50 Prozent der Firmen in Kurzarbeit : Umfrage: Jedes fünfte Unternehmen plant Jobabbau in der Corona-Krise

'Es raubt mir einfach den Schlaf', sagt Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.

"Es raubt mir einfach den Schlaf", sagt Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.

6000 Unternehmen wurden durch das Ifo-Instituts befragt. Für Arbeitnehmer sind die Ergebnisse mit Sorgen verbunden.

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23. April 2020, 20:17 Uhr

München | „Diese Krise stellt für mich alles bisher Erlebte in den Schatten. Es raubt mir einfach den Schlaf.“ Er schlafe nachts manchmal nur drei Stunden, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest dieser Tage. Am Donnerstag stellte sein Institut neue beunruhigende Umfrageergebnisse zur Corona-Krise vor. Danach will beinahe jedes fünfte Unternehmen Jobs abbauen.

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Das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hat vom 6. bis 22. April insgesamt 6000 Unternehmen befragt. Mitarbeiter entlassen oder befristete Jobs nicht verlängern wollen demnach 18 Prozent der Unternehmen. In der Industrie und bei den Dienstleistern sind es jeweils 20 Prozent, 15 Prozent im Handel und 2 Prozent auf dem Bau.

Die Corona-Kruse dämpft zudem künftige Aktivitäten: 46 Prozent der Firmen wollen laut Ifo-Umfrage Investitionen verschieben - darunter 56 Prozent in der Industrie, 44 Prozent bei den Dienstleistern, 38 Prozent im Handel und 31 Prozent auf dem Bau.

Kurzarbeit in jedem zweiten Unternehmen

Zugleich bemühen sich Hunderttausende von Unternehmen aber auch, Stellen zu halten, indem sie Kurzarbeit anmelden und die Bundesagentur für Arbeit ganz oder teilweise die Löhne zahlen lassen. Jedes zweite Unternehmen fährt inzwischen Kurzarbeit, so das vorläufige Fazit der Wirtschaftsforscher. „Für viele Unternehmen ist Kurzarbeit ein Mittel der Wahl, um kurzfristige Umsatzausfälle abzufedern und ihre Belegschaft zu halten“, sagt der Leiter der Ifo-Befragungen, Klaus Wohlrabe.

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Besonders der Handel nutzt das Instrument. Hier befinden sich derzeit bei 55 Prozent der Unternehmen Mitarbeiter in Kurzarbeit, in der Industrie sind es 53 Prozent, bei den Dienstleistern 48 Prozent und auf dem Bau 37 Prozent.

Und was heißt das alles in absoluten Zahlen? Stand 20. April haben 718.000 Betriebe bei den Agenturen für Arbeit Kurzarbeit angemeldet. „Es gehen weiterhin Anzeigen zur Kurzarbeit ein, die Kurve flacht aber deutlich ab“, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilt. Im Vergleich zur Vorwoche verzeichnet die BA sogar einen Rückgang um 7000 Anträge, da sie ihre Statistik um Doppelmeldungen bereinigt hat.

Mehr als 8500 Beschäftigte bearbeiten Kurzarbeitsanzeigen

Im Gegensatz zum Ifo-Institut ist laut Mitteilung der BA nicht jeder zweite, sondern nur jeder dritte Betrieb von Kurzarbeit betroffen. Das ist damit zu erklären, dass die Ifo-Forscher keine Klein- und Kleinstbetriebe und Soloselbständigen befragen, die Arbeitsagenturen aber alle Betriebe erfassen, in denen mindestens ein Arbeitnehmer sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist. In Deutschland gibt es knapp 2,2 Millionen solcher Betriebe. Der Arbeitsaufwand ist in jedem Fall immens: Inzwischen bearbeiten über 8500 Beschäftigte Kurzarbeitsanzeigen und rechnen Kurzarbeit ab. „Das sind vierzehn Mal so viele wie in normalen Zeiten“, wie die BA betont.

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Und wie werden sich die neuen Koalitionspläne auswirken? Beschlossen ist: Wer wegen der Corona-Krise nur 50 Prozent oder weniger arbeitet, bekommt ab dem vierten Monat mehr Kurzarbeitergeld. Die 60 Prozent des entgangenen Nettolohns steigen dann auf 70 Prozent, ab dem siebten Monat auf 80 Prozent. Für Eltern erhöht sich die Leistung von 67 auf 77 beziehungsweise 87 Prozent. Bezieher von Arbeitslosengeld I, deren Anspruch zwischen dem 1. Mai und dem 31. Dezember enden würde, bekommen die Leistung drei Monate lang weiter.

Fuest zeigt sich zufrieden: „Die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes mit einer zeitlichen Staffelung halte ich für richtig. Die Beschlüsse werden die Konsumnachfrage stabilisieren und sind deshalb auch eine geeignete konjunkturpolitische Maßnahme.Das gilt auch für die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes.“

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