Dorschbestand in der Ostsee : Rückwurfverbot: Fischerei-Experte fordert Videoüberwachung auf Schiffen

In der östlichen Ostsee wird das Rückwurfverbot offensichtlich kaum eingehalten – fatal für die Dorschbestände.

In der östlichen Ostsee wird das Rückwurfverbot offensichtlich kaum eingehalten – fatal für die Dorschbestände.

Jahrelang ging es dem Dorsch in der Ostsee richtig schlecht. Nun gibt es die Chance auf Erholung. Doch da müssen auch die Fischer mitmachen.

shz.de von
08. Januar 2018, 08:17 Uhr

Rostock | Der Direktor des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann, hat an die Dorschfischer in der westlichen Ostsee appelliert, sich an das Rückwurfverbot zu halten. Hintergrund sei, dass der starke 2016er-Jahrgang nun in die Fischerei hineinwachse. „Wir haben die Riesenchance, die Westdorsch-Population innerhalb eines Jahres wieder aufzubauen“, sagte Zimmermann. Es sei jedoch zu befürchten, dass nun große Mengen von knapp zu kleinen Fischen gefangen und über Bord geworfen werden.

Das Rückwurfverbot beziehungsweise Anlandegebot besagt, dass zu kleine quotierte Fische nicht über Bord geworfen werden dürfen. Sie müssen an Land gebracht und der Quote zugerechnet werden. Zu kleine Fische können aber industriell nicht verarbeitet und vertrieben werden. Sie werden damit letztlich nur zu Fischmehl verarbeitet.

In der östlichen Ostsee werde das Rückwurfverbot offensichtlich kaum eingehalten. „Wenn dies in der westlichen Ostsee auch geschieht, wird die Erholung des Bestands nicht gelingen.“ Zumindest in der östlichen Ostsee werde das 2015 eingeführte Rückwurfverbot auch kaum kontrolliert. Die EU-Regelung sei erlassen worden, ohne gleichzeitig über eine Kontrolle nachzudenken, sagte Zimmermann. „Es bestand wohl die Hoffnung, dass sich das Problem von alleine löst - das tut es eben nicht.“ Seine Befürchtung ist, dass die Fischerei in der westlichen Ostsee nicht den Weitblick besitzt, um den Druck auf die Population moderat zu halten.

Für Zimmermann wäre die Ausrüstung der Schiffe mit Kameras die optimale Lösung. So könnte das Vorgehen auf hoher See dokumentiert werden. Die Fischfang-Lizenz könnte mit dem Zwang zur Installation von Kameras verknüpft werden. Ohne dies gebe es keine gleichen Bedingungen. „Die ehrlichen Fischer sind die Leidtragenden.“ Der Fischereiexperte und Europaabgeordnete Werner Kuhn (CDU) sprach sich gegen die zwangsweise Einführung von Kameras aus. Eine gute Möglichkeit sehe er aber in der Freiwilligkeit, wenn diese beispielsweise mit einer Erhöhung der Fangquote einhergehen könnte.

Der Vize-Chef des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer, Michael Schütt bestätigte, dass ein guter Dorschjahrgang heranwachse. Von der Kamerainstallation hält er allerdings wenig. Bisherige Versuche hätten wenig Erfolg gehabt. Zudem wäre es für die Mitarbeiter eine psychische Belastung, permanent von Kameras beobachtet zu werden. Außerdem hielten sich die Verbandsfischer an das Rückwurfverbot, betonte Schütt.

Die schlechte Handhabung in der östlichen Ostsee war laut Zimmermann Anfang 2017 dokumentiert worden, als die linke Bundestagsfraktion eine Anfrage an die Bundesregierung stellte. Die Regierung habe geantwortet, dass es Hinweise auf eine Zunahme der Rückwurfraten gebe. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass kein einziger Verstoß geahndet worden sei. Wie Zimmermann weiter sagte, gibt es Schätzungen, dass in der östlichen Ostsee bis zu 70 Prozent untermaßige Dorsche gefangen werden. „Die offiziellen Zahlen sprechen von zwei Prozent. Das hat mit der Realität nichts zu tun.“

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