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Problemstadt : Pleiten, Pech und Pannen: Das große Schweigen von Lübeck

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die vermeintlich überraschende Häufung von Pleiten, Pech und Pannen zeigt vor allem eins: Wenn es um Informationen geht, wird in Lübeck nach Strich und Faden rumgeeiert.

Lübeck | Flughafen mal wieder insolvent, Hansemuseum über Nacht mit neuer Direktorin, der Konzertsaal gesperrt. Nachrichten aus Lübeck klingen selten fröhlich in diesen Tagen. Ein Unstern stünde über der Stadt, könnte man denken.

Der Flughafen Lübeck: Insolvenz 2.0

Juhu. Klaus Pannen, Insolvenzverwalter, Chen Yongqiang, Käufer des Flughafens Lübeck, Bernd Saxe (SPD), Bürgermeister Lübecks und Yong Huiqun, Generalkonsul Chinas in Hamburg, (l.-r.)beim Festakt anlässlich des Kaufs des Flughafens Lübeck durch die chinesische PuRen-Group.
Juhu. Klaus Pannen, Insolvenzverwalter, Chen Yongqiang, Käufer des Flughafens Lübeck, Bernd Saxe (SPD), Bürgermeister Lübecks und Yong Huiqun, Generalkonsul Chinas in Hamburg, (l.-r.)beim Festakt anlässlich des Kaufs des Flughafens Lübeck durch die chinesische PuRen-Group. Foto: dpa


Klaus Pannen kennt sich aus am Lübecker Flughafen. Der Hamburger Anwalt hat hier schon einmal eine Insolvenz begleitet; jetzt verwaltet er die zweite. Keine 14 Monate hat der chinesische Investor Yongqiang Chen mit seiner PuRen Germany GmbH durchgehalten, bis Geschäftsführer Peter Steppe Insolvenz anmelden musste. Aus China kommt kein Geld mehr. Mitgeteilt wurde das per Telefonat.

„Leider hat sich das seit einiger Zeit auf Talfahrt befindliche Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik China nun auch auf den norddeutschen Flughafen ausgewirkt“, hieß es am 30. September von „PuRen Germany GmbH gez. Dr. Peter Steppe“ – und das trotz zuletzt mehrerer verbuchter und gleich mit genannter Erfolge wie Eröffnung neuer Flugstrecken nach Riga und Skopje, Lizenzierung eines Wartungsbetriebes, Lizenzierung einer Flugschule, Ankündigung neuer Strecken nach Sofia und Bukarest ab 2016.

In Lübeck wurde Yongqiang Chen noch bis vor wenigen Wochen als Heilsbringer aus dem Reich der Mitte gefeiert. Er hatte den Flughafen selbst aus der vom vorherigen abgetauchten Besitzer Mohamad Rady Amar verursachten Insolvenz gekauft, und er hatte Großes im Sinn, sprach unter anderem von legendären 5000 Flugschülern pro Jahr in der Stadt. Im Sommer mehrten sich dann Irritationen. Statt Mitte des Monats wurden die Gehälter erst Ende August auf die Konten der Mitarbeiter überwiesen, vor diesem Hintergrund standen auch ausstehende Pachtzahlungen an die Stadt (aktuell etwa 100.000 Euro) und die Tatsache, dass Chen Anteile der PuRen Airlines GmbH verkauft hatte, in schlechtem Licht. Steppe indessen hatte beruhigende Antworten parat, nannte als eine Ursache für den Einbehalt von Pacht den schlechten Zustand zweier Hallen, und der geänderte Zahlungstermin sei den Mitarbeitern angekündigt gewesen. Keine fünf Wochen später ist die Pleite da.

Geld aus öffentlicher Hand wird nicht zur Hilfe fließen, das hat Verkehrsminister Reinhard Meyer gerade noch einmal unterstrichen. Die Stadt will und kann den Flughafen finanziell ebenfalls nicht stützen – und muss damit rechnen, im Falle einer Abwicklung des Flugbetriebs Fördergelder in Millionenhöhe an Land und EU erstatten zu müssen.

