zur Navigation springen

Waffenhersteller aus Eckernförde : Sig Sauer: Leere Waffenkammern und Entlassungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei Sig Sauer steht eine Massenentlassung an – das Unternehmen will sich künftig auf Sportwaffen konzentrieren

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2014 | 19:59 Uhr

Michael Lüke liebt die Jagd. Auf Messen wirbt er für das Töten von Großwild – ganz gleich, ob Löwe oder Eisbär. Ein lukratives Geschäft. Doch seit ein paar Monaten gibt es in Lükes Reich Probleme: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mutmaßlich illegaler Waffenlieferungen seiner Firmen. Sein Privathaus wurde durchsucht. Und für eines seiner einstigen unternehmerischen Juwele – die Waffenschmiede Sig Sauer – sieht es inzwischen düster aus. In diesen Tagen will die Geschäftsführung Betriebsrat und Belegschaft über die Details informieren. Offen äußert sich Lüke selbst nicht zu dem Thema. Anfragen bei der L&O-Holding, die er gemeinsam mit Thomas Ortmeier kontrolliert, bleiben regelmäßig ohne Antwort. Pauschal heißt es am Firmensitz in Emsdetten meist nur, dass Lüke und Ortmeier nicht in das operative Geschäft eingreifen. Viele Beobachter bezweifeln das aber.

Nach Informationen unserer Zeitung erwartet die Geschäftsführung von Sig Sauer für dieses Jahr ein Minus von fast eineinhalb Millionen Euro. Die Verluste aus vorangegangen Jahren summieren sich auf mehr als vier Millionen Euro. Vor allem das Geschäft mit Waffen für Polizei und Militärs ist demnach stark rückläufig – eine Folge strikterer Exportregeln. Zudem hat Sig Sauer mit dem Ausfuhrstopp zu kämpfen, der im Fall ungeklärter Waffenlieferungen verhängt wurde. Umsatzerlöse machen demnach nur noch gut ein Viertel des Vorjahres aus. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Kiel dauern an.

Massive Stellenstreichungen sollen helfen. „Das ist schlicht und einfach nicht plausibel“, sagte Kai Petersen von der IG Metall Rendsburg bereits vergangene Woche. Damals hatte unsere Zeitung erstmals von den geplanten Entlassungen berichtet. Mindestens fünf solcher Konzepte habe er in den vergangenen Jahren schon erlebt, so Petersen. Am Ende des Umbaus sollen nur noch 49 Mitarbeiter bei Sig Sauer ihren Job behalten, 85 der 134 Stellen gestrichen werden. Allein die Dimensionen der Entlassungen sind für Petersen unverständlich, wenn man sich die Gegebenheiten in Eckernförde ansieht. Mehr als 300 Mitarbeiter haben dort vor noch nicht allzu langer Zeit gearbeitet. Nach den Plänen von Geschäftsführern und Eigentümern soll vor allem in der Fertigung der Rotstift angesetzt werden. Der Fokus von Sig Sauer soll künftig auf Sportwaffen liegen. Ab 2017 plant das Unternehmen mit diesen Maßnahmen wieder schwarze Zahlen zu schreiben und fast eine Million Euro in Eckernförde zu erwirtschaften – vor Steuern.

In Emsdetten erzählen die Menschen nach Lüke und Ortmeier gefragt, dass beide aus alteingesessenen Familien stammen. Weit verzweigt, tief in der Wirtschaft der Stadt verwurzelt. Ihr Geld haben sie in der Textilbranche gemacht – mit der TWE Group, einem 102 Jahre alten Familienbetrieb, der Vliesstoffe produziert. Dass die Öffentlichkeit zuletzt, wenn es um Sig Sauer und die umstrittenen Waffenlieferungen ging, vor allem auf Lüke schaute und nicht auf Ortmeier, verwundert manchen in Emsdetten. Doch es ist Lüke, der das Waffengeschäft zuletzt immer vorangetrieben hat. Mitte der 90er Jahre stieg Lüke bei der TWE Group als Geschäftsführer ein – nur wenige Jahre später gingen Ortmeiers und Lükes Management-Holdings auf Expansionkurs im Waffengeschäft.

Das Firmengeflecht, das beide aufgebaut haben, ist komplex. Allein siebzehn Unternehmen werden direkt von ihrer L&O-Holding Verwaltungs GmbH kontrolliert, darunter der Jagdwaffenhersteller Blaser aus Isny im Allgäu, der Komponentenhersteller Gabinvest GmbH mit Sitz in Bulgarien und mehrere Reiseanbieter, die sich auf Safaris spezialisiert haben. Weitere Unternehmungen finden sich als Teil der Tochterfirmen. Unter dem Dach der L&O Sig Sauer Verwaltungs GmbH sind parallel nochmals gut 15 Unternehmen gelistet – darunter die Sig Sauer-Betriebe in den USA und Eckernförde. Über die wirtschaftliche Situation der Einzelbetriebe schweigen sich die Gesellschafter in ihren Geschäftsberichten zwar regelmäßig aus. Doch in der Summe scheint es nicht schlecht zu laufen. Allein die Sig-Sauer-Verwaltungs GmbH erzielte laut ihres Geschäftsberichts noch vor zwei Jahren Erlöse von 19 Millionen Euro. Der Umsatz lag bei 293 Millionen Euro.

Nur noch ein kleiner Teil davon kam zuletzt aber wohl aus Eckernförde. Dort geben inzwischen Amerikaner den Ton an. So erzählen es zumindest die Beschäftigten. Zwar lief es auch in den USA mit dem Waffenhandel zuletzt nicht mehr rund, doch Beobachter sehen in Ron Cohen – dem Geschäftsführer der Sig Sauer Inc. – noch immer Lükes und Ortmeiers „Cash-Cow“. Der ehemalige Kommandeur der israelischen Armee hat aus der US-Schwester in nicht einmal zehn Jahren einen der am schnellsten wachsenden Waffenhersteller der Welt geformt. Er selbst hat dabei nie einen Hehl daraus gemacht, dass er neben Lüke derjenige ist, der im Sig-Sauer-Reich den Ton angibt. Einem US-Magazin erklärte er kürzlich, dass er dabei sei, die einzelnen Teile in Deutschland, den USA und in der Schweiz zusammenzuführen.

„Lüke und Ortmeier haben nie Freundschaft mit diesem Standort geschlossen“, sagt IG-Metall-Vertreter Kai Petersen mit Blick auf Eckernförde. Lüke selbst fühlt sich im Norden allerdings durchaus wohl. Vor wenigen Jahren kaufte er den Hof Ostermühlen (Kreis Rendsburg-Eckernförde) und gründete eine weitere Gesellschaft für sein Unternehmensreich. Mit einer Rinderzucht will Lüke hier Geld verdienen – nicht mit Waffen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen