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Wegen neuem Steuerverfahren : SH: Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder

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Die Umstellung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge ist schuld: Die Kirchenaustritte in SH steigen merklich.

Kiel | Immer mehr Schleswig-Holsteiner treten aus der Kirche aus. Schuld daran ist eine Umstellung beim Einzug der Kirchensteuer auf Kapitalerträge: Während bisher jeder Bundesbürger seine Kapitalerträge in der Einkommenssteuererklärung angeben musste, werden die Kirchensteuern auf Zinserträge ab 2015 von den Banken automatisch an das Finanzamt abgeführt. Und weil die Banken dafür Zugriff auf die Steuerdaten ihrer Kunden benötigten, informieren sie ihre Kunden darüber in extra zu diesem Zweck versandten Schreiben.

Bei den Standesämtern, die im Land für den Kirchenaustritt zuständig sind, ist das spürbar. „Wir hatten bis zum 15. August insgesamt 93 Austritte“, sagt der Sprecher der Stadt Heide, Jannick Schwender. „Im ganzen Jahr 2013 waren es nur 115.“ Und schon da waren wegen der Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst die Austrittszahlen in ganz Deutschland ungewöhnlich hoch. „2012 gab es in Heide nur 87 Kirchenaustritte“, sagt Schwender. In diesem Jahr seien es vor allem ältere Menschen, die wegen eines Kirchenaustritts zum Standesamt kommen. „Und die Kirchensteuer auf Kapitalerträge wird uns als Austrittsgrund genannt.“

Eine höhere Zahl an Kirchenaustritten stellt auch die Flensburger Stadtverwaltung fest. Nach 591 Austritten im Jahr 2013 habe man bislang schon 396 Austritte in diesem Jahr verzeichnet. „680 könnten es in diesem Jahr werden“, sagt der stellvertretende Stadtsprecher Thomas Kuchel. 

Im Standesamt Kiel werden nach Angaben eines Stadtsprechers mittlerweile sogar Termine für einen Kirchenaustritt vergeben. Denn auch in der Landeshauptstadt nehmen diese Verwaltungsakte deutlich zu: Während es bis zum 15. August letzten Jahres in Kiel nur 908 Kirchenaustritte gab, sind es in diesem Jahr schon 1171. „Die Zahl von 1531 Austritten im Jahr 2013 wird in diesem Jahr wohl deutlich überschritten.“

In Hamburg sind nach Angaben des „Hamburger Abendblatts“ in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 5943 Mitglieder ausgetreten. Das sind rund 60 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit bestätigt sich in der Nordkirche ein bundesweiter Trend der evangelischen Landeskirchen. Im Gegenzug sind im ersten Halbjahr 456 Hamburger in die Nordkirche eingetreten. Im Jahr 2013 waren es insgesamt 996.

Dabei hat sich im Grunde gar nichts verändert, sagt der Bischof von Schleswig, Gothart Magaard. „Das Einzige, was anders ist, ist das Verfahren.“ Die Kirchensteuer sei weder erhöht worden, noch sei eine neue Steuer geschaffen worden. „Auch bislang musste jeder, der Kapitalerträge von mehr als 800 Euro pro Jahr hatte, diese versteuern.“ Warum dann also die Aufregung? „Es kann sein, dass wir die Wirkung unterschätzt haben, die entsteht, wenn alle Kirchenmitglieder ein Schreiben von ihrer Bank erhalten“, sagt Magaard. Oft würden nun Menschen aus der Kirche austreten, zu denen die Gemeinden ohnehin schon länger keinen Kontakt mehr hatten. „Wir haben uns um Information bemüht, aber vielleicht nicht jeden erreicht“, räumt Magaard ein. „Dabei müssen wir eigentlich ein großes Interesse daran haben, dass die Menschen nicht aus falschen Gründen aus der Kirche austreten.“

So wie dem Bischof von Schleswig und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland ergeht es den Kirchen derzeit im Übrigen bundesweit. In der bayerischen Landeskirche sind die Austrittszahlen in der ersten Hälfte des Jahres um 56 Prozent gestiegen, in der württembergischen Kirche um 57 Prozent und in der hannoverschen Kirche zwischen 30 und 40 Prozent. Worauf nicht alle Kirchenvertreter mit der Differenziertheit Magaards reagieren. Der Finanzchef der Rheinischen Kirche, Bernd Baucks, etwa warf den Banken vor, ihren Kunden zum Kirchenaustritt geraten zu haben.

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erstellt am 17.Aug.2014 | 17:06 Uhr

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