Helgoland und Henstedt-Ulzburg : Paracelsus-Kliniken stellen Insolvenzantrag in Eigenregie

Blick auf ein Schild der Paracelsus Kliniken in Osnabrück (Niedersachsen)
Blick auf ein Schild der Paracelsus Kliniken in Osnabrück (Niedersachsen)

Schlimme Nachricht für 5200 Beschäftigte der Paracelsus-Kliniken. Auch zwei Standorte in SH sind betroffen.

shz.de von
21. Dezember 2017, 17:40 Uhr

Osnabrück/Helgoland/Henstedt-Ulzburg | Die Paracelsus-Kliniken sind zahlungsunfähig. Am Donnerstag sei beim Amtsgericht Osnabrück ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt worden, teilte die Paracelsus-Kliniken Deutschland GmbH mit. Die seit Monaten anhaltende Liquiditätskrise der Paracelsus-Kliniken mit Hauptsitz in Osnabrück erreicht damit drei Tage vor Weihnachten einen dramatischen Höhepunkt. „Der Sanierungsbedarf ist entstanden, nachdem einzelne Standorte der Gruppe erhebliche Verluste geschrieben haben und dadurch die gesamte Klinikgruppe in finanzielle Schieflage geraten ist. Nun sollen im Zuge der Restrukturierung die defizitären Einrichtungen neu aufgestellt werden“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Die Paracelsus-Kliniken zählen mit rund 40 Einrichtungen an insgesamt 23 Standorten zu den großen privaten Klinikträgern in Deutschland.

Im Norden sind die Nordseeklinik auf Helgoland - ein Akutkrankenhaus und eine Parkinson-Klinik - sowie die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg) betroffen, die nach eigenen Angaben mit fast 70 Prozent eine der höchsten Facharztdichten in deutschen Krankenhäusern hat. Insgesamt umfasst der Konzern 40 Einrichtungen an 23 Standorten mit insgesamt 5200 Beschäftigten. In Schleswig-Holstein gibt es rund 500 Arbeitsplätze. Über die Zahl der Mitarbeiter in den beiden Kliniken in Schleswig-Holstein waren zunächst keine Angaben zu bekommen.

Die gute Nachricht für die Mitarbeiter: Mit dem Insolvenzantrag sind die Gehälter für zunächst drei Monate gesichert, die jetzt von der Arbeitsagentur als Insolvenzausfallgeld gezahlt werden. Der Klinikbetrieb laufe an allen Standorten und in allen Abteilungen unverändert weiter. Die medizinische, therapeutische und pflegerische Versorgung sei uneingeschränkt gesichert.

Zwei Generalbevollmächtigte

Die beiden Restrukturierungs- und Sanierungsexperten Andreas Ziegenhagen und Rechtsanwalt Daniel F. Fritz werden der Mitteilung zufolge die Geschäftsführung als Generalbevollmächtigte beraten. Ziel sei es, die Klinikgruppe durch eine „nachhaltige Sanierung für die Herausforderungen des Gesundheitsmarktes aufzustellen und eine optimale Gesundheitsversorgung für Patienten sowie weiterhin gute moderne und sichere Arbeitsplätze für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzubieten“.

„Die Entscheidung über die Eigenverwaltung ist ein starkes Signal des Gesellschafters. Wir sehen diesen Schritt als Chance. Eine Chance, die wir aus Verantwortung gegenüber den Patienten, den Mitarbeitern und auch aufgrund des Versorgungsauftrags, den die Paracelsus-Kliniken in ihren Regionen haben, nutzen werden“, wird Sanierungsexperte Ziegenhagen in der Mitteilung zitiert.

Betriebsrat trägt den Kurs mit

Das Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung ist ein Instrument, das einem Unternehmen die Chance gibt, aus sich selbst heraus die Wende einzuleiten. Das Insolvenzrecht lässt dieses Verfahren zu, wenn ein Unternehmen lediglich zahlungsunfähig zu werden droht und die angestrebte Sanierung erfolgversprechend ist. Große Unternehmen wie die Textilkette Sinn-Leffers haben das Verfahren erfolgreich abgeschlossen.

In den nächsten Monaten werde die Eigenverwaltung gemeinsam mit dem Management an einem Sanierungsplan arbeiten und diesen „konsequent umsetzen“, wie Unternehmenssprecherin Simone Hoffmann mitteilte. Diesen Kurs trägt die Arbeitnehmervertretung mit: „Wir werden den eingeschlagenen Weg in vollem Umfang und mit vollem Engagement unterstützen“, erklärte Gesamtbetriebsratsvorsitzende Sylvia Tausche.

Weihnachtsgeld nicht gezahlt

Die Zahlungsschwierigkeiten der Paracelsus-Gruppe zeigten sich in der Vorwoche ganz konkret: Die Geschäftsleitung teilte den Mitarbeitern mit, dass das Weihnachtsgeld nicht pünktlich ausgezahlt werden kann.

Im Juli hatte der Klinik-Konzern die Gewerkschaft Verdi aufgefordert, in Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag zu treten. Ziel war es, die Personalkosten zu senken, unter anderem durch Verzicht der Beschäftigten auf das Weihnachtsgeld. Verdi brach die Verhandlungen später ab, weil die Geschäftsführung nach Verdi-Angaben ein schlüssiges Sanierungskonzept schuldig blieb.

Verdi-Sekretär Sven Bergelin sagte, der aktuelle Lage sei ein „Ergebnis des jahrelangen Missmanagements“ und der „Ignoranz“ gegenüber den Beschäftigten, die auf Fehlentwicklungen hingewiesen hätten. Der Konzern habe es versäumt, rechtzeitig die Strukturen zu bereinigen. Dem Paracelsus-Konzern bescheinigt Bergelin insgesamt eine gute Perspektive. „Es gibt ja eine Menge Häuser im Konzern, die gute schwarze Zahlen schreiben“, sagte Bergelin.

Die Paracelsus-Kliniken Deutschland GmbH & Co. KGaA betreibt nach eigenen Angaben 17 Akut-Krankenhäuser (darunter ist die Einrichtung in Henstedt-Ulzburg im Kreis Segeberg), 13 Reha-Kliniken und neun ambulante Einrichtungen mit 5500 Beschäftigten. Die Kommanditgesellschaft auf Aktien ist eine Unternehmensform, die Strukturen einer Aktiengesellschaft und Kommanditgesellschaft verbindet. Eine KG auf Aktien hat keinen Vorstand, sondern einen persönlich haftenden Gesellschafter. Alleingesellschafter ist der Arzt Manfred Georg Krukemeyer.

Die Mutmaßung, die Paracelsus-Gruppe habe Liquiditätsprobleme, wiesen die beiden Geschäftsführer Gero Skowronek und Michael Schlickum im November noch nachdrücklich zurück. Der Konzern behaupte sich gut auf dem schwierigen Gesundheitsmarkt, hieß es. Allerdings benötige der Paracelsus-Konzern Mittel für Investitionen, die durch eine Senkung der Personalkosten frei werden sollten. Nach Gewerkschaftsangaben ist das Stammhaus in Osnabrück neben Karlsruhe eines der größten Sorgenkinder des Konzerns. Das Haus am Natruper Holz leide unter Strukturschwächen und zu hohen Kosten.

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