Energiewende : Offshore-Krise schürt Angst um Jobs

Der Offshore-Windenergiepark 'BARD Offshore 1' rund 100 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum in Niedersachsen. Foto: dpa
Der Offshore-Windenergiepark "BARD Offshore 1" rund 100 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum in Niedersachsen. Foto: dpa

Der Ausbau der Offshore-Windanlagen kommt nicht voran. "Die Krise trifft auch Schleswig-Holstein", sagt Stefan Sievers von der IHK. Einigen Unternehmen läuft die Zeit davon.

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13. Juli 2013, 11:23 Uhr

Berlin / Husum | Wegen des schwächelnden Ausbaus der Offshore-Windenergie sorgen sich die Gewerkschaften jetzt um Jobs: "Die Flaute beim Ausbau der Offshore-Windparks gefährdet die Energiewende und Tausende von Arbeitsplätzen", sagte am Donnerstag der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Nord, Uwe Polkaehn.
Hintergrund ist der Projektbericht mit dem Titel "Umsetzungsstatus von Offshore-Windpark-Projekten (OWP) in der Deutschen Nordsee" des hierauf spezialisierten Beraters Michael Erler. Nur für 2900 Megawatt gebe es demnach derzeit überhaupt eine Finanzierung, davon seien bisher 2300 Megawatt in der Errichtung. Da in der Bauphase teilweise "erhebliche technische Schwierigkeiten" aufgetreten seien, würden Investoren vor dem Einstieg in neue Projekte zurückschrecken. Hinzu kämen höhere Wartungskosten als erwartet und Munitionsfunde.

Abschied vom 10.000-Megawatt-Ziel

Selbst bis 2023 rechnet Erler nur mit zwischen 3700 (konservatives Szenario) bis maximal 5900 Megawatt (optimistisches Szenario). Die Bundesregierung hält bisher offiziell an 10.000 Megawatt bis 2020 und 25.000 Megawatt bis 2030 fest. Für die Unternehmen an der Küste, die sich auf den Offshore-Bereich spezialisiert haben, könnte es ein böses Erwachen mit einer Bedrohung tausender Arbeitsplätze geben. Einige Firmen sind schon insolvent, ihnen läuft die Zeit davon. "Die Krise trifft auch Schleswig-Holstein, aber in größerer Anzahl sind Unternehmen im nördlichen Niedersachsen betroffen", sagt Stefan Sievers von der IHK Schleswig-Holstein. "Offshore ist eine Sache für große Player geworden", erklärt Martin Schmidt vom Branchenverband Windcomm aus Husum. Nur die könnten Rückschläge in der Entwicklung verkraften. Schmidt geht aber davon aus, dass Offshore-Anlagen in wenigen Jahren ähnlich kostengünstig Strom produzieren wie die derzeit noch in diesem Punkt überlegenen Windkraftanlagen an Land.
Die Realität ist aber trübe, gerade mal Turbinen mit 320 Megawatt liefern in Nord- und Ostsee Strom. Zum Vergleich: Ein Atomkraftwerk hat 1400 Megawatt Leistung. Bis zur Bundestagswahl hat sich die schwarz-gelbe Bundesregierung eine Art Schweigegelübde in Sachen Offshore-Windenergie auferlegt. Aber ein wichtiger Regierungsbeamter macht keinen Hehl daraus, dass es einen Abschied vom hehren 10.000-Megawatt-Ziel geben wird. Nach der Wahl. Maximal 6000 Megawatt seien wegen der Investitionszurückhaltung noch machbar.

Umstrittene Offshore-Umlage

Es dauere eben lange, bis diese Technologie sich durchsetze, sagt der Sprecher des Bundesverbandes Windenergie, Martin Hochstätter, der Offshore nach wie vor für nötig hält. Es sei unangebracht, dass die Regierung zunächst unrealistische Ziele für den Ausbau von Offshore-Windkraft formuliere und diese dann sukzessive nach unten korrigiere. "2004 sollten es 20.000 Megawatt werden, jetzt nur noch 10.000. Das diskreditiert die Offshore-Branche. Ich sage, wenn wir am Ende 6000 Megawatt haben, ist das toll." Hochstätter schätzt die Gefahr von Krisen für Unternehmen als weniger stark ein. "Die meisten Unternehmen, die in der Offshore-Branche unterwegs sind, werden das stemmen können." Deswegen sei der Verlust von Jobs nicht sehr groß.
Tennet-Chef Lex Hartman musste bisher als Prügelknabe fürs verspätete Anschließen von Offshore-Anlagen herhalten - die Branche nennt das als Mitgrund dafür, warum sich bislang so wenige Windräder drehen. Dann kam eine Haftungsregel, Risiken für Netzprobleme wurden abgewälzt. Seit Anfang des Jahres gibt es eine umstrittene Offshore-Umlage, die einen Drei-Personen-Haushalt bei den Stromkosten jährlich neun Euro kostet.

Es geht ums Geld

Anschlüsse und Seekabel könnten nun bereit stehen, die Windturbinen aber nicht. "Bereits zeitnah geplante Beauftragungen weiterer Netzanbindungen könnten hohe Leerkosten verursachen, die über die Netzentgelte vom Verbraucher getragen werden müssten", heißt es in dem Projekt-Bericht, der Tennet übergeben wurde. Der Konzern schaffe nun Abtransportkapazitäten für 6200 Megawatt - womöglich zu viel. Gerade wenn Windparks mangels Geld viel kleiner ausfallen. Es drohen Kosten für nicht genutzte Leitungen, die die Bürger über den Strompreis zahlen müssen.
Wenn zwei Parks vor Borkum nicht mit der geplanten Kapazität von jeweils 900 Megawatt gebaut werden, drohten Leerkosten von 800 Millionen Euro pro Jahr, ohne einen weiteren Park vor der niedersächsischen Küste bei Emden könnten sie sich bis 2021 auf rund eine Milliarde Euro erhöhen, so die Befürchtung.
Letztlich geht es ums Geld: Die Reform des Erneuerbare-Energiengesetzes wird klären müssen, wie viel Förderung welche Branche bekommt - und wie viel der Verbraucher über Steuern oder Strompreise für die Energiewende zahlen muss. Nur in diese Reform, das glauben alle Experten, wird vor der Bundestagswahl kein frischer Wind mehr kommen.

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