Regionale Wirtschaft : Polnische "Pflegehelden" sorgen für Rundum-Betreuung

Schließen eine Marktlücke: Martin Wysocki (li.) und Philip Walter vermitteln polnische Betreuerinnen in deutsche Familien. Foto: Götz
Schließen eine Marktlücke: Martin Wysocki (li.) und Philip Walter vermitteln polnische Betreuerinnen in deutsche Familien. Foto: Götz

Vermittlung boomt: Eine Firma vermittelt polnische Betreuerinnen in deutsche Familien.

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31. August 2010, 08:48 Uhr

Itzehoe | Der Schock traf die Familie im Februar. Gerade erst hatte die 81-jährige Mutter den Tod ihres Mannes verkraftet, da wurde bei ihr ein Gehirntumor diagnostiziert. Plötzlich stand die Dithmarscher Familie vor einem riesigen Problem. Denn der größte Wunsch der Seniorin war: Sie möchte nicht ins Pflegeheim, sondern die letzten Monate zuhause verbringen. Gerne wollten die Angehörigen ihr diesen Herzenswunsch erfüllen. Aber wie? "Meine Frau und ich sind berufstätig. Wir können die Betreuung nicht leisten", sagt der 46-jährige Sohn Kai Thomsen. Ähnlich sieht es bei den Geschwistern aus.

Auf der Suche nach einer Lösung landete Kai Thomsen bei den "Pflegehelden". Die Itzehoer Firma vermittelt polnische Kräfte zur Rundum-Betreuung in deutsche Haushalte - und schließt damit eine Marktlücke. Daran dachten die drei Geschäftsführer Martin Wysocki (31), Philip Walter (34) und Simon Brzezinski (32) noch gar nicht, als sie nach dem gemeinsamen BWL-Studium an der Fachhochschule Westküste im Jahr 2005 eine Firma gründeten, die Hilfeleistungen für Senioren anbot. "Doch dann wurde die Betreuung im Haus immer mehr nachgefragt", erklärt Martin Wysocki. Schnell rückte Polen ins Blickfeld. Nicht nur, weil es schwierig war, deutsches Personal zu finden. Zwei der Geschäftsführer haben auch ihre Wurzeln in Polen.

Alles sei absolut legal, betont Philip Walter. "Seit dem EU-Beitritt 2004 gelten das Entsendegesetz und die Niederlassungsfreiheit in der EU." Wysocki erklärt, wie es funktioniert: "Ein polnischer Pflegedienst stellt Polinnen ein und meldet sie in Polen als Arbeitskräfte an." Deutsche Agenturen wie die "Pflegehelden" stellen den Kontakt zu den Pflegediensten her, die dann eine Betreuerin in die deutsche Familie schicken. Dort wohnt sie, kümmert sich um den Haushalt und übernimmt leichte pflegerische Aufgaben wie Hilfe beim Anziehen, Waschen und Essen. Für die Polinnen sei das normal, sagt der 31-Jährige. "In Polen leben viele in Drei-Generationen-Familien. Man wächst damit auf, die Großeltern zu pflegen."

Die Nachfrage boomt. Auf 400 bis 500 Vermittlungen kommen die "Pflegehelden" bundesweit im Jahr. Vor allem im Ruhrgebiet, in Bayern und in Großstädten ist die Nachfrage groß. Um die persönliche Betreuung zu sichern, wird gerade ein Franchise-System aufgebaut. Und bald werde man die Kooperation wohl auf weitere osteuropäische Länder ausweiten müssen, meint Walter. Das Ganze sei eine "riesen Lücke, die in Deutschland gar nicht abgedeckt wird". Für die Betroffenen sei es oft der letzte Ausweg - und häufig komme es auch billiger als die Betreuung im Heim oder durch einen Pflegedienst.

"Es ist eine gute Sache, wir sind superzufrieden", sagt auch Kai Thomsen. Im Haus der Mutter in Heide wurden Zimmer für die Betreuerin hergerichtet, die 58-Jährige gehöre "ein Stück weit" zur Familie. "Wir besprechen alles mit ihr." Und auch die kranke Mutter habe sich "voll damit identifiziert". Es sei wichtig, dass sich die Betreuerin wohlfühlt, nicht ausgenutzt werde. "Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist es genau das Richtige", sagt Kai Thomsen. "Und es ist traurig, dass so etwas nicht gefördert wird."

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