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Flüsse und Seen in SH : Pestizid-Reste in fast allen Gewässern nachgewiesen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landwirte sollen weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen – Umweltminister Habeck bringt eine neue Steuer ins Gespräch.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck möchte eine bundesweite Debatte über eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel anstoßen – und neue Messergebnisse aus Flüssen, Bächen und Seen in Schleswig-Holstein verleihen ihm dabei Rückenwind. Demnach haben die Wasserbehörden in den Jahren 2010 bis 2014 in den Oberflächengewässern nahezu flächendeckend Wirkstoffe von Pestiziden nachgewiesen: an 298 von 327 Messstellen. Das entspricht einer Quote von 91 Prozent. In 58 Gewässern wurden die zulässigen Grenzwerte überschritten, heißt es in einem Bericht über die Rückstände, den Habeck heute im Landtag vorstellt.

In sechs Seen trat an 21 Stellen auch der Unkrautvernichter Glyphosat auf, sein Abbauprodukt Ampa in 20 Seen 57-mal. Die Weltgesundheitsorganisation stuft es als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Da die vom Umweltministerium veranlassten Messungen lediglich schlaglichtartig vorgenommen wurden, halten es die Autoren des Berichts für „nahezu ausgeschlossen, dass in den Proben die ökologisch besonders wirksamen Spitzenkonzentrationen erfasst werden konnten“ – mithin die tatsächliche Lage noch schlechter ist als dokumentiert.

Herbizide gegen Unkräuter und Gräser wurden landesweit festgestellt. Fungizide gegen Pilzkrankheiten tauchten vor allem im Östlichen Hügelland, der Marsch und den südlichen Teilen der hohen Geest auf, Insektizide in der Marsch und im Östlichen Hügelland. Bereits im Juni war bekannt geworden: Im Grundwasser wurden an 66 von 144 Messstellen Pestizid-Rückstände entdeckt, in 18 Fällen oberhalb der Grenzwerte.

„Es besteht Handlungsbedarf“, schlussfolgert Habeck. Um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren, bringt er eine Steuer oder Abgabe auf die Chemikalien ins Gespräch. In Dänemark, Schweden und Frankreich gibt es sie schon. „Dies könnte ein Anreiz für Landwirte sein, möglichst wenig Pflanzenschutzmittel einzusetzen“, lautet die Idee.

Wie genau sich der Plan gestalten ließe, hat Habeck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung untersuchen lassen. Das Gutachten präsentiert der Anwärter auf die Bundestags-Spitzenkandidatur der Grünen am 5. Oktober in Berlin. Er versteht dies als „Auftakt zu einer Debatte“ und beteuert, dabei den „enormen wirtschaftlichen Druck, unter dem viele Landwirte stehen“, im Auge zu haben. Daher sollten die Einnahmen aus einer etwaigen Steuer in die Landwirtschaft zurückfließen.

In den letzten 20 Jahren ist der Absatz von Pestiziden in Deutschland um 36,7 Prozent gestiegen, heißt es in einer Vorab-Zusammenfassung der Gutachter. Sie kalkulieren mit einem Basis-Abgabesatz von 20 Euro. Das bedeutete je Hektar und Jahr einen Preisanstieg um 40 bis 50 Prozent.

Während von Nabu-Landesgeschäftsführer Ingo Ludwichowski Beifall kommt, „da freiwillige Appelle nichts gebracht haben“, befürchtet der Bauernverband außer höheren Kosten Ertragsausfälle bei geringerem Pestizid-Einsatz. „Das würde unsere Position im internationalen Wettbewerb erschweren“, kritisiert Sprecher Klaus Dahmke. „Die Margen zahlreicher Betriebe sind schon eng genug.“ Auch müsse bedacht werden, dass ohne Pestizide sich teils für den Menschen giftige Pflanzen ausbreiten könnten.

Klaus-Dieter Blanck, Vorsitzender des Umweltausschusses beim Bauernverband, prophezeit: „Eine solche Steuer würde den Strukturwandel beschleunigen, liefe also auf das Gegenteil von dem hinaus, was Habeck sonst fordert – nämlich kleinere Betriebe zu erhalten.“

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erstellt am 18.Sep.2015 | 12:07 Uhr

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