Dräger, ACO, Löwe-Scheren : SH profitiert von Fußball-WM 2014

Zu Besuch in Brasilien: Aco-Chef Hans-Julius Ahlmann  am Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro
Zu Besuch in Brasilien: Aco-Chef Hans-Julius Ahlmann am Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro

Die WM in Brasilien bringt nicht nur Unternehmen aus Südamerika voran. Wie auch Schleswig-Holsteins Wirtschaft von der Fußball-Weltmeisterschaft profitieren kann.

shz.de von
02. Juni 2014, 11:49 Uhr

Büdelsdorf | Ab dem 12. Juni schauen die Augen der Welt auf Brasilien, wenn mit dem Spiel des Gastgeberlandes gegen Kroatien der Startschuss für die 20. Fußballweltmeisterschaft fällt. Und auch viele Unternehmen aus Schleswig-Holstein werden dann sehr aufmerksam nach Südamerika blicken. Denn nicht nur die Fußballweltmeisterschaft verspricht gute Geschäfte.

Wenn in der Arena Corinthians in São Paulo der Anstoß für das Eröffnungsspiel fällt, haben Schleswig-Holsteins Unternehmen schon ihren Teil dazu beigetragen. Mehrere Tausend Meter Entwässerungssysteme hat die Büdelsdorfer Aco-Gruppe nach eigenen Angaben vor Ort installiert. Allein in der Corinthians-Arena sind es 1900. Daneben wurden die Arena Patanal (Cuiabá), die Arena Pernambuco (Recife) sowie das Estadio Castelão (Fortaleza) mit ausgestattet. Und auch im legendären Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro, wo nach bisherigen Plänen das Endspiel stattfinden soll, kommt Technik aus Büdelsdorf zum Einsatz. Ende vergangenen Jahres überzeugte sich Aco-Chef Hans-Julius Ahlmann noch persönlich von dem Ergebnis der Sanierungsarbeiten an den zum Teil 60 Jahre alten Stadien. Seit 2011 ist seine Unternehmensgruppe mit einer Vertriebsgesellschaft in Brasilien vertreten, jüngst kam noch ein neues Büro sowie eine Produktions- und Lagerhalle hinzu – und die Büdelsdorfer gehen damit einem Trend voran.

Brasilien hat für Schleswig-Holsteins Unternehmen in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Nach Zahlen des Statistischen Landesamts in Kiel sind die Exporte von Norddeutschland in das südamerikanische Land allein in den vergangenen fünf Jahren um fast 40 Prozent gestiegen. Schleswig-Holstein versorgt Brasilien vorrangig mit medizinischen Geräten, Maschinen aller Art, elektrischen Bauelementen und Chemie-Produkten. Insgesamt wurden zuletzt Waren im Wert von mehr als 215 Millionen Euro verschickt. Tendenz stark steigend. Und rund um die WM konnte so mancher Hersteller dann auch Extra-Aufträge verbuchen. „In Brasilien haben wir einige Aufträge, die im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft stehen“, räumt beispielsweise Sprecherin Melanie Kamann bei dem Hersteller von Sicherheit- und Medizintechnik Dräger in Lübeck ein. Dies betreffe vor allem Beatmungsgeräte und Ausstattung für Feuerwehren.

Trotz seiner wachsenden Bedeutung gilt der Markt in Südamerika als schwierig. „In der Wirtschaft ist es wie beim Fußball“, sagt Torsten Drews von der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH), der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landes. „Um ein Tor zu schießen muss man einen guten Sturm haben und die gegnerische Verteidigung ausspielen.“ Zudem sollte man den Gegner vor dem Spiel gut beobachten und eine Strategie entwickeln.

Um mittelständischen Betrieben aus Schleswig-Holstein genau dies zu ermöglichen, ist die WTSH in Kooperation mit der Außenhandelskammer mit einem eigenen Landesbüro in São Paulo vertreten. Acht Firmen werden dort derzeit betreut und bei ihrem Markteintritt in Brasilien unterstützt – eine davon: die Gebr.Schröder GmbH aus Kiel, besser bekannt als Löwe-Scheren.

„Es ist so, das wir dort vor fünf Jahren einen Partner gefunden haben“, berichtet Löwe-Vertriebsmitarbeiter Christian Ueberle. Doch die Partnerschaft hielt nicht. „Wir mussten wieder bei null anfangen.“ In einem Land wie Brasilien sei das ihm zufolge schon aufgrund der Geografie schwierig. „Es ist knapp 24 Mal so groß wie Deutschland“, so Ueberle. Für Löwe-Scheren ist das auch eine Herausforderung, weil die Kieler vor Ort normalerweise mit exklusiven Vertriebspartnern zusammenarbeiten. In Brasilien jedoch jemanden zu finden, der im gesamten Land aktiv ist, sei schwer – wenngleich sich der für Löwe-Scheren wichtige Wein- und Obstanbau mit seinen Kernmärkten nur auf drei bis vier Bundesstaaten beschränke.

Löwe-Scheren hat als 1923 ein Patent auf die Amboss-Schere angemeldet. Noch im selben Jahr wurde mit Italien der erste Auslandsmarkt erschlossen. Heute ist das Unternehmen global ausgerichtet. 80 Prozent der Gartenscheren aus Kiel sind für den Export bestimmt; in 80 Länder wird geliefert. Seit 2007 nach Indien, seit 2009 nach Russland. Dennoch sagt Ueberle, dass Brasilien als bevölkerungsreichstes Land Südamerikas eine Herausforderung sei – nicht zuletzt der Sprachbarriere wegen.

Auf dem brasilianischen Markt würden die Unternehmen auf einen „schweren Gegner“ treffen, räumt auch WTSH-Experte Drews ein. „Die Marktstrukturen und Mechanismen sind anders als in Europa.“

Inzwischen haben die Kieler einen Partner in Aussicht. „Ich selbst werde im September noch einmal nach Brasilien fliegen“, sagt Ueberle. Davor sei es nicht sinnvoll. Jeder in Brasilien denke derzeit eh nur an die Weltmeisterschaft. Wie Menschen überall.

Und genau davon könnte die in Hamburg ansässige Firma Fahnenfleck profitieren. „Das kann man vorab nie so richtig einschätzen“, betont Geschäftsführer Jörgen Vogt aber. „Anders als das Weltmeistergrillwürstchen ist eine Flagge kein verderbliches Gut“, gibt er zu bedenken. Mit anderen Worten: Wer sich in früheren Jahren gut ausgerüstet hat, meldet dieses Jahr wenig Bedarf an. Zudem könnten die für Deutschland spätnächtlichen Spielzeiten Vogt zufolge auch ein Problem sein. Für Public Viewing sei es oft zu spät und für Unternehmen, die mit Flaggen werben wollen, weniger interessant. Am Ende hänge viel aber vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. Mit diesem stehe und falle der Bedarf an Flaggen bei Deutschlands Fußballfans – und zwar nicht nur der Bedarf an der eigenen. Das haben Vogt die Erfahrungen vom „Sommermärchen“ in 2006 gezeigt. „Da wurde dann auch Ghana gekauft“, erinnert er sich.

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