Niedrige Zinsen : Sparer in SH verlieren Millionen

Die Schleswig-Holstein verlieren in diesem Jahr viel Geld.
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Die Schleswig-Holstein verlieren in diesem Jahr viel Geld.

Niedrige Zinsen, sinkende Sparbereitschaft: Sparkassen-Verband warnt vor einem „Teufelskreis“.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
29. Juni 2014, 18:07 Uhr

Kiel | Die niedrigen Zinsen an Europas Kapitalmarkt vernichten immer mehr Geld. Allein in Schleswig-Holstein werden Sparer in diesem Jahr 730 Millionen Euro verlieren. Das geht aus einer Berechnung der Commerzbank hervor, die dem sh:z vorliegen. Jedem Schleswig-Holsteiner vom Kind bis zum Greis würde das Zusammenspiel von Inflation und der Politik des billigen Geldes der Europäischen Zentralbank (EZB) demnach bis Ende des Jahres 257 Euro aus dem Sparstrumpf fressen.

Allein im vergangenen Jahr mussten sie nach Berechnungen des Kreditinstituts auf rund 533 Millionen Euro verzichten. Bundesweit ging der deutsche Sparkassen- und Giroverband zuletzt von mehr als 15 Milliarden Euro an Zinsen aus, die Sparer im Jahr verlieren. „Für den deutschen Sparer ist das alles noch hinnehmbar“, beruhigt zwar Jens Boysen-Hogrefe, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Doch die Situation könnte sich verschärfen. Denn während die EZB zuletzt gegen eine drohende Deflation, also sinkende Preise, im Euro-Raum kämpfte, sagt der IfW-Experte für Deutschland das Gegenteil voraus. „Die sehr niedrigen Zinsen sorgen dafür, dass wir gerade in Deutschland eine Anhebung des Preisniveaus erleben werden“, so Boysen-Hogrefe. Reinhard Boll, Chef des Sparkassen- und Giroverbands für Schleswig-Holstein, warnt daher bereits vor der Gefahr, „dass die Geldpolitik aus der Niedrigzinsphase nicht herauskommt und wir in einen Teufelskreis aus niedrigen Zinsen einerseits und Preisblasen bei Vermögenswerten andererseits geraten“.

Gegenwärtig halten die Schleswig-Holsteiner laut Commerzbank 48,47 Milliarden Euro als Einlagen – aber über die jüngsten Höhenflüge an den Aktienmärkten durften sich nur die wenigsten freuen. „Tatsächlich steht nach wie vor das Tagesgeld-Konto im Vordergrund“, räumt Caje Petersen von der Kieler Fördesparkasse ein. Dennoch ist Bewegung im Markt. Investmentfonds würden stärker nachgefragt. Für Wertpapiere sei „das Umfeld immer noch gut“. Ähnlich ist die Einschätzung bei der Nord-Ostsee-Sparkasse in Flensburg. „Der Beratungsbedarf ist deutlich gestiegen“, so Sprecher Burkhard Lauritzen. Neben Fonds nennt er auch Immobilien. Bei der Hamburger Berenberg, Deutschlands ältester Privatbank, fragt die vermögende Kundschaft zudem Ackerland nach.

Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein warnt unterdessen, dass die Banken oftmals versuchten, teure Produkte zu verkaufen. Da die Geldanlage Teil der Altersvorsorge ist, würde er sich von Seiten des Staates mehr Ehrlichkeit wünschen. „Der Staat müsste mit offenen Karten spielen.“ Den Menschen müsste viel deutlicher und früher aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten sie haben. Klar ist für ihn aber auch: „Der Sparer muss aktiv werden.“

Niedrige Zinsen, sinkende Sparbereitschaft und eine wachsende Lust am Konsum bei Deutschlands Verbrauchern stellen Banken, Sparkassen und Versicherungen  zunehmend vor große Herausforderungen. „Wir haben eine fast zinslose Zeit, so wie im finstersten Mittelalter“, warnte daher Heinz Wings von der Sparda-Bank Hamburg kürzlich. Thomas von Aquin habe im 13. Jahrhundert dogmatisch darauf bestanden, dass das Geld keine „Jungen“ bringen dürfe.  „Zinsgeschäfte galten als sündhaft.“ Hätte es damals schon Banken gegeben, so Wings weiter, mit den heutigen Geschäftsmodellen, wäre es für einige ohne Zinsmarge ertragsmäßig sehr eng geworden. 

Das niedrige Zinsniveau könnte sich dabei nach Angaben aus der EZB-Führung noch bis Ende 2016 fortsetzen. „Wenn alle anderen Sachen so bleiben, wie sie heute sind, könnte das nach den Modellen so sein. Aber Sie wissen, dass die Realität oft sehr viel komplexer ist“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch am Sonntag im Deutschlandfunk. Während die EZB-Politik der niedrigen Zinsen für Sparer ein Minus im Sparstrumpf bedeutet, laut Sparda-Chef Wings ein „Leben auf Pump“ gefördert und noch größere Lücken in die Altersvorsorge gerissen werden, stellt sie für Banken und Kreditinstitute am Ende in manchen Fällen schon eine existenzielle Gefahr dar. „Ohne ein strategisches Gegensteuern droht eine Regionalbankenkrise in Deutschland“, hatte erst Anfang des Jahres  auch der Chef der  Beratungsgesellschaft 4P Consulting, Bernd Nolte, gewarnt. In einer Untersuchung von 300 Sparkassen und Volksbanken kam  er zum Ergebnis, dass 2018 fast zwei Drittel der regionalen Institute wegen steigender Kosten und sinkender Erträge kaum noch konkurrenzfähig sein dürften.

Aber die niedrigen Zinsen sind nur ein Teil des Problems. Tatsächlich haben sich viele Institute schon vor den jüngsten EZB-Entscheidungen Sparkurse und Reformen verordnet. Zuletzt hatten die Hypovereinsbank und die Nord-Ostsee-Sparkasse mit Filialschließungen in Schleswig-Holstein für Schlagzeilen gesorgt. Gründe sind vielfältig, der demographische Wandel und der Erfolg von Online- und Direktbanken gehört mit dazu. 

Von den bundesweit mehr als  50.000 Bankfilialen in den 90er Jahren sind heute nach Zahlen der Bundesbank noch 36.283 übrig. 2301 Kreditinstitute, die die Statistik im Jahr 2006 noch zählte, stehen heute 2053 Instituten gegenüber. Und in Zukunft könnten es noch weniger werden. Wings warnt, dass Branchenfremde wie der Suchmaschinen-Riese Google ihre Wertschöpfungskette verlängern und schrittweise Teile des Zahlungsverkehrs der Banken übernehmen würden. Wings weiß, wovon er spricht. Er selbst wird mit der Sparda-Bank zu den Pionieren beim Online-Banking gezählt. Und bereits in der Vergangenheit haben Banken erlebt, wie Geschäftsbereiche abwandern. Um Autofinanzierungen kümmern sich Autokonzerne heute selbst – mit eigenen Kreditinstituten. Die klassischen Banken sind außen vor.

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