Breitbandausbau : Schleswig-Holstein – eine digitale Steppe

Die Verfügbarkeit von 50 MBit in SH.
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Die Verfügbarkeit von 50 MBit in SH.

Der Weg zum schnellen Internet ist langwierig. In Schleswig-Holstein gibt es noch viele weiße Flecken im Breitbandatlas. Trotz ehrgeiziger Pläne, das zu ändern.

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26. Juli 2014, 09:29 Uhr

Kiel | In Online-Foren sammeln sich genervte Kommentare und landauf landab verdrehen Menschen bei dem Thema resigniert die Augen und seufzen. Das schnelle Internet verbreitet sich langsam. Laut Breitbandatlas sind noch immer weite Flächen in SH digitale Steppe, obwohl das nach Plänen der Bundesregierung längst anders aussehen soll. Breitbandanschlüsse sollten nach einer mittlerweile überholten Strategie des Bundes bis 2010 flächendeckend verfügbar sein, bis 2014 sollten 75 Prozent der Haushalte eine Geschwindigkeit von mehr als 50 MBit pro Sekunde haben. Anschließend soll schnelles Internet in die entlegensten Winkel der Republik vorstoßen. Richard Krause vom Breitbandkompetenzzentrum in Kiel hält die Pläne der Bundesregierung für eine „Luftblase“.

Da ist man in Kiel pragmatischer. Laut Strategie des Landes soll bis 2030 die Infrastruktur fertig sein, also Glasfaser bis in die kleinste Gemeinde reichen. Das Problem: Die neuen Kabel sind auf dem Lande nur kostspielig auszubauen – und der finanzielle Ertrag in Form von Verträgen ist wegen der spärlichen Bevölkerung vergleichsweise gering. Die Strecken sind auf dem platten Lande naturgemäß lang. Zu lang, um mit dem bestehenden Kupferkabelnetz der Telefonleitungen ein schnelles Internet zu bekommen. Nach 500 bis 800 Metern Kupfer kommt beinahe nichts mehr im Haus an. Die Koaxialkabel der Kabelnetzbetreiber sind erst nach Aufrüstung rückkanalfähig und für schnelles Internet nutzbar. Die angestrebte Lösung heißt Glasfaser, denn das leitet lichtschnell und quasi ohne Verluste. Doch die Kabel muss erstmal verlegt werden – und zwar aus Optikgründen unter der Erde.

Irgendwie ist die Verantwortlichkeit, diese Infrastruktur zu realisieren, bei den Gemeinden gelandet. So stehen viele der 1110 Orte vor dem gleichen Problem. Erst 180 in Schleswig-Holstein gelten als erschlossen oder stehen kurz davor

„Eine Zusammenarbeit ist auf Kreisebene sinnvoll“, sagt Richard Krause. Eine einzelne Gemeinde habe nicht genug Schlagkraft gegenüber den hart verhandelnden Telefonanbietern und meist auch nicht genug Personal, um die Verwaltungsarbeit zu stemmen. Wenn aber der Verbund zu groß ist, können die Organisatoren nicht alle Synergien nutzen, beispielsweise über die Straßenbauarbeiten. Denn hier gibt es Sparpotenzial, wenn das Verlegen der Rohre, in die später die Glasfaserleitung buchstäblich hineingeschossen wird, mit den ohnehin fälligen Baustellen koordiniert wird.

Dennoch geht die Initiative erst einmal von jeder einzelnen Gemeinde aus. Diese muss bei den Telefonanbietern anfragen, ob Breitband in ihrem Bereich bereits geplant wird. Oft ist das nicht der Fall. Für die Anbieter ist der Ausbau ohne weitere Unterstützung nicht rentabel genug. Die Ausschreibung der Bauarbeiten und die Suche nach einem Service-Partner, der die Verträge mit den Kunden abschließt, bleiben zäh und langwierig. Daher ist es gerade für kleine Gemeinden sinnvoll, sich mit anderen Orten in der Region zusammenzuschließen. Breitbandzweckverband nennt sich das dann im sperrigen Behördendeutsch.

Solch ein Verband hat kürzlich den Bereich zwischen Eckernförde und Nord-Ostsee-Kanal angeschlossen. 28 Gemeinden zwischen Gettorf, Owschlag und Sehestedt können mit dem Anbieter Fiete-Net aus Flensburg schnell surfen. Das Seufzen von Amtsdirektor Andreas Betz klingt denn auch nicht resigniert, eher erleichtert. Denn die Region hat es geschafft und ist zufrieden. Doch der behördliche Kraftakt hat mehr als vier Jahre gedauert, Überstunden und Arbeitsverdichtung gekostet – und stand mehrmals auf der Kippe.

