Pleite in Itzehoe : Prokon-Insolvenzverwalter prüft rechtliche Schritte gegen Rodbertus

Der damalige Prokon-Chef Carsten Rodbertus und Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin (l.) traten am 23. Januar – einen Tag nach der Insolvenz –  vor die Presse.
Der damalige Prokon-Chef Carsten Rodbertus und Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin (l.) traten am 23. Januar – einen Tag nach der Insolvenz – vor die Presse.

Der Gründer und frühere Chef Carsten Rodbertus soll einen Schaden von mehr als einer halben Milliarde Euro verursacht haben.

shz.de von
06. Juni 2014, 09:36 Uhr

Itzehoe/Düsseldorf | Der Insolvenzverwalter des Windenergie-Unternehmens Prokon, Dietmar Penzlin, prüft Schadenersatzansprüche gegen den Firmengründer Carsten Rodbertus. Dessen Geschäftsführung habe bei den Gläubigern bisher Schäden von mehr als einer halben Milliarde Euro verursacht, teilte Penzlin am Freitag in Düsseldorf mit.

„In diesem Zusammenhang lasse ich Schadenersatzansprüche gegen ihn prüfen, schwerpunktmäßig wegen unzureichend besicherter Darlehensvergaben“, sagte Penzlin. Aber auch andere Sachverhalte wie der Kauf einer Cessna auf Firmenkosten für das von Rodbertus privat betriebene Fallschirmspringen könnten Ansprüche auf Schadenersatz begründen. Das Amtsgericht Itzehoe hatte am 1. Mai das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Prokon Regenerative Energien GmbH eröffnet, weil das Unternehmen überschuldet und zahlungsunfähig ist.

Für rund 75.000 Anleger, die Prokon mit 1,4 Milliarden Euro über Genussscheine finanziert haben, bedeutet das den Verlust von 30 bis 60 Prozent ihrer Einlagen. Die Geldgeber lockte Rodbertus mit hohen Zinsversprechen. Als Gerüchte aufkamen, Prokon sei in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zogen Investoren ihre Mittel ab. Rodbertus drohte daraufhin offensiv mit Insolvenz, falls die bestehenden Geldgeber ihre Anlagen nicht in Unternehmen lassen.

„Wir befinden uns mit den wesentlichen Gläubigergruppen in einem regen, teils auch kontroversen, aber insgesamt sehr sanierungsorientierten Austausch über die wesentlichen Eckpunkte des angestrebten Insolvenzplans“, erläuterte Penzlin. Die Anleger erhalten bis Mitte des Monats vom Insolvenzverwalter ein Formular, mit dem sie ihre Ansprüche anmelden können. Am 22. Juli ist eine Gläubigerversammlung in den Hamburger Messehallen einberufen, bei der Penzlin ein Konzept für einen Insolvenzplan vorstellen will. Für die Ausarbeitung des Plans muss die Versammlung dann einen Auftrag erteilen.

Penzlin teilte auch mit, dass Prokon in der Insolvenz zwei kleinere Windpark-Projekte in Sachsen-Anhalt und Polen planmäßig errichtet.

Der Personalabbau sei abgeschlossen; mittelfristig sollen 300 Arbeitsplätze bei Prokon erhalten bleiben. 100 Mitarbeiter haben gekündigt oder ihre Verträge sind ausgelaufen; weiter 70 wechseln für acht Monate in eine Transfergesellschaft.

Im Mai kündigte die Bundesregierung an, nicht zuletzt wegen des Falls Prokon den Anlegerschutz im sogenannten Grauen Kapitalmarkt deutlich zu verbessern. Aggressive Werbung soll verboten werden. Prokon hatte gezielt mit Anzeigenkampagnen bei Menschen geworben, die das politische Ziel von mehr Öko-Energie und weniger Atomkraft unterstützen wollen.

Was für ein Unternehmen ist Prokon und wer steht dahinter?