Unklar scheint offenbar auch zu sein, ob sich Herr Chen auf Dauer oder nur vorübergehend aus der Hansestadt zurückgezogen hat. Er soll rund neun Millionen Euro in Lübeck investiert haben. Steppe berichtete nun, er habe einen Anruf erhalten, „dass kein Geld komme“. Um die Gehälter der 84 Mitarbeiter bezahlen zu können, habe er zwei Tage später das Insolvenzverfahren beantragt. Das war an einem Mittwoch. Tags drauf wusste Pannen schon von einem ersten neuen Interessenten für den Flughafen zu berichten. Man darf gespannt sein. Es wäre der vierte private Investor, der am Lübecker Airport sein Glück versucht.

 

Das Hansemuseum: Die abservierte Direktorin

Abgesägt: Die Direktorin des Hansemuseums, Lisa Kosok.
Abgesägt: Die Direktorin des Hansemuseums, Lisa Kosok. Foto: dpa

 

Die Mitteilung war denkbar knapp formuliert, dafür umso überraschender: „Dr. Felicia Sternfeld, Direktorin des Theaterfigurenmuseums Lübeck, wird neue Direktorin des Europäischen Hansemuseums“, stand am Anfang. Es folgten ein paar dürre Zeilen, in denen die bisherige Chefin des Hauses, Lisa Kosok, die man nach angestrengter Suche erst wenige Monate vorher im Hamburg Museum aufgetan hatte, kurzerhand zur „Gründungsdirektorin“ umdekoriert wurde. Für ihre geleistete Arbeit sei man außerordentlich dankbar. „Für Rückfragen wenden Sie sich an: Renate Menken, Geschäftsführerin Europäisches Hansemuseum Lübeck gemeinnützige GmbH“. Tag der Staffelübergabe soll der 15. Oktober sein.

Lisa Kosok ist seit dieser Mitteilung nicht mehr zu sprechen und zum Arbeiten offenbar auch gar nicht mehr an ihren Platz im prächtigen Neubau an der Untertrave zurückgekehrt. Renate Menken entzieht sich Rückfragen, Felicia Sternfeld schweigt zur Sache. Gründe für den Wechsel wurden nicht einmal ansatzweise genannt, dafür Phrasen gedroschen. Ansonsten Stille. In solch einem Milieu gedeihen Spekulationen wie diese: „Intern aber gibt es Zweifel daran, ob das Hansemuseum die anvisierten 130.000 Besucher pro Jahr erzielen kann, auch über Finanzschwierigkeiten wird berichtet“, war beispielsweise vom NDR zu hören.

Renate Menken brauchte acht Tage, um sich für Schleswig-Holstein am Sonntag auf Fragen wie „Sie wollten zunächst nichts über die Gründe des Wechsels sagen. Bleibt es dabei? Wenn nicht: Welche Gründe gibt es?“ persönlich einzulassen. Gründe für den überraschenden Direktorinnenwechsel nennt sie immer noch nicht, denn das, sagt sie, „sollte man nicht machen, um niemanden zu beschädigen“ – und stemmt mit diesem Satz eine neue Spekulationskiste auf. Über Nacht sei diese Entscheidung indessen nicht gefallen, sagt sie. Mutmaßungen am Erfolg des Hansemuseums oder gar über Finanzschwierigkeiten wischt sie knapp und rigoros beiseite: „Das entbehrt jeglicher Grundlage“, sei teils amüsant teils unter der Gürtellinie. Dass noch immer Interesse am Vorgang bestehe, wundere sie; im Hansemuseum wollte sich niemand zu diesem Vorgang äußern, der Sprecher des Hauses war tagelang zu einer Fortbildung delegiert; aber, so die fröhliche Mitteilung auf die Frage, wer sich denn für presserelevante Fragen zuständig fühle, „im Moment liegt nichts Dringendes an“.

