Umfrage : Taxi-Gewerbe: Künftig weniger Autos und höhere Tarife?

Konkurrenz und der Mindestlohn: Taxifahren wird wohl teurer und auch seltener. Vor allem nachts und auf dem Lande könnten Kunden künftig öfter vergeblich auf ein Auto warten.

Avatar_shz von
05. Juli 2014, 13:19 Uhr

Kiel/Hamburg | Steigende Preise für die Fahrgäste und trübe Aussichten für die Branche: Das Taxi-Gewerbe ist in unruhige Zeiten geraten. Eine dpa-Umfrage in Schleswig-Holstein und Hamburg ergab, könnte es im Norden nicht nur höhere Tarife geben, sondern wahrscheinlich auch eine Verkleinerung der Taxiflotte. Wachsende Kosten, Konkurrenzdruck und der neu beschlossene Mindestlohn machen der Branche zu schaffen.

Wer nachts am Wochenende in einem Dorf ein Auto bestellen will, könnte künftig ganz schlechte Karten haben. „Ich befürchte, dass es zu Schwachlastzeiten in manchen ländlichen Gebieten kein Taxi mehr geben wird“, sagte der Geschäftsführer des Landesverbandes, Thomas Krotz. „Die Situation ist ernst.“ Nur um die Differenz zwischen aktuellen Stundenlöhnen von 4 bis 7,50 Euro und künftig zu zahlendem Mindestlohn von 8,50 Euro auszugleichen, müssten die Preise tagsüber um 10 bis 20 Prozent steigen und nachts um bis zu 50 Prozent. „Wenn ich in der Stunde einen Umsatz von 8,50 Euro mache, kann ich nicht 8,50 Euro Stundenlohn zahlen“, sagte Krotz.

Auch mit einem Brandbrief an Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hatte der Taxiverband vor einer weiteren Verschärfung der Lage durch den Mindestlohn gewarnt. Krotz bezweifelt, dass die Behörden Steigerungen im genannten Umfang genehmigen. Er bezweifelt auch, dass sie sich auf dem Markt durchsetzen würden und rechnet mit einer Verknappung des Angebots. 2000 Taxis legen in Schleswig-Holstein jährlich zusammen über 100 Millionen Kilometer zurück. Kiel hat etwa 300 Taxis, Lübeck 200, Hamburg 3300. Krotz erwartet im Norden die Anträge auf Tarifsteigerungen zum 1.1.2015 spätestens Ende August.

Regional wird das unterschiedlich ausfallen: 16 Tarifgebiete hat Schleswig-Holstein. 3,80 Euro beträgt der Grundpreis auf Amrum oder Föhr, nur 2,40 Euro in Plön. Fünf Kilometer sind in Dithmarschen (9,50 Euro) am billigsten und in Neumünster (11,50) am teuersten.

Außer Mindestlohn und gestiegenen Spritpreisen in den letzten Jahren macht der Branche unliebsame Konkurrenz zu schaffen. Da sind Leute mit Privatautos, die vor Discos oder bei Großereignissen Fahrgäste abgreifen, vor allem aber Shuttle-Angebote von Hotels, Kliniken, Autohäusern, Reisebüros oder Pflegediensten. „Diese organisierte Form eines Grauverkehrs ist ein Ärgernis“, sagte Krotz. Hinzu kommen Anbieter, die über Handy-Apps Fahrer vermitteln.

Ungewiss ist auch die künftige Abwicklung der jährlich 2,5 Millionen Patientenfahrten. Schwerkranke müssen teils mehrfach in der Woche zur Dialyse oder Bestrahlung in städtische Kliniken. Die Vergütung muss mit dem Mindestlohn neu verhandelt werden. „Wenn die Kassen nicht mitziehen, müssen die Patienten künftig bar bezahlen“, sagte Krotz. „Das Geld werden nicht alle haben.“ 

Mit dem Mindestlohn wird Taxifahren wohl vielerorts teurer. Auch für Lübeck – Grundpreis bisher 2,90 Euro, je Kilometer 1,40 bis 1,60 Euro – zeichnet sich das ab. „Es gibt einen entsprechenden Antrag des Taxigewerbes, aber auch die Verwaltung ist vor dem Hintergrund der Einführung eines Mindestlohnes von sich aus aktiv geworden“, sagte Stadtsprecherin Nicole Dorel. „Wir haben eine Erhöhung von durchschnittlich zwölf Prozent beantragt“, sagte André Marx von der Interessengemeinschaft Taxi. „Damit lägen wir ganz leicht über der Kostensteigerung durch Betriebskosten, Versicherung und Mindestlohn.“  

Für Ostholstein stellte der Leiter der Verkehrsaufsicht, Michael Bornhöft, eine moderate Anhebung in Aussicht. Die Situation der 60 Taxiunternehmen sei unterschiedlich. „Während die Wagen an der Küste zumindest in der Saison durch Feriengäste gut ausgelastet sind, halten sich in anderen Orten die Unternehmen hauptsächlich mit Krankenfahrten zu Kliniken und Facharztzentren über Wasser.“ 

In Nordfriesland – Grundpreis 3,50 Euro auf dem Festland, 3,80 Euro auf den Inseln – wollen die Unternehmen auch erhöhen. In Neumünster stieg der Grundpreis erst zum 1. Juni von 3,10 auf 3,60 Euro, während der Kilometerpreis stabil bei 1,60 Euro blieb. „Dem Gewerbe geht es ganz schlecht“, sagte Horst Schmidt vom Vorstand der Genossenschaft 44444. Sie hat 55 Taxis. Zum Jahresende könnten es 10 bis 15 weniger sein, befürchtet Schmidt wegen des Mindestlohns.Die Preisentwicklung in Hamburg ist noch offen. 30 Prozent mehr, wie es etwa in Magdeburg erwartet wird, schloss die Verkehrsbehörde aus.

„Mit Sicherheit werden die Preise in Hamburg nicht so stark ansteigen wie in manchen anderen Städten“, sagte auch der Zweite Vorsitzende des Taxiverbandes, Clemens Grün. Die aufgrund harter Kontrollen auf Schwarzarbeit und Steuerbetrug schon gesunkene Zahl der Wagen werde weiter zurückgehen – damit der Mindestlohn bezahlt werden könne.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen