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Flächendeckendes Glasfasernetz in SH : Schnelles Internet fürs Land kostet sechs Milliarden Euro

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Bis zum Jahr 2025 sollen fast alle Haushalte in Schleswig-Holstein einen Glasfaser-Anschluss erhalten. Der Bund setzt auf die großen Telekommunikationsunternehmen. SH geht einen anderen Weg.

Kiel | Ein schneller Internet-Zugang ist vor allem für Unternehmen längst zum Standortfaktor geworden. Doch in Schleswig-Holstein ist ein flächendeckendes Glasfasernetz noch in weiter Ferne.

Seit 2008 hat das Land den Ausbau des schnellen Internet mit rund 20 Millionen Euro gefördert, allein im vergangenen Jahr waren es sechs Millionen. Welche Summe in diesem Jahr zur Verfügung steht, kann das Kieler Wirtschaftsministerium noch nicht angeben. Grund: Die Mittel stammen im Wesentlichen aus den Regionalfonds der EU. 2014 ist ein Umbruchjahr – die letzte, siebenjährige Förderperiode ist ausgelaufen und die nächste, die bis 2020 reicht, noch nicht endgültig beschlossen. Insgesamt werden die Kosten für ein flächendeckendes Glasfasernetz in Schleswig-Holstein vorsichtig auf fünf bis sechs Milliarden Euro geschätzt.

Die Notwendigkeit für schnelle Netze hat auch die Bundesregierung erkannt. „In vier Jahren werden wir deutlich mehr Geschwindigkeit und Qualität bei den Netzen haben“, erklärt der für digitale Infrastruktur zuständige Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Er strebt bis 2018 deutschlandweit eine Breitband-Leistung von mindestens 50 Megabit pro Sekunde an. Derzeit trifft das nach Erkenntnissen der Landesregierung in Schleswig-Holstein auf 61,7 Prozent der Haushalte zu, überproportional allerdings in den städtischen Räumen. Das ist Platz vier unter den Flächenländern hinter Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Dobrindt verwies auf seine „Netzallianz digitales Deutschland“, in der er mit Telekommunikations- und Netzunternehmen eine Strategie entwerfen will, „wie wir Deutschland digital modernisieren“. Das aber werde nur erfolgreich sein, wenn Dobrindt dafür auch Ländern und Kommunen Geld zur Verfügung stelle, meint Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD). 

Meyer betonte, dass Schleswig-Holstein an der Landesstrategie festhalte, bis 2030 allen Haushalten einen Glasfaser-Anschluss mit nahezu unbegrenzten Bandbreiten anzubieten. Da die Anforderungen an die Kapazitäten stetig steigen, sei dies langfristig die einzige Möglichkeit, um zukunftsfähig zu bleiben. Bewusst verzichtet Schleswig-Holstein deshalb – anders als Dobrindt – darauf, Mindest-Kapazitäten mit bestimmten Fristen festzulegen. Das Land definiert stattdessen einzig die Technologie. Während Dobrindt für seine Netz-Allianz bisher auf die großen Telekommunikationsunternehmen setzt, meint Meyer: „Wichtig ist, die gesamte Branche einzubinden – und nicht nur die Großen. Gerade regionale Unternehmen wie Stadtwerke oder Breitbandnetzgesellschaften leisten sehr viel für den Glasfaserausbau.“

Der Leiter des vom Land betriebenen Breitbandkompetenzzentrums Schleswig-Holstein (BKZ), Richard Krause, bekräftigt diese Position: „Die Telekoms dieser Welt versprechen seit mindestens fünf Jahren, dass sie es auch auf dem Land besser machen – doch es wird nicht besser“, kritisiert Krause. „Wir stellen fest, dass es der Markt dort nicht richtet.“

Der Chef des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetags, Jörg Bülow, warnt: Weil Dobrindts Ausbauziel die Technologie ausdrücklich offen lässt, „fallen seine Vorstellungen gewissermaßen hinter die flächendeckende Glasfaser-Strategie Schleswig-Holsteins zurück“. Bülow treibt die Sorge um, „dass viel Geld in Übergangslösungen investiert wird, die am Ende doch nicht reichen“. Dobrindts Ziel von 50 Megabit ließe sich zu einem großen Teil mit der Aufrüstung herkömmlicher Telefonleitungen und Kabelnetze erreichen. „Was jetzt an Zwischenstrukturen entsteht, muss aber in der langfristigen Glasfaser-Strategie aufgehen können“, unterstreicht Bülow.

Als Patentrezept sehen Gemeindetag und BKZ, dass auch in der Fläche zunächst die Verteilerkästen mit einem Glasfaser-Anschluss aufgerüstet werden. Das beschleunigt auch die von dort abzweigenden Kupferleitungen in die Haushalte. Mit zunehmender Entfernung allerdings geht bei Kupfer Leistung verloren. Trotzdem: „Die Verstärkung der Verteilerkästen wird nie umsonst sein. Es ist ein unverzichtbarer Schritt einer sich aufbauenden Lösung“, betont Bülow. Nach Erkenntnissen des BKZ hängen in Schleswig-Holstein heute höchstens 35 Prozent der Verteilerkästen am Glasfasernetz. Exakte Angaben gibt es nicht, weil die Telekom sie als Unternehmensgeheimnis behandelt.

Dringenden Reformbedarf sehen Wirtschaftsminister, Gemeindetags-Chef und BKZ-Leiter beim Wettbewerbsrecht der EU. Es zwingt Kommunen, die am Breitband-Ausbau mitwirken wollen, ein aufwändiges Verfahren auf. Sie dürfen selbst erst dann tätig werden, wenn nach einer Marktanalyse feststeht, dass kein privater Anbieter ohne Zuschüsse den Bedarf decken will. Darin, in Brüssel für Lockerungen zu kämpfen, sehen alle drei eine vordringliche Aufgabe für Dobrindt. Bülow kleidet das in die Formel: „Die EU muss den Breitbandausbau genauso als öffentliche Aufgabe anerkennen wie andere feste Infrastruktur, etwa die Straßen.“

Wie teuer der Ausbau der Leitungen für das schnelle Internet ist, verdeutlicht beispielhaft ein Konzept für den Kreis Ostholstein,das der TÜV Rheinland und die Entwicklungsgesellschaft des Kreises erstellt haben. Demnach wird der flächendeckende Breitbandausbau allein für den Kreis Ostholstein bis zu 250 Millionen Euro kosten. Auch in dieser Region ist der Bedarf vor allem in den Dörfern groß.

5287 Kilometer Kabel

Für die rund 106.000 Hausanschlüsse im Kreisgebiet müssten 1009 Kilometer Hauptkabel, 3500 Kilometer Verteilkabel und 778 Kilometer Hausanschlusskabel verlegt werden.

70 Euro pro Meter Kabelgraben

Jeder Meter Kabelgraben, vorausgesetzt es wird tatsächlich gegraben und keine kostengünstigere Methode angewandt, würde außerorts mit 40 Euro, innerorts mit 70 Euro zu Buche schlagen.

Spanne zwischen Stadt und Land

Pro Haushaltsanschluss rechnen die Autoren des Konzeptes mit rund 2360 Euro. Sollten nur 90 Prozent aller Haushalte direkt angeschlossen werden, würden sich die Kosten auf 205 Millionen belaufen (2150 Euro je Haushalt). Dabei schwanken die Kosten pro Haushalt zwischen 1142 Euro in Neustadt und 6650 Euro in der Gemeinde Wangels.

 
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erstellt am 28.Jan.2014 | 06:48 Uhr

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