Problemzone Westliche Ostsee : Rat für Meeresforschung empfiehlt regionale Einstellung der Heringsfischerei

Heringstage in Kappeln

Der Hering ist einer der beliebtesten Speisefische Deutschlands.

Dem Hering vor unseren Küsten geht es nicht gut. Nun droht den Heringsfischern ein Fangstopp.

shz.de von
31. Mai 2018, 17:48 Uhr

Kopenhagen | Den Heringsfischern an der deutschen Ostseeküste droht im kommenden Jahr ein Fangstopp. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) empfiehlt in seiner am Donnerstag veröffentlichten Analyse, die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee vorerst auszusetzen. Grund ist unter anderem, dass die Fische seit Jahren zu wenig Nachwuchs bekommen. Im Rest der Ostsee sei der Bestand gesünder - hier soll zwar weniger, aber immerhin weiter gefischt werden dürfen.

Die Empfehlung des ICES, die auch eine deutliche Erhöhung der Dorsch-Quote beinhaltet, ist nicht bindend. Letztlich legt der EU-Ministerrat die Fangquoten im Oktober fest. Die ICES-Analyse dient dafür jedoch als wissenschaftliche Grundlage. In den letzten Jahren wurde immer ein Kompromiss ausgehandelt. In diesem Jahr mussten die Fischer bereits eine Reduzierung der Quote um 39 Prozent verkraften.

Der ICES empfiehlt hier eine deutliche Anhebung der Gesamtfangmenge um mehr als 100 Prozent. Für die Dorschfischer entspannt sich die schwierige Lage.

Der Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer begrüßte die Anhebung der Dorschquote, kritisierte im Gegenzug die Empfehlung für den Hering. Der Bestand in der westlichen Ostsee sei seit einem Tief im Jahr 2011 kontinuierlich gewachsen. Noch vor drei Jahren habe der Hering alle Kriterien für nachhaltigen Fang erfüllt - seitdem aber seien die Zielwerte scheinbar willkürlich dramatisch erhöht worden.„Die Familienbetriebe der Heringsfischer würden eine einjährige Fangpause nicht überstehen“, warnte der Verband. Mit den kleinen Booten könne nicht einfach etwas anderes gefischt werden.

Auch die Fischer in Mecklenburg-Vorpommern reagierten mit Entsetzen auf die Empfehlung des ICES. „Für viele Fischer kommt das einem Todesurteil gleich“, sagte der Vizechef des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern, Michael Schütt.

Der Hering sei der Brotfisch der hiesigen Fischer. Die Anhebung der derzeit niedrigen Dorschquote könnten die Verluste beim Hering nicht im Ansatz ausgleichen. Sollten der EU-Minsterrat der Forderung der Wissenschaft nicht komplett folgen, sei dennoch mit einer drastischen Kürzung zu Stande.

Nach Angaben des Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock ist die Kürzung zum einen in der seit 2004 sichtbaren schlechten Nachwuchsproduktion begründet. Zum anderen habe der Rat für Meeresforschung den Limitreferenzwert für die Biomasse an erwachsenen Heringen in der westlichen Ostsee von derzeit 90.000 Tonnen auf 120.000 Tonnen heraufgesetzt. Mit diesem „technischen“ Schritt sei der Bestand, dessen aktuelle Biomasse auf 105.000 Tonnen geschätzt wird, automatisch in den „roten Bereich“ abgelitten, erklärte der Institutsdirektor Christopher Zimmermann.

Das Institut beobachte seit 2004 einen grundlegenden Wechsel der Umweltbedingungen, mit der Folge, dass die Produktivität der Heringe generell nicht mehr so groß sei. Der ICES habe aber diesen Ansatz leider nicht anerkannt und stattdessen den Referenzwert nach oben gesetzt.

Zimmermann zufolge könnte der Schleppnetz-Fischerei in der Ostsee jetzt sogar die Aberkennung des MSC-Siegels drohen, da eine Biomasse unter dem  Referenzwert nicht zertifizierbar sei. Die Bemühungen um das MSC-Siegel für die Stellnetzfischerei könnten damit auch ins Leere laufen.  

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen