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Neue Serie : Startup-Szene: Gründerland Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bundesweit zählt der Norden zur Spitze, wenn es darum geht, ein Nachwuchsunternehmen aufzubauen. Kaum irgendwo sonst haben Studenten so oft Ideen für die eigene Firma.

shz.de von
erstellt am 08.Mär.2015 | 19:31 Uhr

Kiel | Spitzen-Dessous und Sex-Spielzeug – die Welt der Erotik ist das Metier von „Fräulein Spitz“. Hinter dem Namen stecken Jennifer Eilers und Stefanie Höller. Als Studentinnen gründeten sie vergangenes Jahr in Flensburg den Online-Shop, der ein neues Luxus-Label im Bereich Erotik etablieren soll. Rückenwind gibt es dafür derzeit aus Hollywood. „‚Fifty Shades’ ist natürlich ein Türöffner“, sagt Eilers mit Blick auf den Film um Liebe, Sex und Sado-Maso-Spiele. Die Zukunft erwarten Eilers und ihre Mitstreiterin allerdings im Plus-Size-Segment, also bei der Mode für „kurvige Frauen“. „Da sehen wir in Deutschland das Potenzial.“

„Fräulein Spitz“ ist originell – doch seine Geschichte als Startup im Norden kein Einzelfall. Im Gegenteil. In keinem anderen Bundesland kommen auf tausend Studenten so viele Unternehmensgründungen wie in Schleswig-Holstein. Die Christian-Albrechts-Universität schafft es beim Thema Gründer-Bedingungen in Rankings unter die Top 15 der großen Hochschulen. Die Einrichtungen in Flensburg und Lübeck gehören zu den Top 12 der kleinen Hochschulen. Nach Zahlen des Stifterverbands gab es zuletzt 8,5 Gründungen auf tausend Studierende im Norden – 5,9 Gründungen mehr als im Durchschnitt der Länder. Eine dieser Gründungen: Flowy Apps. Preisgekrönt und mit einem ehrgeizigen Versprechen versehen: „Wir geben Dir die Kontrolle über deine Daten zurück!“ Um das zu schaffen, hat Gründer Torben Haase eine Verschlüsselungssoftware entwickelt, mit dem Nutzer ihre Daten sicher online aufbewahren können. 2012 wurde das Projekt mit dem ersten Preis beim Ideenwettbewerb Schleswig-Holstein ausgezeichnet. Ein Jahr später sorgten die Enthüllungen des US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden weltweit für Aufsehen. Für Flowy Apps folgte ein Gründerstipendium von Exist – dem Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministerium.

Rund fünf Jahre brauchen Unternehmen nach den Erfahrungen von Dirk Müller von der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH), bis es ihnen gelingt, auf eigenen Beinen zu stehen. Flowy Apps befindet sich in Jahr zwei nach der Gründung. „Wir sind auf der Suche nach Pilotkunden“, erzählt die Schwester von Torben Haase und Mitgründerin Annika Schulz. Die Zahl der möglichen Interessenten ist groß – Ärzte, Steuerberater, Rechtsanwälte. Verschiedene Projekte seien in Vorbereitung. Gefördert wird Flowy Apps durch den den Seed- und Startup-Fonds Schleswig-Holstein. Die Gelder stammen aus Töpfen der EU, des Landes, sowie von der Investitionsbank und der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) in Kiel. 27 Gründungen hat die MBG allein in 2014 unterstützt. An den Hochschulen im Norden greifen Einrichtungen wie das Dr.-Werner-Jackstädt-Zentrum am Hochschulstandort Flensburg, das Zentrum für Entrepreneurship an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Gründercube in Lübeck angehenden Unternehmern unter die Arme. „Es geht uns in Schleswig-Holstein momentan ausgesprochen gut“, beschreibt WTSH-Experte Müller dann auch die aktuelle Situation. Doch er gibt zu bedenken, dass sich dies schnell ändern könne. „Es sind immer temporäre Mittel.“ Zu klären sei somit, wie die Gründungsförderung in Zukunft gesichert wird. „Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, da mehr zu tun.“

Flowy Apps plant derweil den nächsten Schritt. Eine Anschlussfinanzierung muss her. „Wir wollen mehr in den Bereich Hardware gehen“, sagt Annika Schulz. Die Software von Flowy Apps soll vorinstalliert auf entsprechenden Geräten ausgeliefert werden. Benutzerfreundlich. „Dafür wollen wir auch eine Crowdfunding-Kampagne starten“, sagt sie. Die Schwarmintelligenz aus dem Internet soll die Finanzierungslücke schließen.

Auch bei „Fräulein Spitz“ soll es in diesem Jahr mit großen Schritten vorangehen. „Wir haben einen privaten Investor gefunden“, sagt Jennifer Eilers. Nach einem Vortrag sei der Investor auf die jungen Frauen zugekommen, begeistert von den Gründerinnen. Bis Mitte des Jahres soll bei „Fräulein Spitz“ nun ein Image-Film entstehen, ein Youtube-Kanal folgen, ein eigenes Lager wird aufgebaut. „Wir wollen ein Stück vom Kuchen der Erotikbranche abhaben.“

Schleswig-Holstein ist Gründerland. In kaum einer anderen deutschen Region ist die Neigung, ein Unternehmen aufzubauen, so groß. Auch jenseits der Hochschulen. Das zeigen Zahlen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). 2011 bis 2013 lag die Gründungsquote zwischen Nord- und Ostsee bei 0,73 Prozent – soweit es Gründungen betraf, die nicht nach Feierabend stattfanden. Nur in Berlin (1,16 Prozent), Hamburg (0,84 Prozent) und Hessen (0,74 Prozent) ist die Quote noch höher.

Hinter dem Wert stehen mehr als 12.500 Gründer, die mit jeder Unternehmung Jobs im Norden schaffen. Vergangenes Jahr führte Flowy Apps-Gründer Torben Haase sein erstes Personalgespräch – als Chef. „Fräulein Spitz“ zählt bereits fünf Angestellte. Und wie es später weitergehen kann, zeigen andere ehemalige Startups. Der 2003 in Kiel gegründete Online-Bezahldienstleister Payone etwa beschäftigt inzwischen 100 Mitarbeiter. 23 Jobs wurden in vier Jahren von der Firma Gestigon geschaffen, die Geräte durch Gesten steuerbar machen will. Der Diagnostika-Produzent Euroimmun wiederum entstand 1987 als Ausgründung einer Hochschule – heute zählt er 1700 Mitarbeiter weltweit.

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