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Spargelernte : Polnische Erntehelfer: Harter Job mit viel Fingerspitzengefühl – und wenig Lohn

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Spargelsaison in diesem Jahr lässt zu wünschen übrig. Es ist zu kalt. Geerntet werden muss dennoch. Jeden Tag. Keine leichte Arbeit.

von
erstellt am 08.06.2015 | 20:45 Uhr

Bargenstedt | Es dauert keine Stunde, da wollen der Zeige- und Mittelfinger nicht mehr. Keine Kraft mehr. Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet diese beiden Finger sind, die bei der Spargelernte als erste schmerzen? Dabei ist noch so viel Feld übrig, das abgeerntet werden soll. Und dann noch eines. Und noch eines.

„Spargel ist das am häufigsten angebaute Freilandgemüse“ schrieb das Statistische Bundesamt 2013. In dem Jahr erreichte die Ernte in Deutschland fast die Marke von 100.000 Tonnen. Rekordjahr war laut der Statistik 2011 mit 103.500 Tonnen. Noch im Jahr 2000 betrug die hiesige Spargelernte nur 51.000 Tonnen. In Schleswig-Holstein sind Aukrug und Lauenburg traditionelle Spargelanbaugebiete.

Um sechs Uhr beginnt die Arbeit auf dem Feld. Der Spargel wächst in etwa einem halben Meter hoch aufgehäuften Erdwällen, die rundum festgeklopft sind. Er zeigt sich mit kleinen Rissen an der Oberfläche – denn die gut dreißig Zentimeter lange weiße Stange darf nicht den Boden durchbrechen. Sobald sie Licht sieht, wird ihre Spitze rötlich-violett und der Spargel verändert seinen Geschmack. Er wird kräftiger, würziger – und das mögen die Deutschen nicht. Also gilt es, ihn vor dem Durchbrechen zu ernten.

Dazu wird die Stange freigelegt. Mit dem Zeige- und Mittelfinger wird die Erde rechts und links von ihm etwa zwanzig Zentimeter tief weggeschoben. Gerade nach dem vielen Regen der letzten Tage geht das in die Finger, denn der Boden hat sich vollgesogen, ist schwer und kompakt geworden. Liegt der Spargel vorne und an den Seiten frei, kommt das Spargelmesser zum Einsatz. Es ist eine etwa 50 Zentimeter lange Stange, deren Spitze in einem 25 Grad-Winkel absteht. Es wird am Spargel entlang noch einmal zirka fünf Zentimeter tiefer mit der Spitze nach vorne in den Boden gestochen und dann mit einem leichten Ruck nach hinten gedrückt, um den Spargel abzuschneiden. Anschließend wird die Erde rund um den Spargel noch einmal mit dem Klammergriff abgesucht, da Spargel nicht selten in Gruppen wächst. Wenn keine weitere Stange zu finden ist, wird die Erde mit einer Putzkelle wieder in das Loch gezogen und festgedrückt.

 

So weit zur Theorie. Robert Ciemlicki macht es ein-, zwei, dreimal vor. Er spricht dabei nicht viel. Zeigt einfach wie es geht und legt die Stangen in seinen Erntekorb. „Gut?“, fragt der 51-Jährige dann. „Dann du!“ Doch es ist schwer, eine Spargelrissstelle zu erkennen. Der Regen hat seine Spuren auf dem Erdwall hinterlassen. Überall sind kleine Trocknungsrisse – oder sind das doch Spargelspuren?

Ciemlicki hat kein Problem, den Unterschied zu erkennen. Er erntet seit 24 Jahren Spargel auf dem Hof der Familie Bothmann. Ein Kumpel hatte ihn auf diese Möglichkeit, in Deutschland Geld zu verdienen, damals hingewiesen. Und so erntet er nun sieben Wochen im Jahr Spargel – den er selber gar nicht isst. „In Polen kommt diese Mode jetzt erst von Deutschland rüber“, sagt er.

Er weist auf einen Riss im Wall. „Da.“ Die Erde muss nun also vorsichtig mit Zeige- und Mittelfinger gelockert werden, bis sich die Spargelspitze zeigt, dann rechts und links davon die Erde abziehen. Wie ein Paarhufer, der ein Loch gräbt. Anschließend den Spargel mit dem Messer abschneiden, das Loch mit der Kelle verschließen – fertig. Der erste selbst geerntete Spargel liegt im Korb. Gemeinsam geht es nun auf die Suche nach weiteren Stangen. Am Ende der rund 150 Meter langen Reihe liegen zwölf im Korb – der von Ciemlicki hingegen ist halb voll. Dennoch lässt er seinen Spargellehrling nun mit der nächsten Reihe alleine.

Es ist gar nicht so einfach. Nicht nur das Entdecken der Risse – wie viele von ihnen entpuppen sich als bloße Wasserspuren – auch das Freilegen und Stechen. Spargel ist einerseits ein sehr robustes, zugleich aber auch ausgesprochen zartes Gewächs. So ist eine Spitze beim ersten Freilegen schnell einmal abgebrochen, wenn sie nicht wirklich mittig zwischen Mittel- und Zeigefinger liegt. Und ist die Stange nicht sauber abgetrennt, trennt sich beim Rausziehen wieder die Spitze vom Rest ab, der damit wertlos geworden ist. Und auch beim weiteren Freilegen können noch tieferliegende, nicht voll ausgewachsene Stangen abgebrochen werden.

Nach den ersten drei-, vier Fehlgriffen und entsprechenden Brüchen macht sich schlechtes Gewissen breit. Schließlich ist jede einzelne Stange bares Geld und der Bauer soll für diese Lehreinheit nicht draufzahlen. Doch es sind nicht die einzigen Spitzen, die an diesem Tag brechen. Das passiert auch Ciemlicki und seinen fünf polnischen Kollegen. Doch schnell ist es auch bei Ungeübten eine Seltenheit. Spargelernte braucht halt Fingerspitzengefühl.

 

Nach drei Stunden ist Feld eins abgeerntet. Frühstückspause. Ciemlicki sitzt vorne in dem VW-Bus mit dem die Ernte transportiert und die Erntehelfer von Feld zu Feld gefahren werden. Er ist der, der am längsten bei den Bothmanns arbeitet – das macht ihn zum Chef auf dem Feld. Das und die Tatsache, dass er der einzige der sechs Polen ist, der Deutsch sprechen kann. Fast ein Viertel Jahrhundert kommt er nun schon jeden Mai von der polnisch-russischen Grenze, wo er eine Heißmangel betreibt, nach Dithmarschen, um für die Deutschen ihren Spargel zu ernten. In der Regel hat er damit immer gutes Geld verdient.

Diese Saison allerdings ist nicht gut. Es ist zu kalt, der Spargel will nicht wachsen – und die Männer können darum nicht arbeiten und Geld verdienen. Sieben Euro plus kostenloser Logis bekommen sie pro Stunde auf dem Feld. Wenn es warm ist, so um die 25 Grad Celsius, und die Sonne scheint, sprießt der Spargel. Dann kann er an einem Tag schon mal zehn Zentimeter wachsen und die Wachstumsfugen auf den Erdwällen liegen dicht an dicht. In diesem Jahr nicht. Am Ende des Tages werden es für Ciemlicki und seine Kollegen gerade einmal fünf Arbeitsstunden gewesen sein. Rund 60 Kilogramm werden sie aus dem Boden gegraben und geschnitten haben – zwanzig Kilogramm pro Feld.

„Das ist eine Katastrophe“, sagt Dörte Kollath. Gemeinsam mit ihrem Bruder Uwe Bothmann, ihrem Mann Dieter und ihrer Schwägerin Annegret hat sie den Spargelhof von den Eltern übernommen. Die vier betreiben ihn im Nebenerwerb, wobei nur Dörte Kollath noch als Arzthelferin arbeitet, die anderen drei sind bereits in Rente.

Gemeinsam mit ihrem Bruder und dessen Frau nimmt Kollath den geernteten Spargel in Empfang. Die Stangen werden grob vorgewaschen und dann von Uwe Bothmann auf ein Fließband gelegt. Sie werden nun automatisch gereinigt, die unteren Enden werden abgeschnitten. Anschließend sortieren die Frauen die Stangen nach Größe und schneiden kleine Blattansätze ab.

Die meisten Stangen wandern heute in die Kiste mit der Ausschussware. „Die essen wir dann“, sagt Kollath. Sie haben kleine bräunliche Verfärbungen, sind aber ansonsten vollständig intakt. Kaufen wolle sie dennoch keiner mehr – obwohl sie nicht anders schmeckten als die ganz weißen, sagt sie.

Der an diesem Tag geerntete Spargel reicht gerade einmal, um die bereits eingegangenen Bestellungen zu bedienen. „Ich kann gerade einfach nichts mehr annehmen“, sagt die 57-Jährige. Und das gehe nun schon die ganze Saison so. Da werden, sollte es nun doch noch warm werden, auch die letzten Erntewochen nicht mehr viel ausrichten können.

„Leid tut es mir vor allem für die Jungs“, sagt Kollath. Ihr Bruder nickt. „Die kommen her, um zu arbeiten, und dann sowas.“ Wirklich verdienen könnten die so nichts. Mehr zahlen kann sie bei einem Kilopreis von 7,50 Euro für ein Kilogramm Spargel der Klasse 1 aber auch nicht. Dabei sei das, was die Männer da machten, wirklich harte Arbeit – nicht nur für die Finger. Vor allem wenn es so regnet wie in den letzten Wochen und der Boden ganz schwer wird.

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