Ernteausfälle : Regen-Rekorde: Bei den Bauern liegen die Nerven blank

<p>Ein Feld mit Wintergetreide steht bei Großhansdorf unter Wasser. Die diesjährigen Rekord-Regenmengen werden in 2018 den Ernteertrag bei Winterweizen wahrscheinlich um ein Drittel verringern.</p>
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Ein Feld mit Wintergetreide steht bei Großhansdorf unter Wasser. Die diesjährigen Rekord-Regenmengen werden in 2018 den Ernteertrag bei Winterweizen wahrscheinlich um ein Drittel verringern.

Schlechte Stimmung bei den Bauern. Was jetzt nur noch hilft, ist ein knackiger Winter und gute Bedingungen im Frühjahr.

shz.de von
16. Dezember 2017, 10:51 Uhr

Hemme | Rekordverdächtige Regenmengen in den vergangenen Wochen haben die Böden in Schleswig-Holstein komplett durchnässt. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes DWD fielen von Juli bis November im nördlichsten Bundesland mehr als 512 Liter Regen. „Vor allem in Norderdithmarschen zeigten Messungen, dass es im Vergleich der einzelnen Monate kaum eine Zeit gab, in der mehr Regen auf das ohnehin gesättigte Land fiel - und zwar seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen vor knapp hundert Jahren“, sagte der Geschäftsführer des Deich- und Hauptsielverbandes Dithmarschen, Matthias Reimers.

Der scheidende Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Dithmarschen nannte die Auswirkungen für norddeutschen Landwirte „verheerend“: Die Ernte verfaule zum Teil auf den Feldern, und vielerorts sei die Aussaat von Wintergetreide und Raps nicht abgeschlossen worden, sagte Hans-Peter Witt. Besonders betroffen ist der Westen des Landes. „Es gibt Regionen, da haben sie vielleicht 50 Prozent geschafft“, sagte Witt. „Aber es gibt auch viele Abschnitte von Dänemark bis runter zur Elbe, wo nicht annähernd die Hälfte bestellt wurde.“

Daniel Rixen von der Landwirtschaftskammer vermutet, dass sich 2018 landesweit die Anbaufläche beim Winterweizen um ein Drittel verringern werde, beim Raps seien es um die 20 Prozent. Damit scheint die Situation in Schleswig-Holstein im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands dramatischer.

Keine Auswirkungen für Verbraucher, aber für Landwirte

Weil es weltweit gute Getreideernten gab, haben die Ernten in Schleswig-Holstein keine Wirkung auf die Marktpreise, sagte Rixen: Für den Ackerbau in Schleswig-Holstein wäre 2018 das dritte schwierige Jahr in Folge, nachdem schon 2016 und 2017 von den Erntemengen und dem Preisniveau her nicht zufriedenstellend waren. „Die Erntebedingungen für Spätfrüchte wie Kartoffeln, Mais, Möhren, Zuckerrüben und Kohl waren grausig für uns“, sagte Landwirt Witt. Er schätzt, dass rund hundert Hektar Kartoffeln bei verschiedenen Landwirten immer noch in der Erde sitzen. „Die können auch nicht mehr geerntet werden - sie sind verfault.“ Dazu kommen 300 bis 400 Hektar Zuckerrüben an der Westküste, die noch geerntet werden müssen.

Wie groß die Verluste tatsächlich sind, lasse sich derzeit nur schwer abschätzen, sagte Birgit Hess vom Bauernverband: „Weil es keine ganzen Schläge sind. Es sind meist nur Teilbereiche hier mal ein Viertel Hektar, dort ein kleines Stückchen.“

Gülle bleibt ein Problem

Seit Monaten können die Bauern ihre Gülle nicht ausbringen – die Fahrzeuge würden im matschigen Boden einsinken.
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Seit Monaten können die Bauern ihre Gülle nicht ausbringen – die Fahrzeuge würden im matschigen Boden einsinken.
 

Ein weiteres Problem sind die mittlerweile randvollen Güllebehälter in Schleswig-Holstein. Die Bauern dürfen den Naturdünger zwar nicht auf ihren Wasser gesättigten Wiesen und Feldern ausbringen. Sie dürfen jedoch per Ausnahmegenehmigung auf ihren Feldern eine Gülle-„Lagune“ bauen, sagte Witt. Eine Interimslösung, denn die mit teurer Spezialfolie ausgekleideten Gruben müsse sofort nach Gebrauch wieder abgebaut werden. „Und die Kosten von weit über 10.000 Euro trägt der Landwirt zu 100 Prozent alleine.“

Vor dem Hintergrund des Klimawandels scheint langfristig keine Besserung in Sicht. Eher das Gegenteil, denn in den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der maximalen Wasserstände in den Bereichen mit freier Entwässerung stetig, wie DHSV-Geschäftsführer Reimers sagte. Die Schöpfwerke seien häufig bis an die Grenzen ausgelastet. In ganz extremen Fällen sei der Wasserpegel trotz permanent laufender Pumpen in den Vorflutern weiter angestiegen.

Kreisbauernverbandsvorsitzender Witt fasste die Stimmung seiner Berufskollegen entsprechend zusammen: „Die Nerven liegen bei vielen Bauern blank.“

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