Und es war nicht ganz günstig. „Als wir fragten, ob ein Unternehmen den Ausbau kostenlos übernehmen würde, haben die uns den Vogel gezeigt“, sagt Betz. So kratzten die Gemeinden je nach Größe insgesamt 751.000 Euro zusammen. Doch das reichte den Unternehmen immer noch nicht. 2,8 Millionen galten als „Deckungslücke“, als Differenz zum profitablen Geschäft.

Die Verfügbarkeit von 50 MBit in SH.
Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
Die Verfügbarkeit von 50 MBit in SH.
 

Die Gemeinden holten sich dann Hilfe bei der Politik. Sie mussten beweisen, dass ein „Marktversagen“ vorliegt. Nur dann kann der Ausbau mit einem Förderungsprogramm unterstützt werden. Im Bereich Hüttener Berge wurden 75 Prozent der Deckungslücke übernommen – und 75 Prozent gab es für die Leerrohrförderung. Schließlich mussten 186 Kilometer Rohr unter die Erde gebracht werden. Unter anderem unter dem Nord-Ostsee-Kanal hindurch, um auch den Südteil von Sehestedt anzuschließen. Für die Region ergibt sich jetzt ein Standortvorteil: Zwei gewerbliche Kunden freuen sich über die schnelle Anbindung – und auch die Outdoor-Akademie in Ascheffel ist jetzt vernetzt.

Dem Beispiel wollen mehrere Verbände folgen: Im mittleren Schleswig-Holstein, Segeberg, Steinburg und Dithmarschen schlossen sich ebenfalls Gemeinden zusammen. In Nordfriesland und Dithmarschen gibt es außerdem private Initiativen. Insgesamt seien die Projekte an der Westküste recht weit, freut sich Richard Krause. Er habe den Eindruck, dass hier der Zusammenhalt besonders gut – und weniger Kirchturmdenken vorhanden sei „Das sieht in anderen Regionen ganz anders aus.“

„Rosinenpickerei“ in Jevenstedt

Auch wenn sich die Gemeinden untereinander einig sind: Ein Erfolg ist nicht garantiert – denn in einigen Fällen entdeckt die Telekom dann doch ihr Interesse an einzelnen Gemeinden. Richard Krause spricht von „Rosinenpickerei“. Denn dies sind die zentraleren und größeren Gemeinden, bei denen auch Kunden erhofft werden. So kommt es, dass einige Orte eine doppelte Infrastruktur bekommen, während andere vergeblich warten.

So sieht sich der Zweckverband in Jevenstedt von der Telekom gestört – das eigene Projekt, das auch kleine Gemeinden einbezieht, könnte an mangelnder Kundennachfrage scheitern. 

Die Telekom bietet in einigen größeren Gemeinden des Gebietes ebenfalls schnelles Internet durch Aufrüstung bis an die Kabelverzweiger mit Glasfaser an, und drückt damit auf die Quote. Man habe im Vorfeld alle „klassischen Versorger“ abgefragt. Keiner habe das Projekt für die ganze Fläche anpacken wollen. „Jetzt kommt sie und pickt sich die Rosinen heraus“, kritisiert Dietmar Böhmke, Verwaltungsleiter im Amt Jevenstedt. Mit dem Glasfaserkabel  werde eine komplett neue Infrastruktur auch für den ländlichen Raum geschaffen. Dieses Projekt sei mit den Vorhaben anderer Anbieter nicht zu vergleichen, betont Böhmke.

„Wir haben einen sehr harten Wettbewerb“, sagt Telekomsprecherin Stefanie Halle. „Gewinne in der gesamten Branche gehen zurück. Und wenn Unternehmen sehen, dass Interesse da ist, dann beginnt das Windhunderennen. Mit Stören hat das nichts zu tun. Das ist der Markt.“

