Gläubigerversammlung in Hamburg : Prokon wird zur Genossenschaft

Viele Plätze blieben bei der Gläuigerversammlung von Prokon leer.
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Viele Plätze blieben bei der Gläuigerversammlung von Prokon leer.

Die Gläubiger haben entschieden: Das Windkraftunternehmen Prokon wird als Genossenschaft weitergeführt.

shz.de von
02. Juli 2015, 16:57 Uhr

Hamburg | Aus dem insolventen Windkraftunternehmen Prokon Regenerative Energien GmbH wird eine Genossenschaft. Das hat die Gläubigerversammlung in der Hamburger Messehalle beschlossen. Um kurz vor 16.30 Uhr wurden die Ergebnisse der einzelnen abstimmungsberechtigten Gruppen verkündet, dann stand fest: Die Genossenschaftslösung hat sich durchgesetzt, alle acht Gläubigergruppen stimmten dafür. Der Konzern Energie Baden-Württemberg (EnBW), der Prokon für 550 Millionen Euro übernehmen wollte, kommt nicht zum Zug.

Das Ergebnis hatte sich abgezeichnet. Schon in der ersten Stunde in der Hamburger Messehalle B5 wurde eine wichtige Weiche gestellt: Da stand bereits fest, dass über den Genossenschafts-Insolvenzplan abgestimmt werden würde. Dafür mussten genügend Inhaber von Prokon-Genussrechten zustimmen, dass ihre Anlagen in Anteile an der Genossenschaft umgewandelt werden. Kapital in Höhe von 660 Millionen Euro musste dafür zusammenkommen. Das Ergebnis: mehr als 865 Millionen Euro.

Nach dem Ja zur Genossenschaft wurde über die Investorenlösung nicht mehr abgestimmt. Die EnBW reagierte prompt in Person des Vorstandsvorsitzenden Frank Mastiaux: "Das EnBW-Team hat sich mit großer Überzeugung bis zur letzten Minute eingesetzt. Umso mehr bedauern wir natürlich diese Entscheidung, denn Prokon und EnBW hätten gut zusammengepasst und gemeinsam die Windkraft in Deutschland noch stärker voranbringen können. Aber wir haben auch großen Respekt für die Verbundenheit der Genussrechtsinhaber mit Prokon, die darin zum Ausdruck kommt.“ EnBW wünsche Prokon, den Mitarbeitern und Eigentümern alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft. An der eigenen Strategie für den Ausbau der erneuerbaren Energien ändere die Hamburger Entscheidung nichts.

Insgesamt standen in zwei Hallen rund 12.000 Plätze zur Verfügung. Sie wurden bei weitem nicht gebraucht – nach Schätzungen waren es halb so viele Teilnehmer wie bei der ersten Gläubigerversammlung vor einem Jahr, als  3000 Stimmberechtigte gekommen waren. Prokon hatte mit Genussrechten bei 75.000 Anlegern rund 1,4 Milliarden Euro eingeworben. Rund 100.000 Gläubiger waren eingeladen.

Prokon könne eine gute Zukunft haben, da war sich auch Itzehoes Bürgermeister Andreas Koeppen vor der Gläubigerversammlung sicher – und zwar unabhängig vom Ausgang. Weil die Stadt offene Forderungen an Prokon hat, war er in der Gläubigerversammlung ebenso dabei wie Itzehoes Wirtschaftsförderer Thomas Carstens. Anspannung spürte auch der Verwaltungschef: „Es ist für die Stadt ein entscheidender Moment.“ Er hofft, dass das Unternehmen wieder in die Spur kommt. Die Genossenschaft war dabei sein leichter Favorit, doch auch für die Investorenlösung mit EnBW sei er offen, sagte Koeppen und dachte dabei vor allem an die   knapp 300 Mitarbeiter: „Es geht um die Menschen.“

Viele Menschen trifft an diesem Tag Reinhold Piene. Der 65-Jährige aus Lotte in Westfalen, Mitglied bei den Freunden von Prokon,  verteilt Flyer an die Besucher, die meisten greifen zu. Sehr positiv seien die Reaktionen, auch als einer der Betreuer der Hotline hat Piene einen klaren Eindruck: „Die Stimmung ist extrem hoch für eine Genossenschaft.“ Es gehe darum, die erneuerbaren Energien zu fördern, etwas für die Arbeitsplätze und die Zukunft zu tun. Diese Entwicklung hätten die großen Konzerne verschlafen, jetzt wollten sie sich nur einkaufen.

