Probleme in SH und Hamburg : Post-Streik 2015: Millionen Briefe liegen in Zelten

In der dritten Streikwoche beklagen erste Unternehmen Verluste. Die private Konkurrenz der Deutschen Post legt zu.

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25. Juni 2015, 20:21 Uhr

Kiel | In Kiel musste die Deutsche Post schon Zelte anmieten, in Lübeck und Elmshorn große Hallen. Darin werden Millionen Briefsendungen zwischengelagert, weil in der dritten Streikwoche die Postverteilzentren überquellen. Nach Verdi-Angaben beteiligen sich mittlerweile in Hamburg 1600 und in Schleswig-Holstein 1700 Post-Mitarbeiter am Arbeitskampf, der zunehmend nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Unternehmen nervt.

„Die Beschwerden nehmen deutlich zu. Die Auswirkungen auf das Handwerk sind mehr als unerfreulich“, schlug am Donnerstag der Sprecher der Handwerkskammer Lübeck, Ulf Grünke, Alarm. Mitglieder würden finanzielle Verluste erleiden, weil sie von Sendungen ihrer Zulieferer abgeschnitten seien und Kundenaufträge nicht fristgerecht erfüllen könnten. Zudem gehe ihre Liquidität zur Neige, weil Rechnungen nicht zugestellt und deshalb auch nicht bezahlt würden.

Auch die Vereinigung der Unternehmensverbände Nord (UV-Nord) hat genug vom Streik. „Die ersten ein, zwei Wochen hat es nur genervt, ohne größere wirtschaftliche Folgen nach sich zu ziehen. Mittlerweile ist diese Erträglichkeitsschwelle deutlich überschritten“, sagte Hauptgeschäftsführer Michael Thomas Fröhlich. Es gebe Unternehmen, die Boten einsetzen oder Briefe mit Mietwagen sogar bis nach Süddeutschland fahren.

Betroffen sind auch Behörden. In Malente musste jüngst die Sitzung des Werkausschusses abgesagt werden, weil Einladungsfristen nicht zu halten waren. Der Landtag erhält sonst einen VW-Bus voller Post. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil, wie Sprecher Tobias Rischer berichtet. Dem Ende des Streiks sieht er mit gemischten Gefühlen entgegen, „dann fährt hier ein Lkw vor“.

Auch der Insolvenzverwalter von Prokon musste auf den Post-Streik reagieren. Er musste eine wichtige Frist für die Inhaber von Genussrechten an der angeschlagenen Windenergiefirma verlängert. Anleger, die sich weiter an Prokon als Genossenschaft beteiligen wollen, können noch bis zum 1. Juli eine entsprechende Zustimmungserklärung einsenden.

Doch ein Ende ist nicht in Sicht. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi versammelten sich am Freitag in Hamburg rund 1200 Beschäftigte, um ihren Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten und 5,5 Prozent mehr Gehalt Nachdruck zu verleihen. In Kiel seien es rund 700 und in Lübeck etwa 500 Teilnehmer gewesen. Während der Demonstrationen sei der Betrieb in drei Postbankfilialen komplett eingestellt worden.

Um ihr Anliegen noch einmal zu verdeutlichen, schickten Streikende laut Verdi jeweils ein Expresspaket an den Hauptaktionär des Bundes, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Auf dem Paket forderten sie ihn den Angaben zufolge auf, dass er die Politik der Deutschen Post AG mit der Zerschlagung des Unternehmens nicht weiter dulden und mittragen solle. Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner zeigte sich auf der Kundgebung in Kiel mit den Streikenden solidarisch. „Der Konzern begeht mit der Umstrukturierung Tarifflucht und Flucht aus der Mitbestimmung.“

Der Konflikt entzündet sich an 49 neuen Paketgesellschaften. Die dort beschäftigten 6000 Boten werden nicht nach dem Haustarif der Post bezahlt, sondern erhalten die niedrigeren Löhne der Logistikbranche. Dennoch ist bei vielen Bürgern die Geduld am Ende, und im Kieler Callcenter der Post schießen die Beschwerdezahlen durch die Decke. Verfallene Warengutscheine, Verspätungszuschläge bei Rechnungen, „verschollene“ Wohngeld-Anträge und Mietverträge sorgen landesweit für Frust.

Die Behauptung der Post, 80 Prozent der wöchentlich 13,5 Millionen Briefe und 600.000 Paketsendungen im Norden kämen pünktlich an, glaubt kaum jemand mehr. „Die Streikenden sollten aufpassen, dass sie nicht an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen“, warnt UV-Nord-Chef Fröhlich.

Immer mehr Kunden entscheiden sich für die privaten Konkurrenten der gelben Post. Die Schleswig-Holstein-Brief GmbH als Mitglied des Nordbrief-Verbundes etwa freut sich über einen Kundenzuwachs von 15 Prozent seit Streikbeginn. „Den gilt es nun zu halten, wenn der Streik vorbei ist“, meint Geschäftsführer Michael Ganz.

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