zur Navigation springen

Blitzer in SH : Rader Hochbrücke: Dänen rasen ungestraft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie werden geblitzt, doch die Bußgelder können nicht eingetrieben werden. Die Spediteure im Norden sind verärgert.

Die erste Blitzer-Bilanz von der Rader Hochbrücke bringt die Spediteure in Schleswig-Holstein in Rage. Mehr als 10.000 Fahrzeuge wurden im ersten Monat auf der maroden Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal geblitzt – nur die Hälfte aber wurde dafür auch belangt. Häufigster Grund: „Bußgelder können wegen fehlender Regelungen nicht eingetrieben werden, etwa in Dänemark“, erklärt Ulrich Baschke vom Landespolizeiamt. Zudem werden Forderungen unter 70 Euro prinzipiell nicht eingefordert. So kommen viele ausländische Lkw-Fahrer ungeschoren davon.

„Eine Sauerei“, schimpft Thomas Rackow vom Landesverband der Logistiker. Die Spediteure sehen darin einen Wettbewerbsnachteil. „Es sind ja nicht nur die Dänen, sondern auch Speditionen aus den baltischen Staaten, die nicht zahlen müssen“, sagt er – also die gesamte direkte Konkurrenz. „Wir brauchen die Brücke. Die Dänen brauchen sie aber auch, hoffentlich haben sie das nicht vergessen,“ mahnt Rackow. Schließlich gilt Tempo 60 für Lkw, damit die Brücke zumindest noch elf Jahre hält.

Das ist den Spediteuren nördlich der Grenze durchaus bewusst: „Es kann nicht sein, dass dänische Lkw ein Freiticket haben. Dann verkürzt sich die Lebensdauer auch zu Lasten der dänischen Wirtschaft“, sagt Anders Jessen vom Dachverband der dänischen Speditionsbranche ITD.

Ein Problem ist, dass Dänemark ein EU-Abkommen über den Austausch von Verkehrsdaten noch nicht umgesetzt hat – und dafür auch bis Mitte 2017 Zeit hat. Rackow fordert die Politik auf, auf eine schnelle Umsetzung zu drängen, damit zumindest höhere Geldstrafen eingetrieben werden können. „Bis dahin genießen Ausländer Diplomatenstatus.“

Ganz überraschend sind die Zahlen für das Verkehrsministerium in Kiel nicht: „Es war von Anfang an klar, dass wir nicht jeden, der auf der Brücke zu schnell fährt, zur Kasse bitten können“, sagt Harald Haase, Sprecher von Minister Reinhard Meyer (SPD). „Wir können ja keine Nagelbretter auslegen, um jeden zu stoppen.“ Mogens Therkelsen, Groß-Spediteur aus Pattburg, gibt dem Ministerium eine Mitschuld: Wenn öffentlich kommuniziert werde, dass es keine Handhabe gegen Ausländer gebe, „liegt es nahe, dass sich Fahrer von den Kontrollen nicht abhalten lassen“.

Dennoch müsse auch jeder ausländische Raser damit rechnen, herausgewunken zu werden, sagt Haase – theoretisch. „Von wem denn?“, fragt Baschke resigniert – dafür hat die Polizei gar kein Personal.

Kommentar: Teure Erkenntnis

Was für ein Dilemma: Erst hält sich kaum ein Lastwagenfahrer an das seit mehr als einem Jahr geltende Tempolimit auf der Rader Hochbrücke. Jetzt gibt es zwar die lang ersehnten Blitzer auf der Kanalquerung – doch noch immer kommen ausländische Temposünder ungestraft davon. Das ist mehr als ärgerlich. Immerhin tragen laut Landespolizei mehr als die Hälfte der Lastwagen auf der Brücke ausländische Kennzeichen, die meisten fahren für dänische Speditionen.

Das Verkehrsministerium spielt das Problem herunter – der Anteil der betroffenen Lkw sei bei mehr als 40.000 Fahrzeugen, die den Kanal täglich queren, gering. Insgesamt sei die Belastung des maroden Bauwerks doch zurückgegangen. Traurig genug, dass dafür ein teures Blitzsystem angeschafft werden muss – die rasenden Lkw-Fahrer schneiden sich schließlich ins eigene Bein, wenn die Brücke nicht bis zur Fertigstellung eines Neubaus durchhält.

Dank drohender Geldstrafen haben die deutschen Logistiker das jetzt eingesehen. Bei den ausländischen Spediteuren, für die die Brücke ja teilweise die einzige Verbindung zum Rest Europas ist, fehlt diese Erkenntnis noch. Zeit ist nach wie vor Geld – und so lange diese Kostenersparnis nicht durch das Argument drohender Bußgelder aufgewogen wird, verhallt die Warnung vor dem totalen Brücken-Desaster im Ausland ungehört.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Nov.2015 | 18:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen