Unternehmen angewiesen, damit sich das Finanzierungsmodell auch dauerhaft trägt, denn wir bekommen keine öffentlichen Gelder.

Wie wirkte sich der Kita-Streik aus Ihre Arbeit aus?
Es gab deutlich mehr Anfragen. Vieles ist möglich, aber unsere Angebote sind nicht als Ersatz für kollektiven Ausfall gedacht.

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