zur Navigation springen

Handwerk im Norden : Schmutzschätzer oder Seiler: Berufe, die keiner mehr kennt

vom

Handwerk ist oft teurer als industrielle Fertigung. Doch alte Fertigkeiten zu erhalten lohnt sich.

Bremerhaven | Digitalisierung und Industrialisierung verändern auch das Handwerk. Doch wenige, heute zum Teil aus der Zeit gefallene Berufe, überleben die Jahrhunderte. Manchmal scheint gerade eine alte Technik für die moderne Zeit die beste zu sein.

Was macht eigentlich ein...

... ein Flößer?

Flößer sind unterwegs auf der Weser.

Foto:dpa

 

Kraft und Fingerspitzengefühl war vom Flößer gefragt, wenn er Baumstämme durch Flüsse oder Bäche manövrierte. In Sägereien, Köhlereien, Glasfabriken, Werften oder auf Holzplätzen wurden die Stämme weiter verarbeitet oder als Brennholz genutzt. Die Flößerei prägte seit dem Mittelalter viele Lebensbereiche, 2014 nahm die Unesco sie in die Liste des Immateriellen Kulturerbes auf.

Gewerblich wurde zuletzt Anfang der 1980er Jahre in Brandenburg geflößt. Heute wird die Flößerei in Deutschland nur noch in Museen oder als Touristen-Attraktion betrieben, etwa vom Heimatverein in Winsen/Aller.

„Die Flößerei gehört zur Geschichte vieler Orte dazu. Kinder sollten erleben können, wie ihre Vorfahren gelebt haben“, sagt Hans-Walter Keweloh, Vorsitzender der Deutschen Flößerei-Vereinigung mit Sitz in Bremerhaven. Da überfüllte Straßen den modernen Verkehr aber ins Stocken bringen, wird die Flößerei wirtschaftlich wieder interessant, meint Keweloh: „Zum Beispiel beim Transport von Flügeln für Windenergie-Anlagen.“ Für den Transport an Land müssten Straßen gesperrt werden, auf dem Wasser sei das hingegen nicht notwendig. Um Flößerei heute wirtschaftlich betreiben zu können, müssten Flöße allerdings moderner gebaut werden, sagt Keweloh: „Die Technik des Flößens aber wäre dieselbe.“

...ein Seiler?

Hans-Dieter Jähnig-Rockmann hält in der Seilerei Rockmann in Hannover gespleißtes Tauwerk in den Händen.

Foto:dpa

 

Absperrseile, Handläufe, Drahtseile, Taue für Gartenbedarf, Seile für Spiel und Sport: Wer bei Seilen nur an Schiffsbedarf denkt, liegt falsch. Auch hier hat die Industrie die Produktion weitgehend übernommen. Vereinzelt gibt es im Norden noch Seiler, in Bremen etwa ist einer registriert, in Hamburg vier. Einer von ihnen ist Peter Lohmann, dessen Familie seit 1752 eine Seilerei betreibt.

Lohmann hebt die besondere Qualität handwerklich produzierter Seile und Taue hervor: Seine Reeperbahn, an der sie hergestellt werden, sei 300 Meter lang. So könne gleichmäßig gedreht werden und eine bessere Qualität entstehe. In der Industrie hingegen werde das Seil beim Drehen mehrfach umgelenkt. Hanfseile werden bis heute im Bühnenbau verwendet, weil das Material schwer entflammbar ist. Kunststoff wird im Schiffssport genutzt, weil es kein Wasser aufsaugt. Dass dennoch vor allem auf Industrieware gesetzt wird, zeigt die Entwicklung in Niedersachsen: Hier gab es laut Handwerkskammer im Jahr 1962 noch 80 Seiler-Betriebe, 2015 nur noch neun. Lehrlinge gibt es nicht mehr.

...ein Böttcher?

Ein Böttcher stellt Fässer her.

Foto:dpa

 

Ohne sie wäre der Genuss von Bier, Schnaps und Wein früher kaum möglich gewesen: Böttcher bauen Holzfässer für die Getränkelagerung. Zudem stellen sie Bottiche, Kübel, Eimer und Ziergefäße her. Der Beruf hat viele regional unterschiedliche Bezeichnungen wie Fassküfer, Binder oder Bender.

Die Handwerker waren meist in der Nähe des Marktes ansässig, etwa in der Böttcherstraße in Bremen, einer Verbindungsstraße zwischen Marktplatz und Weser. Bis heute werden die Handwerker nach ihrer dreijährigen Ausbildung in Böttchereien, im Weinbau und in Unternehmen der Keltertechnik beschäftigt, zumeist im Süden der Republik. Doch auch dort geht der Bedarf seit den 1960er Jahren kontinuierlich zurück. So gab es in Niedersachsen damals noch 133 Betriebe, heute sind es nur noch zwei. In Bremen ist nur noch ein Böttcher vermerkt, in Flensburg und Hamburg keiner.

... ein Schmutzschätzer?

Der Schmutzschätzer prüft, wie viel Ackerboden nach der Ernte noch an den Rüben haftet.

Foto:dpa

 

Wenn im Herbst die Ernte der Zuckerrüben ansteht, beginnt sein Einsatz: Der Schmutzschätzer prüft, wie viel Ackerboden nach der Ernte noch an den Rüben haftet, bevor sie zu Sirup werden.

Kommen die Traktoren vom Feld, werden sie samt Anhänger zunächst komplett gewogen. Bevor die Ladung verarbeitet wird, kommt der Schmutzschätzer mit seiner Erfahrung zum Einsatz. Er schätzt und notiert die Menge Erde und Rübenkraut, die noch an den Früchten hängt. Die wird prozentual vom Gesamtgewicht abgezogen - denn dafür möchte die Zuckerfabrik den Landwirt nicht entlohnen.

Anschließend werden die Früchte gereinigt, zerteilt und eingekocht.

Etwa 13 Stunden dauert es, bis dann der Sirup entstanden ist, den sich manche gern morgens aufs Brötchen träufeln. Im Einsatz sind Schmutzschätzer heute vor allem noch im Rheinland. Wie viele es von ihnen noch im Norden gibt, ist nicht bekannt, denn Schmutzschätzer ist kein Handwerksberuf im Sinne der Handwerksrolle.

 
zur Startseite

von
erstellt am 14.Dez.2016 | 20:52 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen