Profiteure des Streiks

GDL-Chef Claus Weselsky ruft Lokführer zum sechstägigen Warnstreik im Norden auf.
GDL-Chef Claus Weselsky ruft Lokführer zum sechstägigen Warnstreik im Norden auf.

Die Lokführer-Gewerkschaft ruft zum Rekordausstand bei der Bahn – Fernbuslinien, Fuhrunternehmen und Taxi-Vermittler hoffen auf gute Geschäfte

shz.de von
04. Mai 2015, 19:39 Uhr

Fahrgäste zwischen Flensburg und München müssen sich in Geduld üben, Norddeutschlands Unternehmer fluchen wie auch ihre Leidensgenossen überall in der Republik, die Vertreter der Landes- und Bundespolitik reagieren zunehmend gereizt auf das Vorgehen der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) und ihres Vorsitzenden Claus Weselsky. Deutschlands Konzerne fürchten durch den knapp einwöchigen Bahnstreik einen Schaden von bis zu einer halben Milliarde Euro. Doch es gibt auch jene, die sich angesichts des Rekord-Ausstandes der Lokführer die Hände reiben können – Fernbus-Linien, Taxi-Vermittler und Fuhrunternehmen rüsten auf.

Das klassische Fuhrunternehmen mit LKW habe „gut zu tun zur Zeit“, sagt Thomas Rackow, Geschäftsführer vom Verband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung in Neumünster. Spediteure, die auf die Schiene setzten, seien jetzt hingegen „in der Bredouille“ und auf der Suche nach Alternativen. Mit allen Möglichkeiten werde versucht , auf der Straße Kapazitäten freizumachen, so der Verbandsgeschäftsführer weiter. Zusätzliche Lastwagen würden angemietet. Für Fuhrunternehmen ist der Arbeitskampf so beste Werbung. „Die Bahn verspielt sich auch sehr viel, weil sie für Spediteure unkalkulierbar wird“, gibt der Geschäftsführer des Logistikverbands zu bedenken. Nach Angaben von Uli Wachholtz vom Unternehmensverband Nord (UVNord) sind vor allem der Hamburger Hafen, die Stahl- und Chemische Industrie sowie Teile der Ernährungswirtschaft betroffen. „Das Agieren der GDL zeigt, dass diese Gewerkschaft zunehmend zum echten Standortrisiko wird.“

Für die Bahn geht es indes zunehmend um das „Image als verlässlicher Verkehrsträger“, wie Logistik-Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch gestern warnte – kurz vor Beginn des angekündigten 138-Stunden Streiks im Güterverkehr.


Nachfrage nach Fernbus-Tickets steigt


Dabei ist der Transport auf der Schiene im Vergleich mit den Alternativen bereits jetzt im Hintertreffen. Nach Angaben von Logistik-Experte Rackow werden 75 Prozent des Güterverkehrs im Norden über die Straße abgewickelt. 12 bis 13 Prozent seien es auf der Schiene.

Auch beim Personenverkehr, wo die Streiks heute beginnen, reiben sich Konkurrenten die Hände. „Unsere Fahrgäste sind mittlerweile streikerfahren“, sagt Bettina Engert, Sprecherin des Fernbus-Anbieters Flixbus. Vergangene Streiks haben Flixbus und anderen Fernbus-Linien zeitweilig Rekordzahlen beschert. Auch seit Bekanntwerden des neuerlichen Streiks sei die Nachfrage nach Tickets wieder stark angezogen, bestätigt Engert. „Wir haben teilweise bis zu fünfmal mehr Zugriffe auf unseren Internetseiten“, so die Sprecherin des Unternehmens, das erst kürzlich mit dem einstigen Konkurrenten MeinFernbus zusammengegangen ist und unter anderem Verbindungen von und nach Flensburg, Kiel, Neumünster und Lübeck unterhält. Zusätzliches Personal werde rekrutiert, so Engert.

Die in Hamburg angesiedelte App MyTaxi hat für die Streikzeit sogar extra eine Rabatt-Aktion gestartet. Seit gestern und noch bis zum 17. Mai fahren Kunden in über 40 Städten weltweit – darunter in Lübeck und Hamburg – für die Hälfte des Preises, teilte die Daimler-Tochter mit.

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