Die Hallig-Lösung

Nicht überall in Schleswig-Holstein ist Glasfaser die beste Lösung: Seit 2007 steht auf Hallig Hooge das Netz über eine Richtfunkverbindung nach Pellworm, die eine vergleichsweise schnelle Datenverbindungen erlaubt. Halligbewohner Erco Jacobsen hatte mit der Telekom verhandelt. Ganz kostenlos wollte die das schnelle Netz nicht zur Verfügung stellen, die Gemeinde zahlte einen höheren Betrag an den Anbieter. Immerhin 25 Haushalte schlossen einen Vertrag ab. High Speed wie mit einem Glasfaserkabel ist durch die Verbindung aber nicht möglich. „Es könnte manchmal schneller sein“ sagt Jacobsen. „Aber wir jammern da auf hohem Niveau.“ Zum Teil sind Geschwindigkeiten bis zu 16 Mbit/s in der näheren Umgebung der Vermittlungsstelle auf Hooge und Pellworm möglich. An anderen Stellen ist die Bandbreite weniger, da es auf Insel und Hallig über die herkömmlichen Kabel zu den Haushalten geht. So hat das kleinere Hooge wegen der kürzeren Verbindungen eine bessere Netzabdeckung als das vergleichsweise große Pellworm.

Die Telekom möchte das Nordsee-Netz aber noch schneller machen. „Derzeit planen wir eine Mobilfunkerweiterung mit den Funkstandards GSM und LTE. Mit LTE sind dann Geschwindigkeiten bis zu 150 MBit/s möglich. Die Einschaltung ist bis Ende 2014 geplant“, sagt Telekom-Sprecherin Stefanie Halle.

Viel Wind für das Netz

Die Gemeinde Kronprinzenkoog geht einen Sonderweg: Die Dithmarscher Windmüller sind Gesellschafter der Breitbandnetz Südermarsch UG & Co KG. So sind zwei Millionen für den Netzausbau zustande gekommen, die Leitungen werden inzwischen verlegt. Die Windmüller engagieren sich, weil sie ihren Strom an der Leipziger Strombörse handeln wollen und das mit Modemtempo nichts wird. Insgesamt seien die Initiativen an der Westküste recht weit, freut sich Richard Krause.

 

Ausgerechnet im Hamburger Einzugsgebiet, wo die Städter wegen der immensen Mieten der Hansestadt mit Immobilien liebäugeln, hakt es mit dem Ausbau. Weiße Flecken auf der Breitbandkarte finden sich in den Bereichen um Pinneberg, Lauenburg und Stormarn. Das kleine Hasloh allerdings hat bereits Glasfaser verlegt - im Zweckverband Südholstein (azv). Doch plötzlich interessiert sich auch die Telekom für einen Ausbau und droht, die frisch gepflasterten Bürgersteige wieder aufzureißen. CDU-Vorsitzende Dagmar Steiner ist sauer: „Wir waren so lange auf Brautschau und bekamen von der Telekom mehrfach das Signal, dass wir uninteressant seien“, berichtet sie. Ihre Befürchtung: „Es besteht die Gefahr, dass die Telekom mit Konkurrenzangeboten früher oder später die azv-Kunden abwirbt.“ Telekomsprecherin Stefanie Halle verweist auf die Wettbewerbssituation im Telekommunikationsmarkt. Die Absage sei mehrere Jahre her. „Mittlerweile haben sich die Rahmenbedingungen in Hasloh geändert“, sagt Halle. Und so wird wohl noch einmal neu verkabelt – inklusive neuer Baustellen.

Richard Krause vom Breitbandkompetenzzentrum sieht die Telekom beim Ausbau noch mehr in der Pflicht. Schließlich sei die Bundesregierung Teilhaber. Der Anbieter sollte bei der Schaffung von Infrastruktur weniger auf den schnellen Profit schauen, sondern die langfristige Investition sehen. Es würden immerhin auf lange Jahre auch Kunden gewonnen. „Aber der Telekommunikationsmarkt ist ein Milliarden-Markt“, sagt Krause. Er will von einem Return of Investment bei der Telekom von drei Jahren gehört haben, dann also sollen sich die Kosten amortisiert haben. Telekomsprecherin Halle möchte diese Zahl nicht kommentieren. „Jede Gemeinde wird anders berechnet“, sagt sie. Wie genau, sagt sie nicht. Der Bund dürfe nicht in diese Managemententscheidungen eingreifen.

So zeichnen sich weder Bund oder Land noch Telekom wirklich verantwortlich für den Ausbau der Infrastruktur. Und die Gemeinden müssen schauen, dass sie in Zeiten von Landflucht nicht buchstäblich den Anschluss verlieren und junge Familien und neue Unternehmen sich lieber woanders ansiedeln. In den Oasen der digitalen Steppe.

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