zur Navigation springen

Museum Kunst der Westküste : „Paradise Papers“: Peter Harry Carstensen wehrt sich gegen Vorwürfe

vom

Das komplexe Unternehmenskonstrukt hinter dem Föhrer Museum Kunst der Westküste auf eine Stufe mit Nike oder Amazon zu stellen, sei unredlich, sagt der ehemalige Ministerpräsident.

shz.de von
erstellt am 09.Nov.2017 | 15:33 Uhr

Kiel | Der ehemalige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen wehrt sich gegen Anschuldigungen nach den NDR-Berichten zu den „Paradise Papers“. „Ich habe kein schlechtes Gewissen“, sagte Carstensen gegenüber shz.de. Es sei unredlich, wenn ein aus versteuertem Geld finanziertes Museum auf eine Stufe gestellt werde mit Wirtschaftsunternehmen wie Nike und Amazon. Die Konsequenzen des NDR-Berichts über die komplexen Unternehmensverhältnisse beim Museum Kunst der Westküste bleiben aber weiter unklar. Bei den Recherchen in den „Paradise Papers“ fanden Journalisten heraus, dass das renommierte Kunstmuseum auf Föhr über Briefkastenfirmen in Holland und auf der Kanalinsel Jersey läuft.

Wem genau gehört das Museum?
Das Museum Kunst der Westküste wurde 2009 vom Unternehmer Frederik Paulsen gestiftet, dessen Familie aus Alkersum/Föhr stammt. Es ist eine gemeinnützige GmbH (gGmbH). Laut dem NDR gehört diese zu 100 Prozent der in den Niederlanden registrierten Peloponnesus B.V., offenbar eine Briefkastenfirma nahe dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Das Kunstmuseum wurde mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 2,7 Millionen Euro von Land und EU gefördert.

Was ist eine gemeinnützige GmbH?
Die gGmbH wird von bestimmten Steuern ganz oder teilweise befreit. Dafür muss ihre Satzung und tatsächliche Geschäftsführung den Anforderungen des Gemeinnützigkeitsrechts entsprechen. Die Gewinne einer gGmbH müssen für den gemeinnützigen Zweck verwendet werden und dürfen grundsätzlich nicht an die Gesellschafter ausgeschüttet werden. Eine Gewinnausschüttung ist nur dann zulässig, wenn die Gesellschafter ihrerseits gemeinnützig sind.

Was ist eine niederländische B.V.?
„B.V.“ ist die Abkürzung für „Besloten vennootschap met beperkte aansprakelijkheid“, also eine niederländische Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Die Beratungsfirma für Firmengründungen „NeD Tax“ sieht eine B.V. vor allem bei hohen Gewinnen als vorteilhaft an. „Die B.V. bietet außerdem ihrem Geschäftsführer mit erheblichen Gesellschaftsanteilen für eine steuerlich begünstigte Altersvorsorge vielseitige Möglichkeiten“, empfehlen die Experten.

Wieso verknüpft man eine gGmbH und eine B.V.?
Die B.V. funktioniert in diesem Fall wie eine Holding. Die genauen Verflechtungen lassen sich nicht nachvollziehen. Eine operative Holding wird vor allem von Großkonzernen als Organisationsstruktur genutzt. Die Muttergesellschaft selbst ist aktiv auf dem Markt tätig. Die Tochtergesellschaften werden aus strategischen Gründen dazugekauft oder gegründet. Ein möglicher Grund: Sogenannte physische Betriebsvermögen gehören Tochtergesellschaften unter dem Dach der Holding, beispielsweise die Kunstsammlung und das Museum selbst. Tritt für eine der Holdingtöchter der Haftungsfall ein, sind die Werte der anderen vor dem Zugriff geschützt, da die Holding-Töchter nicht untereinander haften müssen.

Weiß man mehr über die Briefkastenfirma?
Ein Dokument, das im Bericht des „Schleswig-Holstein Magazins“ gezeigt wurde, weist zwei Mitarbeiter in dem holländischen Unternehmen Peloponnesus B.V. aus. Ihr gehören in Alkersum auf Föhr die gemeinnützige GmbH, Grethchens Gasthof – das Museums Café – sowie die „Nesos Vermögensverwaltung“. Hinzu kommt eine 100-prozentige Tochterfirma „Peninsula Art Services Ltd.“ auf der Insel Jersey im Ärmelkanal. Ihr gehört offenbar die Sammlung des Museums. Nach seinem Abschied als Ministerpräsident wird Peter Harry Carstensen in der Peloponnesus B.V. als Direktor geführt.

