AKW Brokdorf : Oxidierte Brennstäbe geben Atomaufsicht Rätsel auf

Das Atomkraftwerk aktuell wieder in Betrieb zu nehmen, wäre laut Minister Habeck fahrlässig.

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01. März 2017, 11:51 Uhr

Brokdorf/Kiel | Nach Einschätzung der Atomaufsicht ist derzeit völlig unklar, wann das Atomkraftwerk Brokdorf wieder ans Netz gehen wird. „Dass es der 8. März wird, wie vom Betreiber inzwischen anvisiert, halte ich für unrealistisch“, erklärte Energieminister Robert Habeck (Grüne) am Montag. Es sei nicht hilfreich, ständig über neue Zeitpunkte zu spekulieren. „Stattdessen muss mit voller Konzentration die Ursache für die unerwartet starke Oxidierung der Brennstäbe geklärt werden.“ Die Ursache sei noch völlig unklar.

Das Atomkraftwerk Brokdorf im Kreis Steinburg soll nach dem Willen der Grünen im Bundestag und des Umweltministers Robert Habeck zwei Jahre früher stillgelegt werden als bisher geplant. Der Grund ist jedoch nicht nur eine atomkritische Haltung: Die Partei findet es vielmehr absurd, dass der Ausbau der Windkraft in Norddeutschland wegen fehlender Leitungen für den Stromtransport nach Süden besonders stark gebremst wird, andererseits die Produktion von Atomstrom aufrechterhalten wird.

Am Montag voriger Woche war bekanntgeworden, dass sich in Brokdorf an Brennstäben außergewöhnlich dicke Oxidschichten gebildet hatten. Habeck sprach einem ernstzunehmenden Befund. Der Reaktor im Kreis Steinburg war zuvor planmäßig für den Wechsel von Brennelementen und für die Jahresrevision vom Netz genommen worden.

Hintergrund: Brennelemente und Oxidation

Im Kernkraftwerk Brokdorf befinden sich im Reaktordruckbehälter insgesamt 193 Brennelemente. Sie bilden den Reaktorkern. In einem Brennelement sind 236 Brennstäbe. Sie werden im Reaktorkern mit boriertem Wasser gekühlt. Der im Kühlmittel enthaltene Sauerstoff und der Wasserstoff reagieren dabei im Reaktorbetrieb mit der heißen Metalloberfläche des Brennstabhüllrohres. Dort bildet sich eine leichte Oxidschicht aus. Dies ist normal.

Die Schichtdicke darf ein bestimmtes Maß jedoch nicht überschreiten, da dann das Hüllrohr unzulässig geschwächt wird. Ab einer Schichtdicke von 160 Mikrometer ist nicht ausgeschlossen, dass es zu einem Integritätsverlust des Hüllrohres kommt – es also nicht mehr vollständig dicht ist. Außerdem kann bei einer zu starken Oxidschicht die Wärme vom Brennstab in das Kühlmittel nicht mehr so abgeführt werden wie vorgesehen- der Wärmeübertrag wird also unzulässig beeinflusst.

 

„Besorgniserregend ist vor allem, dass die Prozesse im Reaktorkern offensichtlich anders ablaufen als erwartet“, sagte Habeck am Mittwoch. „Eine so starke Oxidierung in kurzer Zeit sprengt alle bisherigen Prognosen.“ Der Atomaufsicht liege noch kein umfassendes Untersuchungskonzept vor. „Erst wenn die Ursache geklärt ist und ein Nachweisverfahren besteht, das den tatsächlich aufgetretenen Oxidationsprozess berücksichtigt, kann das Akw wieder anfahren“, bekräftigte Habeck. „Alles andere wäre fahrlässig.“

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