zur Navigation springen

Sylt : Rohstoff Sand könnte bald knapp werden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In manchen Ländern werden Sand und Kies knapp. In SH könnten bereits in 15 Jahren die natürlichen Vorkommen erschöpft sein.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
erstellt am 25.Mai.2014 | 15:55 Uhr

Sylt | Unsere moderne Zivilisation ist auf Sand gebaut – sprichwörtlich. Vom Handy über Glasflaschen bis hin zu dem Großteil aller Gebäude: Ohne die Zutaten Sand und Kies wäre vieles davon überhaupt nicht möglich. Nach Zahlen der Naturschutzorganisation BUND verbraucht ein Deutscher im Schnitt 460 Tonnen Sand und Kies in seinem Leben. 1,57 Millionen Tonnen Sand und Kies wurden vergangenes Jahr in der Nordsee abgebaut. 1,47 Millionen davon wurden für den Küstenschutz genutzt. 100.000 Tonnen von der Bauindustrie. In der Welt der Ressourcen sind das jedoch die sprichwörtlichen „Peanuts“. 70 Milliarden Tonnen werden dort Jahr für Jahr gehandelt. Für den Sand und Kies aus der Nordsee wäre beispielsweise ein Baufeld mit einem Meter Tiefe zum Auffüllen nötig – mit 250 Metern in der Länge und 250 Metern in der Breite.

Sand ist keine unendliche Ressource – und geht der Industrie in Teilen der Welt bereits aus. Zuletzt hob der französische Dokumentarfilmer Denis Delestrac mit „Sand Wars“ das Thema auf die Agenda. Delestrac zeigt die Rolle des Sands für die heutige Wirtschaft – und wie der Bauboom und die damit einhergehende Sucht nach Sand in manchen Ecken der Erde ganze Strände und Inseln verschwinden lässt.

Und wenngleich Branchenvertreter in Hintergrundgesprächen betonen, dass die Situation in Deutschland eine vollkommen andere sei, die Bilder aus Delestracs Film nichts mit der Bundesrepublik zu tun hätten, so gibt es doch auch hierzulande Hinweise auf das Problem der endenden Ressource – zum Beispiel in Hamburg. Dort rechnet das Unternehmen OAM-Deme Mineralien vor, dass die natürlichen Kiesvorkommen in Norddeutschland in fünfzehn Jahren erschöpft seien. OAM-Deme ist nicht irgendein Unternehmen. Hauptgesellschafter ist die belgische Firmengruppe Deme. Eine Holding mit 42 Einzelfirmen, rund 4000 Angestellten und einem jährlichen Umsatz in Milliardenhöhe. Auf fünf Kontinenten wird im Namen des Konzerns aus der Nähe von Antwerpen gebaggert und gebuddelt, was das Zeug hält – das Motto: „Creating Land for the future“ (zu Deutsch: Wir bauen Land für die Zukunft).

Auch in der Nordsee ist Deme am Buddeln. Sand und Kies werden gefördert. Das Interesse hat einen einfachen Grund. „Die Sande in der Nordsee sind relativ hochwertig“, so Uwe Johannsen vom World Wide Fund For Nature. Sie sind eckig, Überreste der Eiszeit. Das ist wichtig. Denn nur so können sie für Beton verwendet werden – den Grundstoff des weltweiten Städtebaus. Und das in einer Zeit, in der es ausgerechnet in jenen Ländern an diesem Stoff fehlt, wo Sand auf den ersten Blick zwar im Übermaß vorhanden zu sein scheint, aufgrund seiner Oberfläche aber ungeeignet für die Bauindustrie ist – und der Bau-Boom groß ist wie sonst kaum irgendwo.

In Abu-Dhabi ist Deme aktiv. In Dubai ebenso. Das kleine Emirat, das für seinen irrsinnigen Bau-Boom berühmt ist, hat seine eigenen Sand-Ressourcen längst aufgebraucht und ist auf Importe aus Australien angewiesen. Inwieweit Deme bei seinen weltweiten Projekten auch auf Rohstoffe aus der Nordsee zugreift, ist unbekannt. Entsprechende Anfragen ließ der Konzern unbeantwortet.

Unumstritten ist die Aktivität von Deme in der Nordsee nicht. 2007 hat der WWF eine EU-Beschwerde eingereicht, bei der es um die Genehmigungen für den Sand- und Kies-Abbau geht. Das Verfahren hat sich hingezogen und sei laut WWF letztlich noch immer in der Schwebe. Greenpeace protestierte mit einem Abwurf von Felsbrocken vor der Sylter Küste. Während die Umweltschützer allesamt die Aufschüttmaßnahmen für die Nordsee-Insel als einen Sonderfall betrachten und gegen diesen nicht zu Feld ziehen wollen, räumen Experten ein, dass auch diese Form des Sand-Abbaus und Verlagerns Spuren hinterlässt. „Früher ist man davon ausgegangen, dass diese Löcher schnell zugehen.“ In Wahrheit sind die Löcher jedoch geblieben, erklärt der Kieler Geologe Klaus Ricklefs. Schlick sei auf den Grund gesunken. Es haben sich Gebiete mit geringem und gar keinem Sauerstoffgehalt gebildet, anoxische Zonen, in denen kein Leben möglich ist.

Kritiker sehen in den Abbaumaßnahmen in der Nordsee einen weiteren Beleg dafür, wie das Bergbaurecht reformiert werden muss. Trotz mehrerer Überarbeitungen fußt es im Kern immer noch auf der Gesetzgebung von 1865 und späteren Ergänzungen des Nationalsozialismus, die vor allem der Kriegswirtschaft dienten. Und so wird weder beim Fracking noch beim Sand- und Kiesabbau nicht in Kiel, sondern zunächst einmal beim Bergbauamt in Hannover entschieden. Dem Kieler Umweltministerium ist das schon längere Zeit ein Dorn im Auge, es sieht einen „Bedarf für eine Weiterentwicklung des Bundesberggesetzes“. „Es muss mehr Transparenz in den bergrechtlichen Verfahren ermöglichen, den Umweltschutz stärken, mehr Öffentlichkeitsbeteiligung zulassen“, so eine Sprecherin – und die Möglichkeit zu einem Verbot von Fracking enthalten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen