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Mit Kommentar : Protest in Rendsburg: Fallende Milchpreise bedrohen Bauern in SH

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bis zu 30 Prozent der Landwirte haben Zahlungsprobleme. Die Verbände sind sich nicht einig. Sie streiten über Lösungen.

Der fallende Milchpreis belastet die Bauern in Schleswig-Holstein immer stärker. „Für manche Betriebe wird die Lage existenzbedrohend“, warnte am Mittwoch Bauernverbands-Vizepräsident Klaus-Peter Lucht. Laut dem kleineren Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) haben bereits 20 bis 30 Prozent der Betriebe Liquiditätsprobleme. „Betroffen sind nicht nur Kleinbetriebe, sondern auch größere, die in den vergangenen guten Jahren investiert haben“, sagte Kirsten Wosnitza vom BDM-Landesvorstand nach einer Kundgebung in Rendsburg.

Der Milchpreis ist seit dem vergangenen Jahr von 40 Cent pro Liter auf jetzt gerade einmal 27 Cent gefallen. „Das Russland-Embargo trifft uns hart“, sagte Lucht, „und die Chinesen kaufen seit dem Sommer 2014 nicht mehr bei uns“ – zwei wichtige Absatzmärkte fehlen. Dazu komme der Preiskampf von Aldi & Co. Besserung ist nicht in Sicht. „Unter ökonomischen Gesichtspunkten müssten wir eigentlich alle aufhalten“, meint Landwirt Nico Hellereich aus Wewelsfleth und erinnert damit an die Protestaktionen, bei denen massenhaft Milch verschüttet wurde. Hier berichtet er ausführlich von seinen großen Sorgen.

Innerhalb der Bauernschaft gibt es jedoch unterschiedliche Vorstellungen, wie die Krise bewältigt werden könnte. Der BDM fordert, bei einer sich ankündigenden Krise die Produktion zurückzufahren und so das Angebot zu verknappen. Das soll einen Preisverfall schon im Vorfeld verhindern. Im Gegenzug soll es Ausgleichszahlungen geben, die aus Strafzahlungen für das Überschreiten der Milchquote im vergangenen Jahr finanziert werden sollen.

Das fordern auch mehrere Grünen-Politiker, darunter der Landtagsabgeordnete Bernd Voß. Diesen Weg hält der Bauernverband, der nach eigenen Angaben 80 Prozent der 4500 Milchbauern im Land vertritt, für falsch: „Die staatliche Regulierung der Milchproduktion hat 30 Jahre lang nicht funktioniert“, sagt Lucht mit Blick auf die im April weggefallene Milchquote.

Vielmehr müsste der niedrige Preis mit einer vorübergehend höheren Produktion und einer Kostenoptimierung in den Betrieben ausgeglichen werden. Gemeinsam mit dem Genossenschaftsverband hat der Bauernverband eine Erklärung an Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verfasst, in der unter anderem zinsgünstige Liquiditätsdarlehen und die Schaffung einer steuerlichen Rücklagemöglichkeit gefordert werden.

Ein Kommentar von Matthias Kirsch:

2009, 2012, 2015 – die Milchbauern leiden unter der dritten Preiskrise in nur sechs Jahren. Da stellt sich die Frage: Hätte man das nicht kommen sehen können? Man hätte es sich zumindest aus der Erfahrung der vergangenen Jahre ausrechnen können. In einer globalisierten Welt, in der die großen Absatzmärkte in China und Russland liegen und nicht in Kiel oder Lübeck, ist auch der schleswig-holsteinische Landwirt den Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft – und im Fall des Russland-Embargos auch der großen Politik – ausgeliefert. Fehlen Instrumente, solche Schwankungen auszugleichen, geraten Betriebe schnell in Bedrängnis. Und die Verbraucher in Deutschland?  Die müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Klar wünschen sie sich, dass auch unsere Bauern und ihre Tiere vernünftig leben können.  Aber mal ehrlich: Gehen Sie für Quark und Milch nicht mehr zu Aldi oder Lidl, weil die Packung zu billig  geworden ist? Die Mehrheit kauft doch da ein, wo es am günstigsten  ist.  Solange sich das nicht ändert, haben die Discounter keinen Grund, ihren Preiskampf zu beenden. Auch hier müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die im vergangenen Jahr gestartete „Initiative Tierwohl“ von Bauern, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel, die gute Haltung von Schweinen mit einem Bonus für die Landwirte belohnt, ist ein guter Anfang. Eine dauerhafte und von allen akzeptierte Lösung ist  nur im Zusammenspiel von Politik und Landwirten möglich. Die Gesellschaft hat nun einmal geänderte Vorstellungen. Denen trägt Minister Robert Habeck Rechnung und verlangt von den Bauern höhere (und häufig finanziell belastende) Standards in Sachen Umweltschutz und Tierwohl. Dann ist die Gesellschaft es den Bauern aber auch schuldig, ihnen bei Krisen zur Seite zu stehen. Andersherum können die Bauern jedoch nicht Auflagen im Sinne des Tierschutzes beklagen, aber gleichzeitig staatliche Hilfen, etwa Erleichterungen bei Darlehen, verlangen. Hier die Balance zu finden ist schwierig, aber dringend nötig.
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erstellt am 12.Aug.2015 | 19:33 Uhr

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