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Umstrittene Werkverträge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach Skandalen: Gewerkschaft drängt auf strengere Regeln / Unternehmen warnen vor „Dramatisierung“

Ohne Lohn, ohne Arbeitspapiere, ohne Krankenversicherung wurden sie sitzen gelassen – vor wenigen Wochen wandten sich griechische Arbeiter in Flensburg an die Öffentlichkeit. Über ein Subunternehmen waren sie bei der Flensburger Schiffbaugesellschaft beschäftigt – und dann von ihrer Firma vergessen worden. Nicht erst seit diesem Vorfall steht das Thema Werkverträge wieder ganz oben auf der Agenda der Gewerkschaften. Bei diesen Verträgen wird eine Vergütung für ein bestimmtes Werk – beispielsweise Schweißarbeiten – gezahlt. „Unser Eindruck ist, dass die Werkverträge im Zentrum der Wertschöpfung zunehmen“, sagt Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste in Hamburg. Dabei ist längst ein regelrechter Glaubenskrieg um die Rolle der Werkverträge entbrannt. Die Unternehmen sehen mit der wachsenden Kritik ein wichtiges Instrument bedroht. Gewerkschaften vermuten hingegen systematischen Missbrauch.

Wie es um den Einsatz von Werkverträgen tatsächlich im Norden bestellt ist, ist alles andere als klar. Einer Umfrage zufolge, die der Arbeitgeberverband Nordmetall bei 76 Betrieben mit zusammen mehr als 41  000 Beschäftigten durchgeführt hat, arbeiteten 54 Prozent komplett ohne Werkverträge. „Dies zeigt, dass sich Werkverträge nicht zur Dramatisierung eignen“, sagt Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer von Nordmetall und des Arbeitgeberverbands Nord (AGV Nord). Auch der Anteil der Beschäftigten mit Werkverträgen fällt demnach gering aus. Auf 100 Beschäftigte einer Stammbelegschaft kommen so gerade einmal sieben Arbeitnehmer, „die im Rahmen von Werkverträgen tätig sind“.

Die IG Metall beruft sich auf eigene Zahlen. Je nach Branche weichen diese zum Teil deutlich von den Werten der Arbeitgeber ab. Demnach kämen im Schiffbau auf 100 Stammbeschäftigte 39 Arbeitnehmer mit Werkverträgen. 100 zu 32 ist das Verhältnis im Automobilbau, 100 zu 31 in der Stahlbranche und 100 zu acht im Flugzeugbau. Dabei verteufeln die Arbeitnehmervertreter den Einsatz der Verträge keineswegs. „Werkverträge sind ein normales Instrument“, betont der Sprecher der IG-Metall-Küste, Heiko Messerschmidt. „Problematisch wird es dann, wenn es darum geht, Löhne zu senken und Standards zu drücken“, fügt er hinzu. Immerhin macht auch laut Nordmetall mehr als jeder vierte Betrieb die niedrigeren Stundenlöhne für den Einsatz von Werkverträgen geltend. Doch bei jeweils zwischen knapp der Hälfte und Dreiviertel der Betriebe überwiegen demnach bei den Motiven die „Konzentration auf das Kerngeschäft“, die „Abfederung von Auftragsspitzen“ und die „vertieften Spezialkenntnisse der Werkvertragsnehmer“. 40 Prozent der Arbeitnehmer in Werkverträgen sind ausgebildete Fachkräfte, 30 Prozent Hochschulabsolventen. Und 40 Prozent der Betriebe geben zu Protokoll, dass der Anteil ausländischer Arbeitnehmer bei Werkverträgen sogar geringer sei als bei der Stammbelegschaft. Nur 23 Prozent sagen, er sei höher.

Sieben Monate vor den Vorkommnissen in Flensburg war der Fall griechischer Arbeiter bekannt geworden, die in Mecklenburg-Vorpommern in heruntergekommenen Behausungen und nur von Toast und Tütensuppe lebten, weil ihre Werkvertragsfirma nicht mehr zahlte und der Auftraggeber sich nicht verantwortlich fühlte.

Der Staat müsse seine Kontrollpflicht wahrnehmen, sagt Nordmetall-Hauptgeschäftsführer Fickinger. Laut Nordmetall bleiben die meisten Betriebe von Aufsichtsbehörden unbehelligt. 74 Prozent hatten demnach im vergangenen Jahr überhaupt nichts mit dem Zoll zu tun. Nur in neun Prozent der kontrollierten Betriebe waren Werkverträge ein Thema. „Illegales Verhalten ist schon jetzt strafbar, dafür braucht es weder neue Gesetze noch mehr Mitbestimmung.“ Auf Letztere drängen die Gewerkschaften. Sie soll auch Thema der heutigen IG-Metall-Betriebsrätekonferenz in Bremen sein – mit dabei: Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Nach der Einführung des Mindestlohns hat sie jetzt die Werkarbeit ins Visier genommen und noch für dieses Jahr ein Gesetzespaket angekündigt.

Doch Fickinger warnt. Zu starke Regulierung würge wirtschaftliche Erfolge ab. So sagen mehr als 80 Prozent der Firmen im Fall einer Beschneidung der Vertragskonstrukte einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit voraus, ein Viertel befürchtet den Verlust von Jobs. „Obwohl es kaum Kontrollen gibt, ergreifen die Firmen freiwillige Maßnahmen“, gibt Fickinger zudem zu bedenken. So habe über ein Drittel der Unternehmen einen Verhaltenskodex entwickelt. Mehr als die Hälfte hat Checklisten für den Abschluss von Werkverträgen. IG-Metall-Sprecher Messerschmidt ist dennoch skeptisch. „Da ist immer die Frage, wie wird das kontrolliert?“

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erstellt am 16.Apr.2015 | 23:30 Uhr

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