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Biogasanlagen in SH : Rüben versüßen das Biogas-Geschäft

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die komplette Produktion aus dem nördlichen Schleswig-Holstein ging in die Energieerzeugung. Was macht die Zuckerrübe für die Biogas-Produzenten so interessant?

Ein Grundstoff für den Zucker – er wird immer bedeutender für Biogasanlagen im Norden: Zuckerrüben. Und zwar so sehr, dass nahezu die gesamte im nördlichen Schleswig-Holstein produzierte Menge von 180.000 Tonnen im vergangenen Jahr in die Energieerzeugung ging. Insgesamt wurden im Land rund 480.000 Tonnen Zuckerrüben geerntet.

Rüben für die Biogaserzeugung statt für die Zuckerfabrik – „das ist eine sehr junge Entwicklung“, sagt Stefan Büsching, Geschäftsführer des Zuckerrübenanbauerverbandes Schleswig-Holstein. „Das hat im Jahr 2012 erst so richtig begonnen.“

Dann aber hat diese Entwicklung schnell Fahrt aufgenommen. Vor allem dank effektiverer Verfahren der Reinigung und Zerkleinerung der Rübe unmittelbar nach der Ernte. 2013 seien es bereits 100.000 Tonnen Zuckerrüben gewesen, die im äußersten Norden für die Erzeugung von Biogas genutzt wurden, sagt Agraringenieur Dr. Johannes Thaysen, Referent für Grünland, Futterbau und Futterkonservierung bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Rendsburg.

Ganz grob könne inzwischen eine Linie durchs Land gezogen werden, sagen Büsching und Thaysen gleichlautend: Nördlich des Nord-Ostsee-Kanals wandern die Rüben in die regionalen Biogasanlagen, „südlich davon gehen sie nach Uelzen“. Hier steht eine von sechs Zuckerfabriken im Gebiet des Dachverbandes Norddeutscher Zuckerrübenanbauer. Dieses umfasst Nordostniedersachsen, den Norden Sachsen-Anhalts, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

Was macht die Zuckerrübe für die Biogas-Produzenten so interessant? „Keine andere Frucht hat eine so hohe Energieeffizienz wie die Rübe“, sagt Thaysen. Bezogen auf die Trockenmasse könne aus Zuckerrüben bis zu 20 Prozent mehr Gas als aus derselben Menge Mais erzeugt werden. Zugleich nehme die Rübe Nährstoffe besser auf, damit sei weniger Düngung als beim Mais notwendig – am Ende bedeute dies sogar eine geringere Nitratbelastung des Bodens. Eine bemerkenswerte Zunahme von Biogasanlagen sei aber nicht mehr zu erwarten. „Mit 710 Anlagen vorwiegend im nördlichen Schleswig-Holstein ist so ziemlich das Ende der Ausbaukapazitäten erreicht“, sagt der Kammer-Referent.

Zusätzlich sprechen auch die Kosten für die Zuckerrübe als Energiepflanze, so Thaysen weiter. Bedingt durch die Rekordernte im vergangenen Jahr sei der Preis pro Tonne von um die 45 Euro auf 36 Euro gesunken. Der Preis für den Mais hingegen sei wegen der immer teureren Pacht für Böden von einst 20 Euro auf bis zu 45 Euro pro Tonne gestiegen.

Verdrängt also die Energie-Rübe bald den Mais? „Auf keinen Fall“, sagt der Landwirtschaftskammer-Referent. Die Maisanbaufläche in Schleswig-Holstein werde sich auf die jetzige Größe von 175.000 Hektar einpendeln. Zum Vergleich: 2012 waren es noch 188.000 Hektar im Norden. „Die Bedeutung des Maises wird nicht weniger werden“, sagt Thaysen. Vielmehr komme mit dem Ende der Milchquote zum 1. April dem Mais noch mehr Bedeutung zu: nämlich als Futter für die Milchviehhalter, die dann auf dem freien Markt bestehen müssen. Allein dafür betrage die Anbaufläche bereits jetzt 100.000 Hektar. „Der Preisdruck beim Mais wird eher noch zunehmen“, sagt Thaysen voraus.

Eine weitere Zunahme der Bedeutung der Rübe als Energiepflanze ist damit vorprogrammiert. Und damit auch die Diskussion, inwieweit Lebensmittel als Energielieferanten herhalten dürfen. „Die Debatte ‚Tank oder Teller‘ wird ideologisch geführt“, sagt Thaysen dazu. Denn noch immer entscheide der Verbraucher zu 95 Prozent über den Preis. Und die internationale Konkurrenz werde nach dem geplanten Freihandelsabkommen TTIP sogar noch zunehmen. Schon jetzt drängten Argentinien, Brasilien und die Karibik als Zuckerrüben- und Zuckerrohrproduzenten auf den globalen Markt. „Mit der Nutzung der Frucht hierzulande für Biogas wird der Zuckerrübenpreis für die heimischen Landwirte eher gestützt“, sagt Thaysen. Nur so könne der Betrieb seine Rentabilität erhalten.

Nach Angaben von Büsching bleibt deutschlandweit gesehen der Anteil der Rüben-Nutzung für Biogas dennoch „verschwindend gering“. Auch der Rübenanbauer-Geschäftsführer will eine andere Debatte: „Es muss heißen ‚Tank und Teller‘“, sagt Büsching. Für ihn ist das, was die Landwirte im Norden jetzt erproben, eher ein Signal: „Die Rübe kann mehr als nur Zucker.“

2014 war ein außergewöhnlich gutes Zuckerrüben-Jahr. Etwa 20 Prozent  mehr und damit um die 80 Tonnen pro Hektar seien in Schleswig-Holstein geerntet worden. Hauptsächlich finden sich die Anbaugebiete nach Angaben von Landwirtschaftskammer-Referent Dr. Johannes Thaysen im östlichen Angeln, im östlichen Hügelland in den Marschen um Meldorf in Dithmarschen. Bei etwa 6000 Hektar Anbaufläche in Schleswig-Holstein sind das etwa 480.000 Tonnen gewesen, bestätigt Rübenanbauer-Geschäftsführer Stefan Büsching. Und eine Zahl mehr  darf’s dann noch sein: Auf einem Hektar (10.000 Quadratmeter) wachsen zwischen 80.000 und 100.000  Rübenpflanzen. Insgesamt sind somit in Schleswig-Holstein etwa 540 Millionen Zuckerrüben geerntet worden. Mit Hilfe von Sonnenlicht, Kohlendioxid und Wasser bildet die Rübe Zucker und lagert ihn im Rübenkörper ein. Gleichzeitig wird Sauerstoff freigesetzt. Jede Rübe liefert zwischen 100 bis 250 Gramm Zucker.
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erstellt am 24.Feb.2015 | 19:14 Uhr

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