Selig das Haus, das ohne Hüter auskommt. Ersatz für Lisa Kosok, die gerade mal sechs Monate im Amt war und nun nach eigenem Bekunden (bisher nicht kommunizierte) „neue museologische Projekte“ übernehmen will, fand sich quasi im eigenen Haus: Das Theaterfigurenmuseum, das Sternfeld seit knapp einem Jahr leitet, wird von der Possehl-Stiftung getragen, deren Vorsitzende Renate Menken ist. Zweifel an der Qualifikation Sternfelds gibt es nicht. Zwar sei das Theaterfigurenmuseum viel kleiner als das Europäische Hansemuseum, aber die künftige Direktorin, habe vielfältige Erfahrungen im Kulturbereich. Wer künftig an der Spitze des Theaterfigurenmuseums steht, ist bis dato unklar. Bis zum Jahresende sei dieses Haus gut organisiert, sagt Menken, und außerdem werde Felicia Sternfeld ein Auge darauf haben.

 

Die Musik- und Kongresshalle: Huch, die Decke hält nicht

Gesperrt: Der Konzertsaal der Lübecker Musik- und Kongresshalle.dpa

Gesperrt: Der Konzertsaal der Lübecker Musik- und Kongresshalle.dpa

Foto: dpa
 

Gerade noch einmal gut gegangen? Gerade noch hatten 1500 Gäste im Konzertsaal der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) Platz genommen, wenige Stunden später war der Laden dicht, gesperrt wegen Baumängeln. Die existieren seit Eröffnung des Gebäudes, sind dem Vernehmen nach aber erst in diesem Jahr aufgefallen: Leitungen, die, statt an der Decke befestigt zu sein, auf – nicht mit Rauch- oder Brandmeldern ausgerüsteten – Zwischendecken lagen, zeigten sich nun als Problem, das sich durch das gesamte Gebäude zog und im Bereich des Konzertsaals nicht nur gegen Brandschutzauflagen verstieß, sondern auch die Statik in die Knie zwingt.

Zwecks Akustik-Verbesserung waren dort vor 21 Jahren Zwischendecken eingebaut worden. Für 25 Kilogramm pro Quadratmeter sind die Verankerungen zugelassen, in Lübeck tragen sie seit 21 Jahren 75 Kilogramm; betroffen ist vor allem der Zuschauerraum. Schon vorher bekannt waren Schäden an Fassade, Dach- und Kellerabdichtung. Ermittelt wird der Instandsetzungsbedarf seit Mitte August. Bauliche Probleme gibt es seit April, damals sei „eine leichte Durchbiegung einer abgehängten Trockenbau-Rasterdecke im Flurbereich beim Pförtnereingang festgestellt“ worden, heißt es seitens der Stadt. Ursache: „Lasten von Elektro- und Steuerleitungen, die auf der Unterkonstruktion der Decke auflagen“ – ein lokales Problem, dachte man zunächst und wartete den veranstaltungsreichen Frühling ab: „Aufgrund zahlreicher Veranstaltungen in der MuK während der Monate April und Mai konnte die systematische Kontrolle der Decken erst im Zeitraum Mitte Juni bis Mitte Juli intensiviert werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keine Anzeichen für weitere Gefährdungspotenziale in der MuK.“ Im Sommer wurde der MuK-Konzertsaal einmal mehr als einer der Hauptspielorte des Schleswig-Holstein Musik Festivals genutzt. Im Protokoll ist für Dienstag, 29. September 2015, 16.00 Uhr vermerkt: „Ordnungsverfügung seitens der Bauordnung zur Nutzungsuntersagung des Konzertsaals.“ Letzte Gäste im Konzertsaal sind um 19 Uhr die 1500 Besucher des Wirtschaftstages der Volksbanken Raiffeisenbanken.

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