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Institut für Weltwirtschaft : Preiskampf in der Wirtschaftsforschung

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Das Kieler Institut für Weltwirtschaft fliegt aus dem renommierten Beraterkreis der Bundesregierung - schuld soll die günstigere Konkurrenz in Berlin sein.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 09:41 Uhr

Kiel | Zweimal im Jahr - im Herbst und im Frühjahr - machen die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute der Bundesrepublik mit ihren Wachstumsprognosen Schlagzeilen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) wird künftig nicht mehr dabei sein, wenn es um das Gutachten über die "Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft" geht - erstmals seit mehr als 60 Jahren.
Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium habe am Freitag mitgeteilt, dass das Konsortium aus Kieler IfW-Wirtschaftswissenschaftlern und dem Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung für die "Gemeinschafts-Diagnose Herbst 2013 bis Frühjahr 2016" keinen Zuschlag erhalten hat, bestätigte gestern Kiels Chef-Gutachter Joachim Scheide. Man bedaure diese Entscheidung, so Scheide. Zugleich bestätigte er, dass die Bewerbung Kiels am Geld gescheitert ist. "Das Konsortium hat ein Angebot vorgelegt, das qualitativ ein hohes Niveau aufweist. Dies wird vom Auftraggeber bestätigt. Ausschlaggebend für die Absage ist der zu hohe Preis", sagte Scheide. Man habe auf den alten Preis "im Wesentlichen die zwischenzeitlich eingetretenen Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst" aufgeschlagen. Das Berliner DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), das im Wettbewerb die Nase vorn hatte und die Kieler rauskegelte, hat nach Einschätzung von Insidern "ein Dumpingangebot abgegeben, um wieder ins Geschäft zu kommen". Das DIW kehrt damit nach sechsjähriger Abstinenz und etlichen internen Querelen in das Gremium zurück.

Verlust an Renommee und Geld


Mitglied im Club der Prognose-Institute zu sein, hat viel mit Renommee zu tun. Noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass die Institute einen Großteil ihres Budgets aus Forschungsaufträgen und Gutachten (den sogenannten Drittmitteln) finanzieren müssen. Das Kieler Institut verliert durch den Rauswurf jetzt etwa 300 000 Euro, erläuterte IfW-Sprecher Jürgen Stehn. "Das sind zehn Prozent unseres Drittmitteletats von drei Millionen Euro." Mit dem Geld wurden Mitarbeiter finanziert, die Fakten über Geschäftsklima, Auftragseingänge, Einzelhandels- und Industrieumsätze, Arbeitsmarkt, Zinsen, Aktienkurse für die Gutachten aufgearbeitet haben. Die Entscheidung in Berlin sei zwar "absolut überraschend gekommen", aber auch kein Beinbruch, so Stehn. Man werde aus den Erfahrungen lernen. Gleichzeitig betonte er, dass das hochqualifizierte Personal - "wir beschäftigen keine Unerfahrenen, selbst wenn die weniger kosten" - auch künftig die national und international hochgeschätzten Konjunkturprognosen erstellen werde. "Ob wir das mit den vorhandenen Mitteln noch viermal im Jahr machen werden wie bisher oder vielleicht nur dreimal, wird in Kürze entschieden", so Stehn.
Jahrelang war das IfW - idyllisch am Kieler Hindenburgufer gelegen- in der Liste der sechs führenden Institute der Bundesrepublik die unbestrittene Nummer eins. Seit den Tagen des berühmten Ökonomen Herbert Giersch, der das Institut von 1996 bis 1989 leitete, galt Kiel als Hochburg der wissenschaftlichen Politikberatung in Deutschland. Giersch selbst war damals Gründungsmitglied des Sachverständigenrates.

Bedauern vom Wirtschaftsminister


Kiels Wirtschaftsminister Reinhard Meyer(SPD) bedauerte gestern den Rauswurf des IfW, "das eine Perle in der Wissenschaftslandschaft von Schleswig-Holstein" sei. "Besonders bedauerlich ist dies, zumal das IfW noch im vergangenen Jahr überaus glänzend von der Leibniz-Gesellschaft evaluiert worden ist", sagte der Minister in der Landeshauptstadt.
Auch wenn das IfW selbst für die nächsten fünf Jahren aus dem Rennen ist, Schüler des Kieler Instituts werden trotzdem an den Prognosen mitarbeiten: Vor vier Jahren hat sich eine Gruppe junger IfW-Ökonomen mit einem eigenen Institut (Kiel Economics) selbstständig gemacht und ist eine Kooperation mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) eingegangen. Gemeinsam erarbeiten sie die Frühjahrs- und Herbstgutachten auch in den kommenden Jahren. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut aus Essen (RWI) und das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo), die bislang schon dem Konsortium angehörten, behalten ihren Status. Wer innerhalb des Konsortiums künftig für die Mittelfristprognosen (bislang Mannheim) zuständig sein wird und wer den Kieler Part der Kurzfristprognosen übernimmt, ist derzeit noch unklar.
Trotz der nationalen Niederlage führt international am IfW nach wie vor kein Weg vorbei: Das zeigt das aktuelle Ranking von internationalen Think Tanks, das die University of Pennsylvania regelmäßig erstellt. Unter den Denkfabriken für globale Wirtschaftspolitik landete das Kieler Institut kürzlich auf Rang vier und ließ dabei auch renommierte US-Institutionen wie etwa das National Bureau of Economic Research (Platz 8), die Rand Corporation (Platz 9) oder die Heritage Foundation (Platz 14) hinter sich. Internationale Spitzenforschung habe ihren Platz in Kiel, betonte auch IfW-Präsident Professor Dennis J. Snower kürzlich.
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