Was ist Ferring?
Ferring ist ein international agierendes Pharmaunternehmen, das 1950 in Schweden gegründet wurde. Der Hauptsitz ist in Saint-Prex in der Schweiz. Auf der Unternehmenshomepage wird es als „forschungsorientiertes biopharmazeutisches Unternehmen“ beschrieben. Schwerpunkte sind die Erforschung und Herstellung von Arzneimitteln auf der Basis von Peptiden. Zu den Produkten gehören Mittel gegen weibliche Unfruchtbarkeit oder zur Behandlung von Prostatakarzinomen. Ferring hat weltweit etwa 5000 Mitarbeiter in rund 60 Ländern. Der Hauptsitz der deutschen Niederlassung ist in Kiel mit etwa 500 Mitarbeitern. Bereits 2010 hießt es in einem Bericht des „Stern“, dass das „Firmenkonglomerat in allerlei Steueroasen vertreten“ ist. Alles offensichtlich ganz legal, allerdings auch sehr intransparent.

Was hat das Pharmaunternehmen mit Föhr zu tun?
Gründer des Pharmaunternehmens ist der Mediziner Frederik Paulsen. Seine Eltern stammen von der Nordseeinsel Föhr. Aus dem friesischen Namen der Insel leitet sich auch der Unternehmensname Ferring ab. Paulsen selbst wuchs allerdings auf dem Festland in Dagebüll und später in Kiel auf, da sein Vater dort bessere Bildungsmöglichkeiten für ihn sah. Das Friesische wurde für den Kieler Medizinstudenten Paulsen wichtig, nachdem er von den Nationalsozialisten verhaftet wurde, weil er einen Zeitungsartikel übersetzt und mit und einer Flugblattaktion bekannt gemacht hatte. Während seiner 18-monatigen Gefängniszeit entwickelte er eine enge Beziehung zu einem Amrumer. Beide unterhielten sich auf Friesisch, so dass man sie nicht verstehen konnte. „Die mögliche Funktion des Friesischen als eine Geheimsprache war für Frederik Paulsen eine wichtige Erfahrung“, berichtet die Ferring-Stiftung. Mit der Gründung der Ferring-Stiftung 1988 in Alkersum hat er für Föhr und Nordfriesland eine Institution geschaffen, die auf einem gesicherten wirtschaftlichen Fundament hilft, die eigene Sprache und Kultur zu bewahren. Frederik Paulsen starb am 3. Juni 1997 in seinem Haus in Alkersum im Alter von 88 Jahren.

Wer ist Frederik Paulsen junior?
Frederik Paulsen junior studierte Chemie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Universität Lund sowie Betriebswirtschaft an der Universität Lund. 1988 übernahm er von seinem Vater das Familienunternehmen Ferring, welches damals 15 Millionen Schweizer Franken Umsatz generierte. Heute rangiert er mit geschätzten 2,75 Milliarden Schweizer Franken Vermögen unter den 300 reichsten Schweizern. Die operative Führung von Ferring hat er mittlerweile abgeben. Paulsen fördert auf verschiedenen Gebieten Kultur und Forschung. So setzt er beispielsweise die Arbeit seines Vaters an der Ferring-Stiftung fort und unterstützt Forschungen auf dem Gebiet der Endokrinologie an der CAU Kiel oder eine Antarktis-Expedition. 2010 erhielt Paulsen die Ehrenbürgerwürde von der Uni Kiel.

Welche Rolle spielt Peter Harry Carstensen?
Peter Harry Carstensen gilt als langjähriger enger Vertrauter des jüngeren Frederik Paulsen. Neben der Freundschaft gibt es auch mehrere finanzielle Verbindungen zwischen den Männern, die der „Stern“ 2010 offenlegte. Unter anderem wurden die öffentlichen Fördergelder für den Museumsbau nach Angaben des NDR im Oktober 2005 durch das Amt für Ländliche Räume Husum und das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume bewilligt - ein halbes Jahr nachdem Carstensen Ministerpräsident geworden war. Von ihm kam der Vorschlag, diese Gelder zu beantragen. Nach seiner Amtszeit wurde Carstensen einer der Direktoren der Peloponnesus B.V. Die drei Direktoren des Museums erhielten dem NDR zufolge im Geschäftsjahr 2014 zusammen 90.000 Euro, 2015 sind es 45.000 Euro gewesen. Für die übrigen Jahre mache die Firma keine Angaben, heißt es.

Wie viel davon Carstensen erhielt, ist unklar. Doch auch ohne dass die genaue Summe bekannt ist, steht Carstensen in der Kritik. Wenn Politiker kurz nach ihrem Ausscheiden aus Regierungsämtern neue Tätigkeiten in der Privatwirtschaft ergreifen, in denen sie unter Umständen vom eigenen Regierungshandeln profitieren, werde dies zu Recht kritisiert, sagte die SPD-Finanzpolitikerin Beate Raudies am Donnerstag.

Auch Carstensens CDU profitierte von Ferring: Über die Firma und aus privaten Mitteln spendete Paulsen zwischen 2002 und 2010 nach Informationen von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ insgesamt rund 568.000 Euro an die CDU.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen