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Ratenkäufe : SH: Leichtsinn und Krankheit führen in die Schuldenfalle

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Privater Konsum stärkt die Binnenkonjunktur. Doch leichtsinnige Käufe auf Raten oder im Internet treiben immer mehr Menschen in die Schuldenfalle – auch in Schleswig-Holstein. Das zeigt der Schuldner-Atlas der Creditreform.

Flensburg | Private Verschuldung wandelt sich – mit zum Teil dramatischen Folgen. Das zeigen die Zahlen des Schuldner-Atlas der Creditreform für Deutschland und Schleswig-Holstein, den die Auskunftei am Donnerstag in Flensburg vorstellte. Bundesweit gibt es 6,6 Millionen Überschuldete, in der Quote nur ein Plus von 0,2 auf 9,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Schleswig-Holstein steigt die Quote gar nur um 0,1 auf 10,9 Prozent, das sind 253.281 Landesbewohner in akuter Zahlungsnot. Doch diese Stabilität ist trügerisch. Denn die Zahl der prekär Überschuldeten nimmt deutlich zu. „Und zwar seit Jahren mit einer bedenklichen Kontinuität, die anhalten wird“, sagt Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung der Creditreform Deutschland.

144.441 Schleswig-Holsteiner weisen derzeit harte Faktoren wie gerichtliche Einträge oder Anträge auf Privatinsolvenz auf. Vor einem Jahr waren es 143.095, 2006 sogar nur 126.278. Dagegen nimmt mit der Zahl der nach weichen Kriterien Überschuldeten (derzeit 108.840) auch die Zahl derer ab, die trotz mehrerer Gläubiger eine Chance haben, aus der privaten Schuldenfalle heraus zu kommen. Als weiche Kriterien gelten unstrittige Inkasso-Fälle gegenüber Privatpersonen und nachhaltige Zahlungsstörungen in Form von mehreren vergeblichen Mahnungen mehrerer Gläubiger.

Neue Trends gibt es auch bei den Auslösern der Überschuldung. Die Arbeitslosigkeit bleibt zwar die Ursache Nummer eins (25,9 Prozent). Doch mit Blick auf die sinkende Arbeitslosigkeit, relativ hohe Tarifabschlüsse und positive Konjunkturdaten sinkt ihr Anteil. An Bedeutung gewinnen dagegen die unwirtschaftliche Haushaltsführung (11,7 Prozent; 2008: 9,4 Prozent) und Krankheiten (12,7; 2008: 10,7 Prozent). „Steigender Druck und zunehmende Arbeitsverdichtung fordern nun ihren Preis“, sagt Bretz, der erwartet, dass sich alle drei Tendenzen weiter verstärken werden.

Zwischen Konjunkturstütze und Kaufrausch spielt sich die 2013 stark angestiegene private Kauflust ab. Verlockende Raten-Finanzierungen, Niedrigzins-Angebote und Internetkäufe treiben diese Entwicklung vor allem bei den 18 bis 29-Jährigen voran. „Wenn früher die Geldbörse leer war, war sie leer. Dieses Bewusstsein ist fast komplett verloren gegangen“, sagt Richard Hanisch, Seniorchef der Creditreform Flensburg. Immer stärker von Überschuldung bedroht sind in Schleswig-Holstein auch Alleinerziehende und ältere Menschen. „Von der Rente lassen sich Schulden kaum noch abtragen. Da es immer mehr ältere Menschen gibt, baut sich der Schuldendruck in dieser Gruppe immer stärker auf“, erläutert Bretz.

Bundes- und landesweit klafft die private Schuldenschere immer weiter auseinander. Schleswig-Holsteins Quote (10,9 Prozent) liegt zwischen Bayern und Baden-Württemberg (7 und 7,9 Prozent) sowie Bremen und Berlin (13,8 und 13,1  Prozent) im hinteren Mittelfeld.

Im Land reicht die Spannweite von 8,05 und 8,3 Prozent in Storman und Plön bis zu 16,6 und 16,4 Prozent in Neumünster und Flensburg. Die größte Verbesserung um -0,7 auf 15,2 Prozent gibt es in Lübeck, die größte Verschlechterung – ein Plus von 1,5 Prozent – in Flensburg. Doch auch innerhalb aller Kreise, sogar auf der Insel Sylt gibt es große Unterschiede. Auffallend wenig Überschuldete gibt es im Umkreis von Hamburg und der kreisfreien Städte. „Dennoch zieht es immer mehr sozial Schwache in die Städte“, sagt Sven Torben Hanisch, Chef der Creditreform in Flensburg und Neumünster. Gerade dort steigen die Mieten rasant und erhöhen so den Schuldendruck.

Der Schutz vor einem weiteren Anstieg der privaten Verschuldung sollte nach Ansicht der Experten schon in der Schule ansetzen. „Viele Jugendliche wissen nicht, was Inkasso bedeutet oder warum es Sinn macht, seine Rechnungen zu bezahlen“, sagt Sven Torben Hanisch. Zudem mangelt es an Beratern und die Schuldenforschung sollte besser in die Armuts- und Bildungsdebatte eingebunden werden.

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erstellt am 17.Jan.2014 | 06:49 Uhr

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