Unternehmen in SH : Sex am Arbeitsplatz: Es passiert meist online

Viele nutzen die Mittagspause für einen Sex-Chat.
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Viele nutzen die Mittagspause für einen Sex-Chat.

Von wegen Mittagstief: In immer mehr Firmen in Schleswig-Holstein geht es zwischen Kantinengang und Zigarettenpause heiß her. Vom Bürorechner aus werden Sexseiten geklickt.

shz.de von
29. Juni 2014, 09:16 Uhr

Flensburg | Es ist nur ein verführerischer Klick – zwischen der letzten versendeten E-Mail und dem nächsten Kaffee. Und eigentlich gibt es auch noch genügend Aufgaben. Das nächste Angebot einholen zum Beispiel. Der Chef hatte auch noch ein paar Rückfragen. Die nächste Telefonkonferenz droht schon in einer halben Stunde. Stattdessen schauen immer mehr Schleswig-Holsteiner, was es so „Neues“ gibt: Neues von den Pornostars, Erotiksternchen und der Amateurin von nebenan. Mehrmals täglich zieht es Männer auf der Arbeit in die verführerisch-verbotene Welt der Online-Pornografie. Davon profitieren Sex-Portale wie Big7.de. Vor allem in der Mittagszeit ist die Plattform hochfrequentiert. „Die meisten Zugriffe erfolgen zwischen 13 und 14 Uhr“, erklärt Portal-Managerin Stefanie Wehlen. Auch die zweithäufigste Klickstunde liegt während der Bürozeit – zwischen 11 und 12 Uhr.

Nachwuchssorgen haben die Pornoportale nicht. Den eigenen Körper zu verkaufen, um selber shoppen oder feiern gehen zu können, wird von vielen Mädchen nicht mehr als schlimm angesehen. Sex als Lifestyle oder als akzeptierter Nebenjob für 150 Euro am Tag – gerade für Abiturientinnen und Studentinnen nahezu „normal“. Dazu läuft das Geschäft im Internet relativ anonym. Virtueller Sex ist zeitgemäß, immer verfügbar und preiswert: Eine Minute via Webcam kostet bis zu fünf Euro. Hier sind deutsche Unternehmer längst Weltmarktführer, die Erotikindustrie setzt bundesweit 14,5 Milliarden Euro um.

In Schleswig-Holstein sind es immerhin auch noch mindestens 5,2 Millionen – täglich. Dank der satten Renditen stehen die Zeichen auf Expansion. Für die Mädchen, die ihre Dienste zum Teil geradezu bei Internetauktionen versteigern, gilt inzwischen Geld als Maßstab des Begehrens. Und das kassiert in erster Linie wieder der Zuhälter 2.0. Bis zu 80 Prozent Provision nehmen die Betreiber derartiger Plattformen. Werbung ist kaum nötig, in entsprechenden Foren bewerten User die „Dienstleistungen“ und empfehlen die Damen weiter. Dabei sind die Filmchen oder Clips immer häufiger „made in Schleswig-Holstein“.

Bekannt geworden ist der Elmshorner Pornodreh: Giulia S. und ihr Mann Martin haben in der Wohnung ihres Vermieters jede Menge einschlägige Filme gedreht und unter dem Künstlernamen „Schnuggie91“ ins Netz gestellt. Das Ganze ging vor Gericht – allerdings auch wegen massiver Schäden an der Wohnung. Auch anderswo in Schleswig-Holstein wird fleißig gedreht. Im Grenz Club Flensburg erwartet die Gäste, so haben Tina Solimann und Sonia Kennebeck für die NDR-Dokumentation „Sex – Made in Germany“ herausgefunden, ein spezielles Vergnügen: Porno-Industrie meets Club. Hier werden die neuen „Darstellerinnen“ öffentlich gecastet. Zum Vergnügen der Besucher, die hier selbst mit vor die Kamera dürfen.

(Online-)Sex am Arbeitsplatz – das scheint auch die Fantasien der meist männlichen Büro-Surfer zu beflügeln. Ein Webgirl, das sich „Little-Nicky“ nennt, beschreibt ihren Arbeitsalltag: „Der Office-Girl-Look ist besonders gefragt. Oder Rollenspiele von der Arbeit, beispielsweise mit der Putzfrau.“ Allerdings würden die Chats häufig abrupt abgebrochen, weil beispielsweise ein Kollege ins Büro kommt oder das Telefon klingelt. Nicht zu Unrecht, denn wer auf Bürorechnern privat im Internet unterwegs ist, bewegt sich auf dünnem Eis.

In Deutschland, so ergab eine Untersuchung von Sterling Commerce, surfen 41 Prozent der Mitarbeiter privat und wenden dafür drei Stunden pro Woche auf. Die Zahl jener, die vom Schreibtisch aus Pornoseiten aufrufen, liegt bei sechs Prozent. Tendenz steigend. Das Risiko allerdings auch – schließlich sieht es kein Chef gern, wenn Angestellte in der Arbeitszeit ihrem Privatvergnügen nachgehen. Zwar ist es im Einzelfall erlaubt, private eMails zu versenden. Beispielsweise, wenn ein Notfall in der Familie vorliegt, aber auch, wenn mitgeteilt wird, dass es heute später wird. Doch nutzt der Arbeitnehmer das Internet trotz Verbot vom Arbeitgeber während der Arbeitszeit zu privaten Zwecken, dann ist das keine Bagatelle. Vielmehr kann dieses Verhalten nicht nur abgemahnt werden, sondern durchaus auch eine verhaltensbedingte Kündigung nach sich ziehen.

Allerdings muss privates (und aufregendes) Surfen nicht die Arbeitsleistung beeinträchtigen. Im Gegenteil: Privates Surfen am Arbeitsplatz kann sogar motivieren. So hat eine Studie der Universität Maryland ergeben, dass Arbeitnehmer, die im Büro privat surfen dürfen, dies durchschnittlich 3,9 Stunden in der Woche tun. Allerdings sind diese Arbeitnehmer aber auch zu Überstunden bereit und verbringen in ihrer Freizeit etwa 5,9 Stunden im Netz mit Dingen, die ihre Arbeit betreffen.

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