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Flensburger Finanzinvestor : Prozess gegen Marco Hahn: Freispruch ohne Makel

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Der Vorwurf des Betruges ist vom Tisch. Auch der Staatsanwalt erkennt an: „Eine Verurteilung ist nicht möglich.“

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2015 | 07:48 Uhr

Es ist ein bitterer Vormittag, den der leitende Staatsanwalt Dr. Martin Soyka durchstehen muss. Und er weiß das, als er sich am Dienstag um kurz vor halb zehn die Robe überzieht. Im Saal 126 des Kieler Landgerichts wird nicht der Angeklagte mit der Höchststrafe bedacht, vielmehr ist es der Chefermittler, der Schiffbruch auf ganzer Linie erleidet – und dies öffentlich einräumen muss. Wie ein windschiefes Kartenhaus ist die 18 Seiten starke Anklageschrift und angebliche Beweislast gegen den aus Flensburg stammenden Investor Marco Hahn längst in sich zusammengefallen.

Wegen Betruges in einem besonders schweren Fall musste sich der 46-jährige Geschäftsmann verantworten. Doch als die Richter an diesem vierten von ursprünglich sieben anberaumten Prozesstagen den Gerichtssaal betreten und kurzen Prozess machen, ist eigentlich schon klar: Marco Hahn wird als freier Mann in seine Wahlheimat, die Schweiz, zurückkehren.

Auf der Tagesordnung stehen an diesem Morgen die Plädoyers des Staatsanwalts und der Verteidigung – und eine dicke Überraschung. Eigentlich war Staatsanwalt Soyka fest von seiner Anklageschrift überzeugt und fand sie am ersten Prozesstag noch „total klasse“. Jetzt, am vierten Verhandlungstag, mehr als sechs Jahre nachdem die Betrugsermittlungen gegen Hahn aufgenommen worden waren und nach netto nicht einmal vier Stunden Verhandlungsdauer, räumt der Staatsanwalt gleich zu Beginn seiner Schlussrede ein: „Eine Verurteilung ist nicht möglich.“ Voraussetzung dafür wäre, dass es keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten geben würde. „Davon aber kann keine Rede sein“, räumt Soyka ein. Fast zehn Minuten dauern seine Ausführungen, in denen er seine Arbeit selber korrigiert. Nach Papierlage wäre eine Schuld möglich gewesen, bei „persönlicher Betrachtung“ allerdings käme er zu einer „anderen Wahrnehmung“.

Die Anklage gegen Marco Hahn basiert auf einer Strafanzeige des Hamburger Geschäftsmannes Dirk Kessemeier, ehemaliger Mitgesellschafter der Beteiligungsgesellschaft „Flymot“. Kessemeier hatte Hahn vorgeworfen, im Sommer 2006 knapp 2,5 Millionen Thielert-Aktien der „Flymot“ für rund 57 Millionen Euro verkauft und den erzielten Gewinn von rund 32 Millionen Euro auf seine Privatkonten überwiesen zu haben. Als Kessemeier bei der „Flymot“ ausbezahlt wurde, soll Hahn einen niedrigeren Aktienkurs abgerechnet haben, als er selbst beim Verkauf der Aktien erzielt hatte. Dadurch soll Kessemeier ein Verlust von 4,4 Millionen Euro entstanden sein. Kessemeier fungierte als Kronzeuge der Anklage, konnte diese Vorwürfe am zweiten Prozesstag aber nicht belegen.

Im Gegenteil. „Die Aussage von Kessemeier war unergiebig und nicht geeignet, die Schuld zu beweisen“, räumt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer ein. Kessemeier sei Hahn bei seiner Anhörung mit Verachtung begegnet. Der Zeuge habe Rechtswahrheit und Vermutungen „wild durcheinander geworfen“, räumt Soyka ein. Eine Täuschungshandlung von Hahn habe es nicht gegeben.

Zudem habe Kessemeier keine Antwort darauf geben können, welcher finanzielle Schaden ihm zugefügt worden sei. Fazit des Staatsanwalts: „Dirk Kessemeier war ein richtig schlechter Zeuge.“ Ein Tatnachweis sei nicht gelungen. Deshalb fordert Soyka: „Freispruch“.

Die Verteidigung geht noch weiter: Der Vorwurf des Betruges lasse sich nicht halten, weil der tatsächliche Geschehensablauf völlig anders sei, als von Kessemeier und der Staatsanwaltschaft unterstellt, erklärt Dr. Bernd Buchholz, FDP-Politiker aus Schleswig-Holstein, Ex-Vorstandschef von Gruner + Jahr und einer von Hahns drei Strafverteidigern. Kessemeier habe gar keinen Anspruch auf mögliche Veräußerungsgewinne gehabt, weil er sich aus der „Flymot“ herausgekauft und seine Aktien-Anteile in einen Wertpapier-Darlehensvertrag gewandelt habe – und zwar bevor Hahn die Thielert-Aktien verkaufte. Kessemeier habe daher „mit einer gewissen Dreistigkeit“ behauptet, ihm sei ein Millionenverlust entstanden – was keineswegs der Fall gewesen sei. Dem Zeugen Kessemeier sei es nicht um die Wahrheit gegangen, sondern nur „um eine Verurteilung des Angeklagten“, so Buchholz, der resümiert: „Wo kein Anspruch besteht, kann auch kein Schaden entstehen und damit kein Betrug vorliegen.“

Der Vorsitzende Richter Dr. Felix Lehmann sah das nach einer einstündigen Verhandlungspause genauso. Sein Urteil: „Der Angeklagte wird freigesprochen.“. Die Begründung: Weder sei Betrug noch ein Schaden feststellbar. Der Zeuge Kessemeier könne offenkundig „enttäuschte Gewinnerwartungen nicht von einem strafrechtlich relevanten Schaden unterscheiden“, so der Richter. Die Kosten für das Verfahren trage die Anklage und damit die Landeskasse. Das Urteil könne angefochten werden.

Und dann kommt der prozessuale Offenbarungseid: Staatsanwalt Soyka verzichtet nach eigenem Bekunden auf Rechtsmittel.

Der Prozess ist beendet – mit einem Freispruch erster Klasse. Und Marco Hahn? Der nimmt das Urteil mit Genugtuung entgegen und sagt kein Wort. Nach dem Prozess erklärt Hahns Anwalt Dr. Dirk Unrau im Namen von Marco Hahn gegenüber unserer Zeitung: „Es ist sehr erfreulich, dass alle Prozessbeteiligten zu dem übereinstimmenden Ergebnis gelangt sind, dass unser Mandant freizusprechen war. Ich hoffe, dass durch dieses klare Urteil nun die Reputation unseres Mandanten wieder hergestellt werden kann, die durch das seit sieben Jahren andauernde Verfahren nachhaltig – und wie sich jetzt gezeigt hat – zu Unrecht beeinträchtigt wurde.“

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