Prokon - die Abkürzung steht für PROjekte und KONzepte - wurde 1995 von Carsten Rodbertus gegründet. Und zwar mit dem Unternehmensziel, in erneuerbare Energien zu investieren. Zunächst verkaufte Prokon Kommanditanteile an geschlossenen Windparkfonds. Ab 2007 veränderte sich das Geschäftsmodell und Prokon finanzierte sich überwiegend über Genussrechtsanteile von Anlegern. Rodbertus wurde im Laufe des vorläufigen Insolvenzverfahrens vom Verwalter freigestellt.

Was hat Prokon den Anlegern versprochen?

Das Unternehmen warb mit einer hoch verzinsten Anlage in ökologisch orientierte Sachwerte wie Windparks. Dabei erweckte Prokon in der Vergangenheit den Eindruck, die Anlage sei sehr sicher. Als Rendite versprach Prokon seinen Anlegern mindestens sechs Prozent und zahlte auch bis 2013 zuverlässig. Verbraucherberater und Anlegerschützer bewerteten die Prokon-Genussrechte seit Jahren als intransparent und riskant und rieten vom Kauf ab.

Was sind Genussscheine?

Die auch von Prokon ausgegebenen Genussscheine sind Wertpapiere, die eine Sonderstellung zwischen Aktien und Anleihen haben. Unternehmen kommen an Kapital, der Käufer der Genussrechte erhält im Gegenzug regelmäßige Zinszahlungen. Im Unterschied zu Anleihen können diese Zahlungen aber auch gestrichen oder verschoben werden, wenn kein Gewinn anfällt. Im Gegensatz zum Aktienbesitzer hat der Inhaber von Genussscheinen kein Mitspracherecht bei der Firma. Geht sie pleite und wird abgewickelt, werden Genussscheine erst nach den anderen Forderungen bedient. Es besteht also die Gefahr des Totalverlusts. Genussscheine sind risikoreicher als andere Wertpapiere, die Zinssätze deshalb gemeinhin höher.

Welche Unternehmen sind von dem Insolvenzverfahren betroffen?

Insolvent ist lediglich die Prokon Regenerative Energien GmbH. Die übrigen Unternehmen der Gruppe arbeiten weiter. Die wirtschaftliche Situation der Tochtergesellschaft Prokon Pflanzenöl GmbH in Magdeburg ist nach Angaben des Insolvenzverwalters Dietmar Penzlin stabil; rund 140 Beschäftigte werden 2014 einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Euro erwirtschaften. Daneben hat Prokon in rumänische Wälder investiert und dem Palettenwerk HIT Holzindustrie Torgau einen hohen Kredit gegeben. Aus dem Gerichtsbeschluss zur Insolvenzeröffnung geht nicht hervor, wie werthaltig diese Investments sind.

Was sollten Anleger jetzt machen?

Seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können Besitzer von Prokon-Genussrechten ihre Ansprüche beim Insolvenzverwalter geltend machen. Die Gläubiger des Unternehmens erhalten Formulare, mit denen sie ihre Forderungen offiziell anmelden können. Wie hoch die Insolvenzquote sein wird, ist noch völlig offen.

Das Gericht hat dafür eine Frist bis zum 15. September gesetzt. Eine Gläubigerversammlung, in der über den Fortgang des Verfahrens entschieden wird, ist für den 22. Juli angesetzt. Das Gericht geht davon aus, dass die Inhaber der Genussrechte Gläubiger des Unternehmens sind und nicht Miteigentümer. Wegen der sehr speziellen Form der Finanzierung des Unternehmens durch Genussrechte mussten zunächst einige komplexe Rechtsfragen geklärt werden.

Ist das Geld der Anleger ganz oder teilweise verloren?

Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin hat vor einigen Wochen erklärt, dass die Anleger mit Verlusten rechnen müssen, allerdings nicht mit einem Totalverlust. Nach den Erkenntnissen des Gerichts sind die Vermögenswerte des Unternehmens - vor allem sind das die Windparks - weniger wert als das eingezahlte Kapital der Anleger. Das Gericht ermittelte eine Unterdeckung von 474 Millionen Euro. Anlegeranwälte rechnen mit Verlusten zwischen 40 und 70 Prozent.

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