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Offtec Base in Enge-Sande : Trockenübung für den riskanten Job auf hoher See

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Die Firma Offtec Base bereitet Monteure und Rettungskräfte auf den Einsatz in Offshore-Windparks vor. Hier gibt es „Wohlfühl-Bedingungen“ in 90 Metern Höhe.

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erstellt am 03.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Enge-Sande | Rudolf Reiteggers Vertrauen in Seile ist groß. Schon oft hing sein Leben von ihnen ab. Doch diese Situation ist neu für den Höhenretter aus Oberösterreich. In 90 Metern Höhe baumelt Reitegger knapp unter den stehen gebliebenen Rotorblättern einer Windkraftanlage. Neben ihm hängt Andree B. Der Ausbilder für das Höhentraining blickt nach oben. Er wartet auf das Kommando seines Kollegen, der aus dem Maschinenraum der Windmühle herausschaut.

Im kalten Novemberwind blickt Reitegger über die flache Geestlandschaft Nordfrieslands. Der Wind weht mit zwölf Metern pro Sekunde. Die umstehenden Windmühlen in Enge-Sande laufen wummernd unter Vollauslastung. „Verglichen mit dem, was auf hoher See passieren kann, sind das gerade Wohlfühl-Bedingungen“, sagt B. und grinst. Als ehemaliger Kampfschwimmer der deutschen Bundesmarine will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Das Team probt den Notfall. Wenn vor der Küste ein Monteur in einer Offshore-Anlage verunglückt, muss jeder Handgriff der Rettungskräfte sitzen. Reitegger, der eigentlich für einen österreichischen Hersteller von Sicherheitsequipment arbeitet, ist heute ein verletzter Monteur.

Matthias Volmari steht am Fuß der Anlage und beobachtet die Rettung. Er ist der Geschäftsführer der Firma Offtec Base und verantwortlich für das Training. „Techniker für Offshore-Anlagen haben bei ihren Einsätzen auf See ein Stressprogramm zu bewältigen und im Notfall ist die Umgebung für Rettungskräfte eine echte Herausforderung“, sagt er mit Blick nach oben. Für das auf einem ehemaligen Marine- und Munitionsdepot gelegene Unternehmen mit 15 Angestellten sind diese Herausforderungen Geschäftsgrundlage. Seit 2011 können Kunden aus dem On- und Offshore-Bereich ihr Personal in Enge-Sande aus- und weiterbilden lassen. Auch die Notfall- und Helikoptertrainings für Ärzte sind gefragt. „Unser Ziel ist es, auf einer Liegenschaft Beratung für den Bereich Offshore, die Ausbildung und das vollständige Training von Fachkräften anzubieten“, sagt Geschäftsmann Volmari. Dafür stehen ihm 127 Hektar Fläche zur Verfügung.

Besonders stolz ist Volmari auf den Übungswindpark mit typischen Offshore-Windmühlen wie die 3600-Kilowatt-Anlage, an der Reitegger gerade hängt. Bundesweit soll es der einzige voll funktionsfähige Testwindpark sein.

Mit Wind lässt sich viel Geld machen, dennoch ist die Offshore-Branche in schweres Fahrwasser geraten. Die Projekte auf hoher See sind anspruchsvoll und teuer. Für Investoren bedeutet das ein großes Risiko. Sie halten sich zurück, was nicht zuletzt auch an der langen Diskussion über die zukünftige Förderung von Offshore-Projekten liegt. „Wir brauchen vor allem verlässliche Rahmenbedingungen“, fordert Matthias Volmari. Auch die Landesregierung sieht er in der Pflicht, sich stärker für die maritime Windbranche einzusetzen. In Schleswig-Holstein hängen laut der Netzwerkagentur Windcomm 1000 Arbeitsplätze an der Offshore-Branche. In den Koalitionsverhandlungen sendeten Union und SPD in der vergangenen Woche der Branche positive Signale. Die Regierung in spe plant, die Förderbedingungen für Windparks in Nord- und Ostsee zu verbessern. Zukünftig sollen die Betreiber von Offshore-Anlagen zwei Jahre länger subventioniert werden. Verbraucherschützer warnen zwar, dass deshalb die Strompreise steigen, doch Betreiber wie Eon, Vattenfall und EWE profitieren.

„Wir sind optimistisch, dass die Branche wieder an Fahrt gewinnt“, sagt Volmari. Offtec Base investiert deshalb kräftig. Für das Überlebenstraining auf dem Meer baut das Unternehmen gerade eine spezielle Schwimmhalle für drei Millionen Euro. In dem Becken lassen sich Wellen von bis zu 2,40 Metern erzeugen und mithilfe von Helikopterattrappen Hubschrauberabstürze simulieren.

„Du kannst dich jetzt langsam abseilen“, ruft einer der Ausbilder aus dem Maschinenraum. Andree B. lockert den Griff um eines der Seile und gleitet zusammen mit Rudolf Reitegger herunter. 15 Minuten lang hingen sie in 90 Metern Höhe. „Mit der Zeit wird es bei dem Wind da oben richtig unangenehm“, sagt der routinierte Oberösterreicher unten angekommen. Doch was für den Menschen unangenehm ist, bringt vor Schleswig-Holsteins Küsten Strom. Rudolf Reitegger und Andree B. machen sich bereit für den erneuten Aufstieg.

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