Hauptberuf und Minijob : So viele Nebenjobber wie noch nie

Eigentlich sollte ein Job zum Leben reichen – doch viele Arbeitnehmer müssen nach dem Hauptberuf noch im Minijob weiterarbeiten.

till_maj_0539 von
25. März 2014, 07:17 Uhr

Kiel | Immer mehr Menschen im Norden gehen einem Nebenjob nach. Auch bundesweit haben immer mehr Arbeitnehmer eine Zweitbeschäftigung. Das geht aus Zahlen der Bundesarbeitsagentur sowie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Demnach hatten fast 92.000 Menschen in Schleswig-Holstein zum Stichtag Juni im vergangenen Jahr einen Nebenjob. Die Zahl hat sich seit 2003 damit verdreifacht. Inzwischen verdienen sich mehr als zehn Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Norden Geld dazu – Tendenz steigend. Bundesweit sieht es ähnlich aus. Zuletzt hatten nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mehr als drei Millionen Menschen einen Nebenjob – so viele wie noch nie. Und auch in diesem Jahr rechnet das IAB erneut mit einer leichten Zunahme.

Ein wesentlicher Grund für den Anstieg seien Vergünstigungen für Zweitjobs, die die Politik im Zuge der Hartz-Reformen beschlossen habe, sagt IAB-Forscher Enzo Weber. Die meisten Beschäftigten mit Nebenjob – mehr als zwei Millionen – hätten neben ihrem Hauptberuf einen Minijob. Seit 2003 ist der Hinzuverdienst für die Beschäftigten hier praktisch steuer- und abgabenfrei.

Weber kritisiert: „Es ist schwer nachvollziehbar, warum man den Zweitjob so begünstigt.“ Entlastet würden damit nämlich nicht nur Geringverdiener, die aus finanziellen Gründen zwei Jobs übernehmen müssen. Von der Regelung profitierten auch Gutverdiener mit einer Nebentätigkeit. Laut Weber müsste vielmehr differenziert werden: „Bei Geringverdienern müsste man grundsätzlich die Belastung reduzieren. Das nur über den Zweitjob zu tun, ist wenig zielgenau.“

Eigentlich sollen Minijobs zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten für Geringverdiener schaffen und die Hürden für eine Einstellung senken. Die Verdienstobergrenze liegt bei 450 Euro. Der Zuwachs bei den Beschäftigten mit Nebenjobs hat sich zuletzt aber verlangsamt. 2007 gab es im Vergleich zum Vorjahr noch 184.000 mehr. Von 2012 auf 2013 nahm ihre Zahl nur noch um 52.000 zu.

Der Anteil der Nebenjobber an allen beschäftigten Arbeitnehmern liegt bundesweit derzeit bei acht Prozent. Nebenjobs gebe es vor allem im Gastgewerbe und im Gesundheitswesen. Dennoch seien sie über den gesamten Arbeitsmarkt „breit gestreut“, sagt Weber. Auch jeder Hochqualifizierte – beispielsweise in der IT-Branche – könne einen Nebenjob annehmen.

Ein weiterer Grund für die Zunahme der Nebentätigkeiten sei der allgemeine Job-Boom. „Die Beschäftigung ist insgesamt deutlich gestiegen, der Bedarf bei den Arbeitgebern nach Fachkräften ist sehr hoch. Davon haben auch die Nebenjobber profitiert“, sagt der IAB-Forscher.

Uwe Polkaehn, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord (DGB Nord), führt die steigende Zahl von Nebenjobs aber vor allem auf zu niedrige Löhne und Fehlentwicklungen am Arbeitsmarkt zurück. „Eigentlich sollte der Lohn zum Leben reichen, aber das Normalarbeitsverhältnis ist immer mehr entwertet und zerstückelt worden“, so Polkaehn. Der Gewerkschaftsboss mahnt vor diesem Hintergrund vor allem eine Reform der Minijobs an. „Damit die Trickserei der Arbeitgeber aufhört, sollten sie vom ersten Euro an Sozialversicherungsbeiträge zahlen.
 

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