Herkunftsbezeichnung : Regionale Produkte: Das gute Geschäft mit der Heimat

Kohlernte aus Dithmarschen. Die Feldfrucht ist ein norddeutsches Produkt mit EU-Siegel.
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Kohlernte aus Dithmarschen. Die Feldfrucht ist ein norddeutsches Produkt mit EU-Siegel.

Welche Produkte kommen tatsächlich aus Schleswig-Holstein? Regional ist gefragt – doch oft verwirrten Herkunftsbezeichnungen mehr, als aufzuklären.

Margret Kiosz von
26. Januar 2015, 10:38 Uhr

Kiel | Am Sonntag ist in Berlin die Grüne Woche zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt standen erneut regionale Produkte. Rund 500 Aussteller – darunter 30 aus Schleswig-Holstein – präsentierten Spezialitäten aus ihrer Heimat. Der Markt boomt. Die meisten Konsumenten geben bei Umfragen an, regionale Lebensmittel zu bevorzugen. Fast jeder Zweite sagt, er kaufe Produkte aus der Umgebung wöchentlich und sei bereit, dafür auch mehr zu bezahlen. Längst sind Discounter dem Trend gefolgt – weil es sich nicht nur bei Umsatz und Image, sondern auch in barer Münze auszahlt.

Um so höher schlugen die Wellen, als CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt zu Beginn der weltgrößten Messe für Landwirtschaft und Ernährung kundtat, im Zuge der Internationalisierung des Handels könne man nicht jede Wurst und jeden Käse als regionale Spezialität schützen. Schon sahen viele den Schwarzwälder Schinken oder den Holsteiner Tilsiter gefährdet – bislang regionale Spezialitäten, die demnächst auch aus Missouri oder Kansas kommen könnten. Sie machten Front gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA. Das Schutzniveau müsse erhalten bleiben, so die Forderung.

Doch wer glaubt, dass der mit einem EU-Siegel versehene Schinken tatsächlich von Tieren aus dem Schwarzwald kommt, dort auch veredelt und verpackt wurde, ist auf dem Holzweg. Die aktuellen Siegel für Regionalität versprechen nämlich ganz was anderes. Das EU Siegel auf dem Holsteiner Tilsiter oder der Nürnberger Rostbratwurst sagt nur, dass die Verarbeitung nach einer bestimmten Rezeptur erfolgt und mindestens ein Produktionsprozess in der Region stattfindet. Derzeit gibt es drei Europäische Gütezeichen:

Geschützte Ursprungsbezeichnung (g. U.)

Das ist die strengste Auflage. Produkte mit diesem Zeichen sind in der angegebenen Region erzeugt, verarbeitet und hergestellt worden.

Geschützte geografische Angabe (g. g. A.)

Hierbei muss nur eine Produktionsstufe des Produkts in der Traditionsregion stattfinden. Deshalb können Nürnberger Würste Fleisch aus Dänemark enthalten. Und der Schinken kann in den USA verarbeitet werden, sofern es im Schwarzwald verpackt wird.

Garantiert traditionelle Spezialität (g.t.S) ist die lockerste Richtlinie

Die Produktion kann komplett außerhalb der traditionellen Region stattfinden. Wichtig ist meist eine bestimmte Zusammensetzung der Inhaltsstoffe oder eine spezifische Verarbeitungsweise. Für deutsche Produkte wurde das Siegel bislang nicht vergeben. Es gilt aber für italienischen Mozzarella und polnische Kabanossi – produziert etwa in Sachsen.

Klare und nachvollziehbare Informationen über Herstellungsprozess und -ort, gibt es EU-weit bislang nicht. Alle Bemühungen sie einzuführen, scheiterten am Widerstand der längst global einkaufenden Lebensmittelhersteller. Selbst ein Gutachten des Landwirtschaftsministeriums räumte 2012 ein: „Die Werbung zum Thema Regionalität kann für Verbraucher zu Verwirrung führen, da meistens nur der Standort des Verarbeitungsunternehmens ausgelobt wird, jedoch nicht die Herkunft des Rohstoffes oder die Qualität des regionalen Verarbeitungsprozesses“.

Die meisten Verbraucher denken, wenn sie regionale Produkte kaufen, ohnehin an Lebensmittel aus ihrem Bundesland. Orientierung bietet hier am ehesten das „Regional-Fenster“, das auf der Grünen Woche 2014 eingeführt wurde. „Das hellblau-weiße Logo ist ein Erfolg“, lobte Minister Schmidt kürzlich, allerdings werde es in Bayern viel häufiger eingesetzt als im Norden. Mittlerweile haben mehr als 2500 Produkte von rund 300 Unternehmen das Siegel. Es enthält Angaben zur Herkunft der Hauptzutaten und zu den sogenannten wertgebenden Zutaten. Für einen Erdbeerjoghurt mit einem Fruchtgehalt von sechs Prozent müssten also nicht nur der Joghurt, sondern alle enthaltenen Erdbeeren aus der Region stammen, damit das Produkt die Kriterien des Siegels erfüllt. Der Anteil der regionalen Inhaltsstoffe am Gesamtprodukt wird in Prozent angegeben. Auch der Ort der Verarbeitung und Verpackung ist der Teil der Info. Ein Blick auf verschiedene Regionalfenster zeigt, dass als Herkunftsregionen Städte, Landstriche, Bundesländer und Regionen genannt werden. So gibt es „Kartoffeln aus Norddeutschland“, wobei diese aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern kommen können.

Häufig bestehe bei Verbrauchern die Erwartung, dass regionale Erzeugnisse zusätzliche Produktqualitäten wie „mehr Frische“, „Ökoqualität“ oder „artgerechte Tierhaltung“ gewährleisten sollen, weiß Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein aus vielen Gesprächen. „Doch das ist nicht zwangsläufig der Fall“. Auch sind regionale Produkte nicht grundsätzlich besser als Produkte aus überregionaler oder internationaler Produktion, wenn es um den Vergleich von Klimaverträglichkeit geht. So hat das Fleisch von Rindern, die in Argentinien frei herumgelaufen sind, etwa einen geringeren ökologischen Fußabdruck als jenes von Rindern, die hierzulande auf einem kleinen Hof im Stall gehalten und womöglich noch mit Kraftfutter aus brasilianischen Sojabohnen gefüttert wurden.

Sinnvoll ist ohne Frage, saisonales Obst und Gemüse aus der   Region zu kaufen. Eine Aufzucht im beheizten Gewächshaus macht die positive Energiebilanz jedoch wieder zunichte.

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