Nicht anders sieht es Anne Dittrich. Die Prokon-Mitarbeiterin ist von der Entscheidung unmittelbar betroffen, steht in orangefarben leuchtendem Shirt mit Prokon-Logo vor dem Eingang zur Halle, eine Reihe Kollegen sind dabei. Ihre Stimmungslage? „Angespannt, aber hoffnungsfroh.“ Eine andere braucht nur zwei Worte: „Es wird!“

Was für ein Unternehmen ist Prokon und wer steht dahinter?

Prokon - die Abkürzung steht für PROjekte und KONzepte - wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet. Und zwar mit dem Unternehmensziel, in erneuerbare Energien zu investieren. Zunächst verkaufte Prokon Kommanditanteile an geschlossenen Windparkfonds. Ab 2007 veränderte sich das Geschäftsmodell und Prokon finanzierte sich überwiegend über Genussrechtsanteile von Anlegern.

Was wurde aus Carsten Rodbertus?
Scheiterte mit seinen Plänen: Prokon-Gründer Carsten Rodbertus im Gespräch mit Anlegern.
dpa
Scheiterte mit seinen Plänen: Prokon-Gründer Carsten Rodbertus im Gespräch mit Anlegern.

Rodbertus ist als Geschäftsführer und Gesellschafter raus aus der Firma, der Insolvenzverwalter schloss mit ihm einen Vergleich. Ob sich der Ex-Manager noch vor Gericht unter anderem wegen Insolvenzverschleppung verantworten muss, ist noch offen.

Was hatte Prokon den Anlegern versprochen?

Das Unternehmen warb mit einer hoch verzinsten Anlage in ökologisch orientierte Sachwerte wie Windparks. Dabei erweckte Prokon in der Vergangenheit den Eindruck, die Anlage sei sehr sicher. Als Rendite versprach Prokon seinen Anlegern mindestens sechs Prozent und zahlte auch bis 2013 zuverlässig. Verbraucherberater und Anlegerschützer bewerteten die Prokon-Genussrechte seit Jahren als intransparent und riskant und rieten vom Kauf ab.

Was sind Genussscheine?

Die auch von Prokon ausgegebenen Genussscheine sind Wertpapiere, die eine Sonderstellung zwischen Aktien und Anleihen haben. Unternehmen kommen an Kapital, der Käufer der Genussrechte erhält im Gegenzug regelmäßige Zinszahlungen. Im Unterschied zu Anleihen können diese Zahlungen aber auch gestrichen oder verschoben werden, wenn kein Gewinn anfällt. Im Gegensatz zum Aktienbesitzer hat der Inhaber von Genussscheinen kein Mitspracherecht bei der Firma. Geht sie pleite und wird abgewickelt, werden Genussscheine erst nach den anderen Forderungen bedient. Es besteht also die Gefahr des Totalverlusts. Genussscheine sind risikoreicher als andere Wertpapiere, die Zinssätze deshalb gemeinhin höher.

Welche Unternehmen sind von dem Insolvenzverfahren betroffen?

Insolvent ist lediglich die Prokon Regenerative Energien GmbH. Die übrigen Unternehmen der Gruppe arbeiten weiter. Die wirtschaftliche Situation der Tochtergesellschaft Prokon Pflanzenöl GmbH in Magdeburg ist nach Angaben des Insolvenzverwalters Dietmar Penzlin stabil. Daneben hat Prokon in rumänische Wälder investiert und dem Palettenwerk HIT Holzindustrie Torgau einen hohen Kredit gegeben. Aus dem Gerichtsbeschluss zur Insolvenzeröffnung ging nicht hervor, wie werthaltig diese Investments sind.

 
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