Energiewende : Stromleitungen für tausende Megawatt fehlen

Betreiber von Offshore-Windanlagen erhalten für ihren Strom eine Entschädigung - auch wenn die Anlagen noch gar nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Foto: dpa
Betreiber von Offshore-Windanlagen erhalten für ihren Strom eine Entschädigung - auch wenn die Anlagen noch gar nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Foto: dpa

Schleswig-Holsteins Anteil an der Energiewende hängt vor allem am Ausbau der Stromnetze – der stockt jedoch zurzeit. shz.de hat Fragen und Antworten zum Netzausbau zusammengestellt.

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08. März 2013, 07:26 Uhr

Was trägt das Land zur Energiewende bei?
Die Landesregierung möchte bis 2015 den gesamten Stromverbrauch in Schleswig-Holstein mit erneuerbaren Energien decken. Davon soll auch der gesamtdeutsche Strombedarf profitieren: Acht bis zehn Prozent davon sollen aus erneuerbaren Energien aus Schleswig-Holstein gedeckt werden.

Wie ist das zu schaffen?
Besonders die windreichen Küstenregionen sollen ihren Teil beitragen. Dafür hat das Land 1,5 Prozent der Landesfläche als Windeignungsfläche im Landesentwicklungsplan 2011 ausgewiesen. Es sind jedoch ausreichende Stromleitungen zu den Verbrauchszentren in Süddeutschland nötig. Die Netzbetreiber Tennet und Eon Netz gehen von 9000 Megawatt Windstrom onshore und 3000 Megawatt offshore bis 2015 aus. Allein der Strom von Landwindanlagen entspricht laut Landeswirtschaftsministerium der Menge, die sieben Kraftwerke der Größe des Kernkraftwerkes in Brokdorf produzieren können. Das ist drei Mal so viel, wie in Schleswig-Holstein verbraucht wird.

Um welche Größenordnung geht es bei den neuen Leitungen?
Bislang reichten 110-Kilovolt-Leitungen aus, um die Strommenge im Land zu verteilen. Um die enormen Strommengen der neuen Windkraftanlagen nach Süden zu transportieren, sind jedoch 380-Kilovolt-Leitungen nötig. Das betrifft drei Leitungen an der West- und an der Ostküste sowie in der Mitte des Landes:

An der Westküste ist eine 380-Kilovolt-Leitung von Brunsbüttel nach Niebüll geplant, die im ersten Abschnitt zwischen Brunsbüttel und Barlt in Dithmarschen ab 2015 gebaut werden soll. Weiter nach Heide soll es ab 2016 gehen, von dort aus bis Husum ab 2018 und das letzte Stück bis Niebüll ab 2019.

An der Ostküste ist laut Wirtschaftsministerium zwischen Audorf und Lübeck eine 380-Kilovolt-Leitung nötig. Wann sie sukzessive in drei Abschnitten gebaut werden kann, ist noch offen: Die Planungen beginnen im kommenden Jahr.

Auf der Mittelachse zwischen Audorf und dem Norden Hamburgs steht noch kein Baubeginn fest, das Planfeststellungsverfahren hat 2012 begonnen. Der Ausbau der 220-Kilovolt-Leitung von Brunsbüttel über Itzehoe nach Hamburg-Nord und von Hamburg-Nord nach Lübeck-Siems erfolgt laut Wirtschaftsministerium zu einem späteren Zeitpunkt.

Werden die neuen Leitungen auf den alten Trassen installiert?
Ob die neuen Leitungen entlang oder sogar auf den gleichen Masten der bestehenden 110-Kilovolt-Trassen geführt werden können, hängt davon ab, ob die finanziellen und rechtlichen Fragestellungen mit der Bundesnetzagentur und dem Betreiber der alten Leitungen geklärt werden können, so das Wirtschaftsministerium.

Verlaufen die neuen Leitungen über oder unter der Erde?
Die Erfahrungen mit Höchstspannungsleitungen unter der Erde reichen nicht aus, die 380-Kilovolt-Trassen komplett unter die Erde zu verlegen. Es gibt zwar Pilotprojekte, die den Transport von Hochspannungsstrom unter der Erde testen sollen. In Schleswig-Holstein gibt es jedoch kein Projekt.

Was ist die Hauptkritik am Ausbau der Stromleitungen?
Kritisiert wird vor allem, dass der Ausbau der Infrastruktur nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Schritt hält. Dieses Missverhältnis gefährde die Energiewende und mache sie teurer als nötig, kritisiert etwa das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Besonders die Wirtschaft sieht Wettbewerbsnachteile durch hohe Strompreise im internationalen Vergleich.

Eine weitere Kritik ist, dass der Strom von den Windparks auf See durch den schleppenden Netzausbau nicht abtransportiert werden kann. Die Windparkbetreiber erhalten für ihren Strom dennoch eine Entschädigung, auch wenn er gar nicht in Leitungen fließt. Die Haftung dafür tragen zum größten Teil nicht die Netzbetreiber, sondern die Stromkunden. Die Entschädigungsumlage liegt bei 0,25 Cent pro Kilowattstunde.

Was ist eine "Bürgerleitung"?
Um die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber den neuen Leitungen zu erhöhen, wird die Westküstentrasse als „Bürgerleitung“ ausgewiesen. Private Anleger können Anteile in Höhe von 1500 Euro an der Leitung kaufen, die dann verzinst werden. Bevorzugt werden Netzbetreiber Tennet zufolge Anwohner, die unmittelbar vom Bau der Hochspannungsleitung betroffen seien. Der Zinssatz soll nach derzeitigen Kapitalmarktbedingungen 4,5 bis 5 Prozent betragen. Die Höhe der Bürgerbeteiligung soll auf etwa 40 Millionen Euro begrenzt werden, maximal 15 Prozent des Investitionsbudgets für die Leitung. Die Wertpapiere sollen von ortsansässigen Geldinstituten vertrieben werden. Der Verkauf soll, nach Genehmigung durch die zuständige Finanzregulierungsbehörde, im zweiten Quartal dieses Jahres beginnen.

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